PendlerDas eigentlich Überraschende am Pendeln ist, dass die Menschen damit weitermachen, obwohl es sie kolossal nervt, stresst, ihnen Rückschmerzen beschert und den Anblick von popelnden Mitpendlern. Man muss schon ziemlich verrückt sein, jeden Tag erneut im Stau zu stehen, erneut anzufahren, zu bremsen, zu warten, erneut zu spät auf der Arbeit zu erscheinen und dafür im Schnitt ganze 44 Minuten Lebenszeit einzubüßen. In Ballungsgebieten sogar noch mehr. Aber so geht das über 15 Millionen Pendlern auf Deutschlands Straßen. Tagein, tagaus quälen sie sich morgens und abends durch überfüllte Zufahrtsstraßen, zähfließenden Verkehr und kilometerlange Staus – oder sie hocken eingequetscht in dem mal wieder verspäteten und überfüllten Regionalexpress zwischen notorischen Deoverweigerern und Liebhabern deftiger Speisen, vorzugsweise mit viel Knoblauch. Da kommt Freude auf!


Am schlimmsten trifft es allerdings die Autofahrer. Laut Statistischem Bundesamt wählen rund 67 Prozent der Berufspendler dieses Verkehrsmittel. Nur 18 Prozent kommen zu Fuß oder mit dem Fahrrad ins Büro; den Bus, die U-, S- oder Straßenbahn nehmen elf Prozent und mit der Deutschen Bahn pendeln gar nur zwei Prozent zwischen Heim und Büro. Das hängt offenbar mit dem Einkommen zusammen: Wer mehr als 2900 Euro netto im Monat verdient, setzt sich statistisch deutlich lieber hinters Steuer, im März 2004 waren das 78 Prozent aller Pendler. Wer so viel verdient, fährt sogar länger: So liegt der Anteil derjenigen, die dabei im Schnitt eine Distanz von mehr als 25 Kilometern zurücklegen, bei 86 Prozent. Im Fachjargon heißen solche Leute „Fernpendler“.

Der französische Philosoph Blaise Pascal kannte solch moderne Büronomaden zwar sicher noch nicht, dennoch erkannte er schon seinerzeit: „Alles Unglück des Menschen rührt daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer sitzen können.“ Und das haben wir nun davon: Rund 58 Stunden stehen wir Deutsche pro Jahr im Stau, haben Stauforscher ausgerechnet. Vor allem im November steigt die Staugefahr. Das lässt sich etwa aus der Statistik der beliebtesten Reisemonate des BAT-Freizeit-Forschungsinstituts ableiten: Danach nehmen sich im August die Leute bis zu 18 Tage frei, im November aber nur einen. Folglich sind dann alle auf der Arbeit – und auf der Straße.

Da ist es dann jedes Mal dasselbe: Zwischen 7 und 8 Uhr wird der Verkehr dichter und dichter, das Fahrtempo auf den Spuren synchronisiert sich zunehmend, der Verkehr wird instabil. Jetzt reicht schon eine einzelne Unaufmerksamkeit, ein waghalsiger Spurwechsel, eine Kurzschlussbremsung, die zu weiteren Bremsmanövern führt und eine Kettenreaktion auslöst. Stauforscher nennen das eine „Stauwelle“, die sich gegen die Fahrrichtung aufbaut. Bis zum Stillstand.

Während draußen der Verkehr ruht, herrscht hinterm Steuer allerdings Hochdruck. Sogar sprichwörtlich. Der britische Stressforscher David Lewis von der Universität von Sussex hat herausgefunden, dass der Stresspegel von Pendlern vergleichbar ist mit dem von Kampfpiloten. Fünf Jahre lang verglich er dazu Blutdruck und Herzfrequenz seiner 800 Probanden mit denen von Jetpiloten und Polizisten in Ernstfallübungen. Und tatsächlich: Der Blutdruck der Pendler stieg rasanter als der beider Kontrollgruppen, teilweise auf bis zu 180.

Wie lange wir auf dem Weg ins Büro brauchen, ist dabei übrigens völlig egal. Was uns stresst, sind vielmehr die Unwägbarkeiten des Weges. Vor allem die Ohnmacht, einem möglichen Stau ausgeliefert zu sein, empfinden die Fahrer als „Tortur“, „Zerreißprobe“, als regelrechten „Albtraum“.

„Was lange gärt, wird endlich Wut“, fasste das der Aphoristiker Hanns-Hermann Kersten pointiert zusammen. Nur gesund ist es nicht: Wer innerlich grollt und sich noch lange darüber ärgert, dass die beiden BMW-Fahrer hinter ihm unbedingt herausfinden mussten, wer dichter drängeln kann, der schüttet permanent Hormone wie Adrenalin und Noradrenalin aus. Und die steigern im Übermaß Blutfett- sowie Zuckerwerte. Wer also morgens chronisch Rot und Rotlichter sieht, lebt mit einem deutlich erhöhten Risiko eines Tages einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden. Manch Gestresste können sich hinterher nicht einmal mehr an gefahrene Streckenabschnitte erinnern und leiden an „Pendler-Amnesie“, wie Lewis das Phänomen nennt. Ganz abgesehen davon, dass sie anschließend gerädert und gereizt auf der Arbeit erscheinen.

Warum tut man sich das jeden Tag an?

Vermutlich weil es kaum Alternativen gibt. Seit die Menschen der Work-Life-Balance einen höheren Stellenwert beimessen, wechseln sie nicht mehr so schnell ihr privates Umfeld, den Freundeskreis und das gemütliche Zuhause. Lieber fahren sie länger zur Arbeit. Dafür gibt es umso mehr Alternativen zum Stress, zum Ärger und zum alltäglichen Verkehrkollaps. Wer also auf dem Weg ins Büro seine in Wallung geratenen Stresshormone besänftigen will, sollte zwei Erkenntnisse berücksichtigen:

Erstens: Dauernde Spurwechsel bringen nichts. Außer vielleicht einem erhöhten Adrenalinspiegel sowie erhöhten Unfallrisiko. Zahlreiche Verkehrsforscher haben unlängst nachgewiesen, dass Spurwechsel den Stau eher noch verstärken – und zwar, weil viele Fahrer dabei drängeln und nachfolgende Fahrzeuge zum Abbremsen zwingen. Schneller und deutlich entspannter kommt voran, wer auf seiner Spur bleibt und Sicherheitsabstände einhält. Zudem sollten Autofahrer bei abnehmenden Fahrbahnen alle Spuren bis zum Ende ausnutzen und sich erst dann im Reißverschlussverfahren einordnen. Das hat nichts mit Vordrängeln zu tun, sondern vermindert schlicht den Staudruck.

Zweitens: Jeden Tag denselben Weg zu fahren, ist Gift für unseren Geist. Routinestrecken lullen ihn ein, wiegen die grauen Zellen in trügerische Sicherheit und sorgen dafür, dass sie irgendwann auf Standby schalten, beim Fahrer sogar noch schneller als beim Beifahrer. Die Folge: Aufmerksamkeit und Reaktionstempo sinken. Statt mit dem Verkehr beschäftigen wir uns dann mehr mit der Musik und den Moderatoren im Radio oder dem attraktiven Menschen im Rückspiegel. Danach reicht schon eine einzige Unachtsamkeit, und Sie schlittern dem Vordermann in die Knautschzone. Besser Sie wechseln ab und an die Route und suchen sich Schleichwege über Landstraßen. Die sind nicht nur praktisch, falls Sie rechtzeitig vom 10-Kilometer-Stau im Verkehrsfunk erfahren, sondern steigern Ihre Kreativität. Denn – auch das haben Wissenschaftler herausgefunden – wer ab und an einen anderen Weg zur Arbeit wählt, bewusst Umwege fährt, bringt seine Oberstube auf Trab und auch seinen Synapsen neue Wege bei. Das Prinzip, das dahinter steckt, heißt mentale Stimulanz. Unser Gehirn giert nach Neuem, nach Ungewohntem, nach sensorischen Reizen. Dafür ist es gemacht. Wann immer Sie Ihre grauen Zellen also mit Neuem füttern, regen Sie diese an. Und steigern so Ihre kognitiven wie kreativen Fähigkeiten.

Aber auch bei der Fahrt selbst, können Sie leicht für Entspannung sorgen. Der einfachste Weg dazu ist eine Fahrgemeinschaft mit Kollegen oder Pendlern zu bilden, die ein ähnliches Ziel haben. Bei der Suche nach Kandidaten helfen Ihnen entweder die Mitfahrzentralen oder entsprechende Netzwerke im Internet, wie etwa das Portal pendlernetz.de, das bereits Mitfahrer in Nordrhein-Westfalen, Stuttgart und der Rhein-Main-Region vermittelt.

Auch die Wut am Steuer lässt sich kontrollieren: „Anger control“ heißt das im Fachjargon und ist letztlich eine Frage des Tatwillens und Trainings. Damit ist weder Verdrängen noch Herunterschlucken gemeint, vielmehr geht es dabei um bewusstes Erleben und Kanalisieren von Gefühlen. Zum Beispiel so:

  1. Durchatmen. Wenn das Blut kocht, sollten Sie zunächst tief durchatmen und bis zehn zählen. In einigen Fällen auch bis 50. Versuchen Sie dabei nur durch die Nase in den Bauch zu atmen – ohne dass sich der Brustkorb hebt. Atmen Sie nach der 4-6-8-Methode: Langsam und tief einatmen, bis vier zählen, die Luft anhalten, bis sechs zählen, langsam durch den Mund ausatmen und bis acht zählen. Das Ganze wiederholen Sie mindestens fünf Mal. Mit der Übung können Sie Ärger genauso wegatmen wie Stress. Der Auslöser ist damit zwar noch nicht unter Kontrolle – aber Sie vermeiden Kurzschlusshandlungen, die später vielleicht genauso bitter bereuen.
  2. Analysieren. Wenn Sie spüren, wie der Ärger anschwillt, machen Sie einen Schritt zur Seite und fragen Sie sich, was Sie auf die Palme treibt. Letztlich beginnt der Groll in Ihnen selbst, das Umfeld ist allenfalls ein Auslöser. Der Abstand zu sich selbst schärft aber den Blick für das große Ganze. Indem Sie die erlebte Kränkung („Der hat mich geschnitten!“) bewusst auf das Niveau holen, das ihr zusteht („Na und?!“), bringen Sie auch Ihre Wut wieder auf ein Normalmaß. Womöglich steckt hinter der teuflischen Gemeinheit ohnehin nichts weiter als Schusseligkeit. So what?!
  3. Abreagieren. In Maßen sind gezielte emotionale Ausbrüche durchaus erlaubt. Schreien Sie Ihre Windschutzscheibe an, hauen Sie mit der Faust auf den Lenker, stampfen Sie auf den Fußraum (nur bitte nicht auf Bremse oder Gaspedal!). Aber nur kurz – und dann lachen Sie darüber. Gelotologen, also Wissenschaftler, die das Lachen (griechisch: gelos) erforschen, haben herausgefunden: Lachen baut Stress ab, hebt die Stimmung (weil der Körper dabei vermehrt Glückshormone ausschüttet), senkt den Blutdruck und lindert Schmerzen.
  4. Hören. Musik vermittelt starke Emotionen – und kann diese dämpfen wie verstärken. Mit beschwingten oder sphärischen Klängen, ruhigem Jazz, Lounge-Musik oder alten Songs, mit denen Sie glückliche Momente erinnern, können Sie zügig miese Laune, Stress oder Aggressionen vertreiben. Für den Fall, dass Sie wieder mal das Gehupe und Gedrängel der anderen Autofahrer auf die Palme bringt, sollten Sie eine entsprechende CD oder einen entsprechenden Ordner im MP3-Player an Bord haben.
  5. Selbstgespräche. Zum einen können Selbstgespräche die eigene Leistungsfähigkeit enorm steigern, Ablenkungen und Störgeräusche ausblenden sowie helfen, Probleme schneller und besser zu lösen. Zum anderen bauen sie aber auch Stress ab, reduzieren Aggressionen und sorgen für einen differenzierteren Blick und mehr Klarheit im Geist. Das hat unter anderem der US-Psychologe Thomas Brinthaupt in seinen Untersuchungen nachgewiesen. Nutzen Sie die Fahrt doch, um laut über Ihren Tagesplan zu sinnieren oder schon mal die anstehende Präsentation zu üben.
  6. Perspektivwechsel. Für jeden Ärger, jede Anspannung gibt es einen oder mehrere Auslöser. Und um die kreisen unsere Gedanken. Und zwar länger als uns gut tut. Dieses ständige Reflektieren und Grübeln ist einer der größten Stressoren, wie etwa ein Experiment von William Gerin von der Columbia Universität zeigte: Je 30 Frauen und Männer sollten sich an eine Situation aus dem vergangenen Jahr erinnern, bei der ihnen der Kragen geplatzt war. Noch während sie das Übel ihren Versuchsleitern schilderten, schnellten bei allen Blutdruck und Herzfrequenz nach oben. Sie zeigten sämtliche Symptome von akutem, starkem Stress. Kurz darauf wurden die Teilnehmer in einen Ruheraum geschickt – im ersten Durchlauf war dies ein karges Wartezimmer, beim zweiten bot der Raum reichlich Ablenkung in Form von Zeitschriften, Geschicklichkeitsspielen und einer Pinnwand mit bunten Postkarten. Effekt: Bei jenen, die sich ablenken konnten, kreisten nur noch 17 Prozent der Gedanken um den Ärger, bei den isolierten Grüblern dagegen waren es 31 Prozent – fast doppelt so viel! Sie beruhigten sich auch erst elf Minuten später als die Zerstreuten. Fazit: Ständiges Grübeln hält den Stresslevel auf konstantem Niveau. Wie sich das kompensieren lässt, fanden Forscher glücklicherweise ebenso heraus: Probanden, die sich jeden Morgen für ein paar Minuten auf freundliche Gesichter fokussierten und so lernten, Negatives auszublenden, waren bereits nach einer Woche deutlich entspannter und produzierten weniger von dem Stresshormon Kortisol.