Klare Rituale bewahren vor der Mühsal der Entscheidung, weshalb ihnen der Ruf, Sicherheit zu vermitteln, anhaftet, aber auch der Dünkel des Überdrusses. Wir leben in einer komplexen Welt im Wandel. Vieles verändert sich in immer kürzeren Zyklen. Vor allem das Wissen. So müssen wir ständig dazulernen, umlernen, uns anpassen, Prioritäten neu setzen. Ein Leben lang flexibel bleiben.
Diese Aussichten machen vielen Angst. Sie fühlen sich hoffnungslos überfordert. Das ist die Stunde der Routinen, denn sie verringen die Komplexität. Gewohnheiten nehmen das Tempo raus, verhelfen zu einem besseren Überblick, geben Sicherheit und senken den Stresspegel. Dank ihnen können wir selbst ungewohnte wie unangenehme Aufgaben leichter in den Alltag integrieren. Während sich alles bewegt, bilden Rituale die Konstanten – eine Art Hafen, in den man sich zurückziehen kann, wenn es draußen turbulent wird.
Schon Kinder lieben Rituale. Nichts ist schöner, als wenn Papa oder Mama regelmäßig vor dem Einschlafen eine Geschichte erzählen oder alle zusammen jedes Jahr unter dem Weihnachtsbaum dieselben Lieder singen. Solche Gewohnheiten vermitteln Geborgenheit. Studien konnten nachweisen, dass Rituale sogar sinnstiftend wirken: Sie helfen Ordnung zu schaffen, Paarbeziehungen zu bereichern, sogar das Selbstvertrauen können sie steigern. Etwa, wenn wir merken, dass wir bestimmte Erfolge reproduzieren können – wie jedes Jahr einen Marathon zu laufen.
Ihre größte Wirkung erzielen Riten jedoch in Gruppen oder Organisationen. Sie mögen über die Verleihung einer goldenen Uhr zum 30-jährigen Dienstjubiläum schmunzeln oder After-Work-Partys altbacken finden. Solche Zeremonien festigen aber den sozialen Zusammenhalt, die Rangordnungen und die Identifikation in und mit einem Unternehmen.
Natürlich muss jeder dabei bereit sein, solche Abläufe stetig zu hinterfragen und zu korrigieren, falls sie sich als überholt erweisen. Zu starr dürfen Bräuche nicht werden, sonst wirken sie wie ein enges Korsett. Schon deshalb ist es gar nicht so dumm, von Zeit zu Zeit den Alltag zu verändern, weil jede geglückte Neuerung frischen Wind in unser Bewusstsein weht. Es gibt Managementtrainer, die unterstellen Führungskräften sogar einen Störungsauftrag. Weil sich Märkte permanent wandeln, müssen sie ihr Unternehmen ständig impfen und mit neuem Immunschutz aufladen – also Mitarbeiter permanent von den Stühlen reißen, die Organisation umstrukturieren und fest getrampelte Pfade verlassen. Bloß keine Gewohnheiten entstehen lassen! So aktionistisch sich das auch anhört, falsch ist das nicht.







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