Ein Gastbeitrag von Michael Moesslang
In der ersten Folge hatte ich Ihnen versprochen, mit einer wirkungsvollen Methode Ihr Lampenfieber zu reduzieren, die bei den Ursachen ansetzt. Viele Redner beispielsweise haben nicht in jeder Situation diese Qual, die wir Lampenfieber nennen. Für manche tritt das nur auf, wenn sie nicht gut vorbereitet sind oder die Umgebung ungewohnt ist. Für viele ist es mehr entscheidend, wer im Publikum sitzt.
Kennen Sie das?
Was bereitet Ihnen mehr Angst: Ein besonders großes Publikum oder das Einzelgespräch? Ein fremdes Publikum oder eher Ihnen bekannte Personen wie Kunden, Kollegen, der Chef oder Betriebsrat? Oder sind es wiederum Respektspersonen wie Vorstände oder Politiker? Und: Würde es helfen, wenn Sie dieses Publikum verändern könnten? Das geht durchaus …
Der Kaiser ist nackt!
Haben Sie schon einmal von der Methode gehört, dass man sich das Publikum nackt vorstellen solle? Nicht unbedingt ein angenehmer Gedanke, oder? Mir geht es jedenfalls so, dass ich mir manche Menschen lieber nicht nackt vorstelle, bei anderen würde mir die Konzentration abhanden kommen.
Was allerdings hinter dieser Idee steckt, ist, dass Sie sich Ihr Publikum so vorstellen können, wie Sie es wollen. Die Folge ist tatsächlich, dass Sie emotional anders darauf reagieren.
So skeptisch Sie vielleicht sein mögen, die Erfahrung zeigt, dass dies tatsächlich klappt. Ganz leicht sogar. Die Basis ist die Erkenntnis, dass wir unbewusst ein bestimmtes System von Menschen unseres Umfeldes speichern, quasi ein Koordinatensystem. Jeder Mensch hat dort seinen Platz, seine (virtuelle) Größe und weitere Eigenschaften. Die Größe ist dabei beispielsweise normalerweise nicht die tatsächliche Größe der Person. Bei den meisten Menschen ist es eher eine Größe, die mit der Bedeutung oder auch dem Respekt zu tun hat: je größer, desto mehr Respekt. Und wer zu groß ist, macht Angst.
Dieses System haben Sie sich unbewusst zurecht gelegt und vermutlich noch nie bewusst entdeckt. In meiner Coaching-Praxis erlebe ich es jedoch regelmässig, dass jeder dieses System recht schnell entdeckt.
Verändern Sie die Größe Ihres Publikums!
Stellen Sie sich dazu hin, am besten in die Mitte eines Raums, und schließen Sie Ihre Augen. Stellen Sie sich nun vor, Sie stehen in der Mitte einer großen, weiten Fläche. Visualisieren Sie darauf zunächst Menschen aus Ihrem Umfeld, beispielsweise Ihren Vater oder Ihren Lebenspartner. Wo stehen diese und wie groß sind sie? Auch die Blickrichtung der Personen kann eine Rolle spielen. Damit bekommen Sie ein Gefühl, wie diese Methode funktioniert.
Platzieren Sie dann weitere Personen, auch Personen, die Sie unsympathisch finden oder vor denen Sie womöglich Angst haben. Danach betrachten Sie das System: Gibt es ein Muster? Stehen beispielsweise in bestimmten Richtungen eher die angenehmen, in anderen die unangenehmen Personen? Hat die Größe der Menschen in Ihrem Fall eine Bedeutung. Denn die Interpretation dieser Konstellation ist bei jedem Menschen anders.
Sie können dieses Bild nun bewusst verändern und einzelne Personen an eine andere Stelle schieben oder deren Größe verändern. Beachten Sie die Auswirkungen, die das hat.
Wenn Sie ein Gefühl für die Bedeutung von Veränderungen entwickelt haben, nehmen Sie sich Ihr Publikum vor. Nehmen Sie sich selbst und das Publikum im Raum wahr. Und dann experimentieren Sie mit den gemachten Erfahrungen. Wie verändern sich Ihre Emotionen, wenn Sie…
- Ihr Publikum virtuell kleiner machen (entweder die Anzahl der Teilnehmer oder die Größe der Menschen)?
- Ihr Publikum näher her holen (Vertrauen) oder weiter weg schieben (geringere Gefahr)?
- bestimmte Personen im Publikum verändern oder an eine andere Stelle setzen?
- das Aussehen der Personen verändern (falls Sie es mögen auch nackt, vielleicht aber auch mit Pappnasen, Taucherbrillen oder rosa Catsuits oder einfach ganz jung wie Erstklässler)?
- vielleicht lächeln sie alle auch nur freundlich und nicken Ihnen zustimmend zu?
- Sie sich selbst größer, älter oder weiser machen?
- das Bild des Publikums verschwommen, schwarzweiß oder ganz dunkel machen?
Seien Sie der Regisseur Ihrer inneren Bilder!
Testen Sie so lange, bis Sie die ideale Abbildung gefunden haben. Natürlich verändern Sie die Situation nur virtuell, nicht in der Realität. Sie sind jedoch der Regisseur Ihrer inneren Bilder. Auch wenn Sie diese Übung am Tag vor Ihrer Präsentation machen, Ihre emotionale Einstellung wird sich auf einer ganz tiefen Ebene verändern. Es wird Ihnen vielleicht zunächst nicht einmal eine Veränderung auffallen. Doch mit der Zeit werden Sie bemerken, was diese kleine Übung bewirkt hat. Lassen Sie es auf einen Versuch ankommen, auf diese Weise Ihr Lampenfieber zu besiegen.
Über den Autor
Michael Moesslang ist Dozent an der Hochschule München, Coach, Autor und Erfolgsautor – vor allem in Sachen spannend und überzeugend präsentieren. In seine Vorträge und Seminare zu den Themen Präsentation und Rhetorik bezieht er regelmäßig aktuelle Erkenntnisse aus Psychologie und Verhaltenswissenschaften ein. Seine Überzeugung ist, dass jeder einzelne durch seine persönliche Wirkung zum positiven Botschafter für sein Unternehmen werden und sein Lampenfieber besiegen kann.
Zu diesem Zweck gibt es seit kurzem auch eine eigene App (1,59 Euro im Appstore sowie Google Play Market). Das Appinar soll einen Einblick geben, wie Sie bei Auftritten Ihre Sicherheit und innere Ruhe zurückgewinnen oder gar noch steigern können. Denn nicht nur die Wirkung auf andere ist wichtig, sondern eben auch wie wohl wir uns bei einer Rede oder einem Auftritt selber fühlen und wie sicher wir sind, den Auftritt zu meistern.
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