Meetings laufen so: Etwa acht Menschen sitzen in einem hellen Raum um einen Tisch. Der Leiter sitzt am Kopfende und ist das verortete Aufmerksamkeitszentrum. Er beginnt mit Smalltalk. Manche sitzen dabei zurückgelehnt, eher gelangweilt, andere vorgebeugt. Sie versuchen die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Der intellektuellen Primadonna am anderen Kopfende geht das alles zu langsam. Zwei Leute sagen gar nichts oder beschränken ihren Beitrag auf Zustimmung oder Wiederholung. Andere reden viel und sagen wenig. Ergebnis: Keiner ist so blöd, wie alle zusammen.

Meetings sind Minenfelder. Viele Büroarbeiter gehen schon mit Vorurteilen in solche Gruppengespräche: „Das wird wieder nichts.“ „Meier, der alte Nörgler, macht sowieso alles schlecht.“ „Die Kasuppke will sich nur in Szene setzen und Lehmann nur seine tollen Ideen durchbringen.“ Der Effekt ist wie bei einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung: Es wird tatsächlich ein Desaster. Tatsächlich stecken dahinter oft Traditionen, eingeschliffene Verhaltensweisen und Rituale. Allerdings wusste schon der indische Mystiker Ramakrishna: „Der Lärm der äußeren Riten verschwindet, wenn wahre Erkenntnis anbricht.“

Entsprechend versuchen Wissenschaftler, allen voran Psychologen und Verhaltensforscher, seit einigen Jahren schon die Geheimnisse unserer Büromanieren und -riten zu dekodieren. Heraus gekommen ist dabei unter anderem das Parkinson’sche Gesetz, das sein Entdecker, der britische Historiker und Publizist Cyril Northcote Parkinson bereits 1957 formulierte: Danach dehnt sich Arbeit in genau dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht. Stundenlang werden Themen diskutiert, alle reden mit, auch wenn sie keine Ahnung haben. Am Ende delektieren sich die Teilnehmer an den unwichtigsten Details. Aber fünf Minuten vor Schluss werden doch noch die wichtigen Beschlüsse gefasst. Warum nicht gleich so? Oder die Erkenntnis, die der britische Psychologie-Professor Meredith Belbin in den Siebzigerjahren am Henley Management College erlangte: Er fand heraus, dass für den Gruppenerfolg nicht der Scharfsinn des Einzelnen ausschlaggebend ist, sondern vielmehr wie sich die Persönlichkeitsprofile im Team ergänzen und beeinflussen. Kurzum: Nicht das Team mit den smartesten Köpfen bringt die besten Ideen hervor, sondern das mit der größten Diversität.

Nun kommt eine weitere Theorie hinzu: Wo wir im Meeting sitzen, verrät wer wir sind und wie wir ticken. Oder anders formuliert: Unter unseren Zweireihern, den Manolo Blahniks, hinter den rahmenlosen Brillen und Blackberrys steckt oft nichts weiter als eine Affenhorde, die primitiven Instinkten und Routinen folgt. Oder haben Sie sich nicht auch schon gefragt, warum sich Kollege X und Kollegin Y im Meeting stets auf ihre Stammplätze fläzen?

Die Psychologin Sharon Livingston hat das etwas genauer untersucht und dabei sieben Typen und ihre dazu gehörigen Sitzplätze identifiziert. Das Ganze klingt, zugegeben, ein wenig holzschnittartig – aber das sind Archetypen immer. Genauso wie ihnen immer auch ein wahrer Kern innewohnt. Aber prüfen Sie es selbst: Das nächste Mal, wenn Sie wieder zur Besprechung pilgern, achten Sie einfach mal darauf, wer sich wo hinsetzt und wie er sich dabei verhält. Oder nutzen Sie die Erkenntnis, und setzen Sie sich dorthin, wo Sie meinen hinzugehören. Nur vielleicht nicht auf den Platz des Chefs – sonst steht Ihr Stuhl vielleicht demnächst vor der Tür…

Sitzplätze – und was sie verraten

  • Der Boss. Chefs pflegen am Kopfende des Tisches Platz zu nehmen. Noch lieber aber sitzen sie mit dem Rücken zur Wand und dem Gesicht zur Tür. Das hat den Vorteil, dass sie Gruppenneulinge ein paar Sekunden eher erblicken als der Rest der Gruppe. Ebenso sehen sie, wer zu spät kommt. Rausschleicher haben sowieso keine Chance.
  • Rechte Hand. Rechts neben dem Boss sitzt nicht zwangsläufig seine sprichwörtliche rechte Hand – aber stets ein eifriger Zustimmer und Abnicker. Wer hier Platz nimmt, interessiert sich mehr für die Gunst des Herrschers als für die Gruppe oder das Thema.
  • Linke Hand. Die Nähe zum Chef drückt zweierlei aus: Einerseits Verbundenheit, gleichzeitig aber auch den eigenen Machtanspruch. Es ist schließlich die nächste Position zum Kopfende. Die linke Seite betont jedoch auch eine Ja, aber-Haltung. Im Prinzip stimmt diese Person mit dem Boss überein, sie behält sich aber auch das Recht einer anderen Sichtweise vor.
  • Mittelfeld. Gerade an langen Tischen gibt einem dieser Platz die beste Gelegenheit, mit möglichst vielen Meeting-Teilnehmern Blickkontakt zu halten. Entsprechend sitzen hier besonders gerne Extrovertierte, aber auch Mediatoren, die zwischen beiden Tischseiten vermitteln können.
  • Beisitzer. Die Eckposition an den Tischenden ist der bevorzugte Platz von Menschen, die sich gern in der Gruppe verstecken. Oft lehnen sie sich zurück, beobachten, hören zu, warten ab. Sie sagen wenig, aber das Wenige ist oft besonders ausgewogen. Es ist der Platz der Analytiker.
  • Gegenüber. Was für die Wurst gilt, trifft auch auf die meisten Sitzungstische zu: Sie haben zwei Enden. Und der Platz direkt gegenüber vom Boss ist stets das beliebte Ende für Kritiker. Man erkennt sie auch daran, dass sie ihre Arme gerne verschränken, rhetorische Fragen stellen; vieles anders finden, meinen, denken – und natürlich machen sie damit vor allem eines deutlich: Sie haben den Durchblick.
  • Außenseiter. Diese Person sitzt nicht am Tisch, sondern dahinter oder daneben. Es kann ein Zeichen dafür sein, dass dieser Typ gerne das große Ganze im Blick hat und nach einer übergeordneten Perspektive strebt. Es kann aber auch sein, dass derjenige einfach nur zu spät gekommen ist und kein Platz mehr frei war.