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Sicherlich kennen Sie das: Sie beobachten, wie jemand sich den Musikknochen am Ellenbogen stößt und "fühlen" fast schon den unangenehmen Schmerz. Oder Ihr Arbeitskollege gähnt herzhaft und Sie können Ihr Gähnen kaum unterdrücken: Dass es Ihnen so geht, dafür werden die sogenannten Spiegelneuronen verantwortlich gemacht. Mittlerweile vor einem Vierteljahrhundert entdeckt, weiß man immer noch recht wenig über diese Nervenzellen. Sie werden mit einer Reihe von Empfindungen in Verbindung gebracht, so auch Empathie und Sympathie...

Spiegelneuronen Definition: Nervenzellen der einfühlsamen Art

Spiegelneuronen Psychologie Spiegelneuronen Empathie Spiegelneuronen DefinitionNervenzellen im präfrontalen Cortex (Stirnlappen) des Gehirns, die beim Betrachten einer Handlung dieselbe Reaktion zeigen wie bei der eigenen Ausführung, werden als Spiegelneuronen bezeichnet.

Zu Beginn der neunziger Jahre unternahm eine Gruppe italienischer Forscher um Giacomo Rizzolatti eine Reihe von Versuchen mit Makaken, einer Affenart unter den Primaten. In den Versuchen der Universität Parma wurden Beobachtungen zum Verhalten der Affen notiert. Ursprünglich sollte herausgefunden werden, wie Handlungen im Gehirn geplant und umgesetzt werden und welche Nervenzellen bei diesem Vorgang aktiv sind.

Die Messungen ergaben, dass Neuronen des Hirnareals F5c reagieren, wenn ein Affe nach einer Nuss griff. Bei einem der Versuche reagierte das Messgerät allerdings auch, als der Affe lediglich beobachtete, wie einer der Forscher nach einer Nuss griff.

Diese Reaktion der Nervenzellen auf das Verhalten eines anderen wurde als "spiegeln" interpretiert, weshalb sie als Spiegelneuronen - englisch auch mirror neurons - bezeichnet werden. Beim Menschen entspricht das tierische Areal des Spiegelneuronensystems in F5c dem Broca-Areal, das mit mit Sprachfunktionen in Verbindung gebracht wird.

Was sich zunächst auf die Betrachtung von Handlungen bezog, konnte 2006 von der Neurowissenschaftlerin Sophie Scott vom University College London auch für Gefühle belegt werden: Sie spielte in einem Versuch Teilnehmern Laute vor, die verschiedene Emotionen wie Ekel, Angst, Triumph oder Freude ausdrückten. Demzufolge waren die Hirnareale auch in diesen Fällen aktiv.

Spiegelneuronen werden daher ebenfalls als Simulations oder Empathieneuronen bezeichnet.

Diskutiert werden im Wesentlichen drei Hypothesen zu Funktionen von Spiegelneuronen:

  • Sie ermöglichen ein Verständnis beobachteter Handlung und das Erfassen von Handlungszielen.
  • Sie tragen zum Verständnis sozialen Verhaltens und emotionalen Ausdrucks bei.
  • Sie erlauben ein Erkennen kommunikativer Ausdrücke; eine Fehlfunktion der Spiegelneuronen ist ursächlich für Fehlinterpretationen.

Spiegelneuronen: Empathie muss erlernt werden

Das Besondere an Spiegelneuronen ist, dass diese Nervenzellen in einem Bereich sitzen, der für die Motorik zuständig ist. Die Tatsache, dass sie sich nicht in einem Bereich des Hirns befinden, der für wesentliche komplexere Abläufe zuständig ist bewirkt auch, dass der Mensch bestimmte Dinge quasi intuitiv nachempfinden kann.

Spiegelneuronen sind bereits bei Babys aktiv: Schon ab neun Monaten beginnen wir unsere Umwelt bewusst wahrzunehmen und mit ihr zu interagieren. Allerdings ist es mit der bloßen Existenz dieser Empathieneuronen nicht getan: Die Fähigkeit, Gefühle nachzuempfinden muss erlernt werden, braucht einen Partner.

Für gewöhnlich lernt das Baby über seine Mutter (oder eine andere Bezugsperson) das Erforschen von Gefühlen. Bei Erwachsenen setzt nach dem Hervorrufen einer bestimmten Emotion eine Aktionshemmung ein. Würde das nicht passieren, würden wir andauernd von unseren Gefühlen übermannt und/oder das Verhalten anderer unreflektiert nachahmen.

Allerdings kann auch unser Verstand diese Aktionshemmung hervorrufen, die bei Babys noch wesentlich schwächer ausgeprägt ist. Wenn im Zuge dieses Lernprozesses allerdings das Baby schlechte Erfahrungen macht, hat das ebenfalls Auswirkungen auf die Spiegelneuronen.

Ein Kind, das erlebt, wie freundliche wirkende Menschen unangenehme Seiten zeigen, wird zukünftig auf freundliche Menschen anders reagieren als Kinder, die diese Erfahrungen nicht gemacht haben. Der Hirnforschung zufolge kommt der Lebensphase zwischen dem 12. und 15. Lebensjahr eine große Bedeutung zu, da sich Empathie und Spiegelneuronen erneut miteinander verbinden.

Spiegelneuronen: Verantwortlich für soziales Miteinander

Die Existenz von Spiegelneuronen hilft einer alten Frage auf die Sprünge: Wie kommt es, dass Menschen sich so gut in andere einfühlen können? Die Antwort: Dadurch, dass ein und dieselben Spiegelneuronen stellvertretend für etwas stehen, was ein Mensch selbst tut und was ein anderer Mensch macht, kann man eine Handlung gut auf sich selbst beziehen.

Das wiederum führt auch zu einem besseren Verständnis von Handlungen, die wir selbst noch nicht ausgeführt, aber bei anderen Menschen beobachtet haben; wir imitieren leichter.

Wenn allerdings auf emotionaler Ebene der Grad unseres Mitgefühls von Vorerfahrungen abhängig ist, wirft dies Fragen im Umgang mit Menschen auf, deren Verhaltensweisen abweichen.

Vor diesem Hintergrund erscheint verständlich, warum Straftäter keine Spiegelneuronen entwickeln konnten, wenn beispielsweise in frühester Jugend Vernachlässigung, Gewalt und emotionale Kälte ihr Leben geprägt haben. Es zeigt außerdem, welche enorme Bedeutung der Therapie zukommt, wenn man solche Straftäter resozialisieren will.

Nun haben die meisten Menschen in Ihrem Arbeitsalltag vermutlich weniger mit gewaltbereiten Straftätern zu tun. Aber in der Diskussion um Spiegelneuronen taucht ein bestimmter Persönlichkeitstypus wieder auf: der Psychopath.

Untersuchungen des deutsch-französischen Neurowissenschaftlers Christian Keyers zeigten, dass solche Menschen beim Betrachten von schmerzhaften Verrenkungen keinerlei Mitgefühl zeigten, das zuständige Hirnareal also regungslos blieb.

Die große Überraschung dieser Untersuchung liegt allerdings weniger in dem mangelndem Mitgefühl (für das Psychopathen bekannt sind), sondern in der Tatsache, dass diese psychopathisch veranlagten Menschen nach der ausdrücklichen Bitte um Mitgefühl sehr wohl in der Lage waren dies zu zeigen: Sie können also ihre Emotionen tatsächlich an- und ausknipsen.

Anders hingegen gestaltet es sich bei Autisten. Jüngere Forschungen lassen den Rückschluss zu, dass Spiegelneuronen bei Autismus nicht funktionieren.

Spiegelneuronen: Psychologie oder Soziologie? Beides!

Der Einfluss von Spiegelneuronen geht Sozialpsychologen zufolge aber noch viel weiter: Der Mensch hat den Wunsch, sein Verhalten und seine Gefühle gespiegelt zu bekommen. Das lässt sich hervorragend anhand von Großveranstaltungen, aber auch in der Art wie wir wohnen ablesen.

Anpassung und Angleichung drücken Verbundenheit aus. Das führt dazu, dass man sich in vielen Bereichen anpasst, etwa beim...

  • Filmgeschmack
  • Mode
  • Büchern
  • Musik
  • Fußballverein und dergleichen mehr.

Ein Großteil des menschlichen Handelns orientiert sich dabei an drei Motiven:

  • Sicherheit: Wir möchten ein sicheres Wissen haben über uns und die Umwelt.
  • Kontrollbedürfnis: Wir möchten in verschiedenen Situationen angemessen reagieren können.
  • Wohlbefinden: Wir möchten uns über uns und die Gruppen, denen wir angehören gut fühlen.

Für gewöhnlich sucht man sich also Gruppen mit ähnlichen Interessen und übernimmt unbewusst die Sichtweise der anderen. Das führt dazu, dass unsere Meinung von anderen beeinflusst wird - womit die Objektivität auch in Frage gestellt wird.

Gut ist das beispielsweise im Stadium zu erkennen, wenn die Lieblingsmannschaft spielt: ein- und dieselbe Situation wird je nach Lager beurteilt - für die einen war eine Handlung ein klares Foul, für die anderen eine eindeutige Schwalbe.

Und dass Gruppen Normen vorgeben, kann man auch sehr schön an Reihenhaussiedlungen erkennen: Wer seinen Rasen wild wuchern lässt, während alle anderen ihren Rasen sorgsam umhegen und jede Pflanze exakt ihren Platz zugewiesen bekommt, schießt sich selbst womöglich ins nachbarschaftliche Aus.

Und dieser Wunsch nach Anpassung und Zugehörigkeit begegnet uns auch auf der Arbeit wieder, etwa beim (womöglich inoffiziellen) Dresscode, aber auch, wenn wir von Kollegen erfahren, welche Serien wir unbedingt gucken müssen, da sie der neuste Renner sind.

Die Forschung spricht hier auch vom Resonanzphänomen: Wer uns imitiert, den mögen wir und umgekehrt.

Spiegelneuronen: Kritik an der Vergleichbarkeit

Manchen Forschern gehen die Ergebnisse und Rückschlüsse aus den bisherigen Forschungen an Spiegelneuronen zu weit. Das fängt bereits mit der Übertragbarkeit der Ergebnisse an: Inwieweit lassen sich Affen - zumal es auch eher kleine Primaten sind - mit Menschen vergleichen?

Studien an Menschen, vor allem konkrete Beobachtungen der jeweiligen Hirnareale, sind nicht im großen Stil möglich, da hierfür sich vor allem Operationen am Gehirn (wie sie bei bestimmten Formen der Epilepsie vorkommen) unter vorherigem Einverständnis des Patienten eignen würden.

Ungeachtet dessen wird aber das Ursache-Wirkungs-Prinzip vom Hirnforscher Gregory Hickok (Podcast) infrage gestellt. Seiner Meinung nach sind es nicht die Spiegelneuronen, die uns durch Imitation sozial machen. Sondern andersherum: Weil wir sozial sind, imitieren wir Handlungsweisen anderer.

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