Sie kennen vielleicht das sogenannte runner’s high - das Hochgefühl, das sich bei Langstrecken- oder Marathonläufern nach einiger Zeit einstellt. Doch laufen kann noch mehr - Sie müssen noch nicht einmal dabei rennen. Ein simpler, aber regelmäßiger Spaziergang hilft schon dabei, nicht nur fit zu bleiben, sondern auch schlau...

Mehr Bewegung! Der Stuhl ist dein Feind

Permanentes Sitzen kann das Risiko, an Alzheimer, Parkinson oder Depressionen zu erkranken, deutlich erhöhen. "Sitzen ist der neue Krebs", titelten schon manche deswegen. Jede täglich auf der Couch verbrachte Stunde steigert die Sterblichkeit um elf Prozent, so das Ergebnis einer Studie des australischen Herz- und Diabetes-Instituts in Victoria.

Umgekehrt konnten mehrere Versuche, unter anderem an der Yale-Universität, zeigen, dass bei regelmäßiger Bewegung Proteine wie VEGF, IGF1 oder BDNF ausgeschüttet werden, die sowohl die Bildung neuer Blutgefäße1 im Gehirn (und damit dessen Sauerstoffversorgung) fördern als auch das Wachstum frischer Nervenzellen im Hippocampus anregen. Zudem helfen die Bausteine, die grauen Zellen besser miteinander zu vernetzen.

Sogar das Depressionsrisiko lässt sich durch Bewegung minimieren. So haben US-Forscher des National Institute of Mental Health rund 1900 kerngesunde Menschen über einen Zeitraum von acht Jahren beobachtet: Die Depressionsrate derjenigen, die sich in dieser Zeit kaum bewegten, war doppelt so hoch wie die der regelmäßigen Spaziergänger oder Jogger.

Eine Untersuchung der Universität in Athens unter 4600 Kindern bestätigt das: Faule, bewegungsarme Kinder wiesen häufiger depressive Verstimmungen auf als die körperlich aktiven.

Wer sich bewegt, lernt besser

Auch die Psychologin Sabine Schäfer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung hat sich mit der körperlichen Bewegung im Allgemeinen und dem Laufen im Besonderen beschäftigt. In einem dreistufigen Experiment mussten beispielsweise 32 Kinder und 32 Erwachsene einen Gedächtnistest absolvieren.

  • Beim ersten Durchgang ließ sie ihre Probanden parallel zum Lernen auf einem Laufband spazieren – bei einer selbst gewählten Geschwindigkeit.
  • Im zweiten Versuch legte Schäfer das Tempo fest.
  • Der dritte Durchlauf indes war keiner: Hier mussten die Teilnehmer die Aufgaben im Sitzen memorieren.

Schon bald zeigte sich: Wer auf dem Band lief, lernte besser als im Sitzen – und das über alle Altersgruppen hinweg.

Auch bei schwierigeren Aufgaben dasselbe Ergebnis, jedoch bei den Kindern mehr noch als bei den Erwachsenen. Ebenso lernten die Probanden bei ihrem eigenen Rhythmus besser als bei dem von Sabine Schäfer gewählten Tempo.

Die Wissenschaftlerin vermutet, dass körperliche Aktivität, zusätzliche Energiereserven hebt und somit die grauen Zellen anregt.

Charles Hillman von der Universität von Illinois konnte wiederum bei seinen Untersuchungen, dass schon kurze Pausen mit körperlicher Bewegung enorm die Hirnaktivität anregen. Anschließend verbesserten sich bei den Probanden Reaktionszeiten, Konzentrationsvermögen und die Fähigkeit, schnell zwischen verschiedenen Aufgaben hin und her zu wechseln.

Welch enormen Unterschied eine 20-minütige bewegte Pause im Gehirn ausmachen kann, zeigen eindrucksvoll die Hirnscans der 241 Probanden (hier ein Durchschnitts-Scan):

Bewegung-Spazieren-Hirnfunktion-Grafik

Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch die Untersuchungen von Marily Oppezzo und Daniel L. Schwartz. Hier verbesserten sich die kognitiven Leistungen der Probanden durch das Spazieren gehen um 23 Prozent.

Genauso bei Simone Ritter, Rick van Baaren und Ap Dijksterhuis von der Radboud Universität im holländischen Nijmegen. Für die Experimente rekrutierte das Forschertrio zunächst 112 Studenten und gab ihnen jeweils rund zwei Minuten Zeit, um relative harmlose Aufgaben möglichst originell zu lösen. So was wie: Wie lässt sich für Supermarktkunden die Wartezeit in der Schlange vor der Kasse attraktiver gestalten?

Als nächstes unterteilten die Forscher ihre Probanden in zwei Gruppen:

  • Die einen gingen gleich wieder an die Arbeit.
  • Die zweite Hälfte sollte sich mit ein paar Spielchen für zwei weitere Minuten zerstreuen.

Währenddessen bewertete eine unabhängige Jury die Qualität und Kreativität der Ideen. Danach waren die Studenten dran, ihre besten Einfälle zu selektieren.

Das Erste, was die Wissenschaftler bemerkten, war wenig spektakulär: Beide Gruppen brüteten eine annähernd gleiche Zahl an Vorschlägen aus, und bei beiden waren die Einfälle auch vergleichbar gut und kreativ.

Dann aber stellte das Team um Simone Ritter etwas bemerkenswertes fest: Die Tatsache, dass der einen Gruppe Zeit gegeben wurde, sich abzulenken reichte aus, damit diese deutlich besser erkannten welcher Vorschlag brauchbar war und welcher weniger. Während jene Studenten, die sofort zu diesem Job übergingen, nur rund 20 Prozent ihrer innovativsten Gedanken identifizierten, waren es bei den zuvor Zerstreuten ganze 55 Prozent.

Oder anders ausgedrückt: Wer sich zwischen dem kreativen Schaffensakt und dessen Bewertung ablenkt (etwa durch einen Spaziergang), findet gut doppelt so viele gute Ideen. Vorausgesetzt natürlich, die Basis gibt was her.

Arbeitsrecht: Ist der Spaziergang zwischendurch versichert?

ParagrafGanz klar: Nein. Die gesetzliche Unfallversicherung unterscheidet bei einem möglichen Arbeitsunfall sehr genau, ob der Unfallort im Zusammenhang mit der Tätigkeit steht. Wer also beispielsweise auf dem Weg zur Arbeit ist, ist gesetzlich unfallversichert; wer aber nach dem Mittagessen einen Verdauungsspaziergang macht oder in seiner Büropause eine kreative Runde um den Block dreht, ist es nicht und muss für die Kosten einer Verletzung selber aufkommen. Denn dies gilt als private Tätigkeit. Wobei es natürlich auch immer Einzelfallentscheidungen geben kann.

Das Denken geht spazieren

Schon immer haben große Denker und Philosophen die Weite der Natur gesucht, um ihren Geist erst zu durchlüften, dann zu beflügeln.

Friedrich Nietzsche zum Beispiel galt als ausdauernder Spaziergänger, der die grandiose
Kulisse des Engadins regelmäßig während seiner Sommeraufenthalte zwischen 1881 und 1888 Jahr für Jahr heimsuchte und prompt darauf seinen Zarathustra sagen ließ: "Ich liebe den Wald. In den Städten ist schlecht zu leben."

Auch der passionierte Wanderer und Dichter Johann Gottfried Seume stimmte in die Emphase ein, als er von einem Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802 heimkehrte: "Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt."

Theodor W. Adorno wiederum verbrachte jeden Sommer zwischen 1955 und 1966 mit seiner Frau im "Waldhaus" seine Ferien. Dabei wanderte das Paar durch das Fex-Tal, zu der Halbinsel Chasté, dem direkt am Silser See gelegenen Weiler Isola oder auf die Laret-Höhe. Adorno selbst kommentiert die Erlebnisse so: "Aus der Höhe nehmen die Dörfer sich aus, als wären sie von oben mit leichten Fingern hingesetzt, beweglich und ohne Fundament."

Weitere berühmte und kreative Spaziergänger

  • Ludwig van Beethoven

    Immer nach dem Mittagessen pflegte der Komponist einen längeren Spaziergang zu unternehmen, zu dem er auch Papier und Stift mitnahm.

  • Charles Dickens

    Der Schriftsteller lustwandelte am Nachmittag regelmäßig bis zu drei Stunden an der frischen Luft.

  • Sören Kierkegaard

    Der Philosoph kehrte von seinen Spaziergängen derart beseelt zurück, dass er sich gleich mit Hut, Spazierstock und Regenschirm an den Schreibtisch setzte und losschrieb.

Ob Flaneur, Lustwandler, Exkursionist oder einfach nur Zuschauer, der die Welt aus einer erhabenen Perspektive beobachtet: Wenn wir spazieren, geht unser Geist ebenfalls auf Wanderschaft, öffnet den Horizont, entdeckt und lernt.

Schon der Philosoph Michel de Montaigne erkannte früh: "Mein Geist geht nicht voran, wenn ihn nicht meine Beine in Bewegung setzen." Der Schriftsteller Jean-Jacques Rousseau hingegen formulierte: "Im Wandern liegt etwas meine Gedanken Anfeuerndes und Belebendes, mein Körper muss in Bewegung sein, wenn es mein Geist sein soll."

Worauf also noch warten? Gehen Sie einfach öfter spazieren - zum Beispiel jetzt. Und sei es nur eine Runde um den Block...

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