lassedesignen/shutterstock.comOb wir sprechen, singen, schreien, seufzen oder stöhnen – das menschliche Gehirn verarbeitet jedes artikulierte Wort bereits nach 140 Millisekunden. Gut und schön, aber viel zu oft konzentrieren wir uns auf die Wirkung der Worte, auf den Einfluss der Inhalte – und vergessen dabei die Kraft des Klangs unserer Stimme. Selbst ein mittelmäßiger Inhalt “unter der Gewalt eines vollendeten Vortrags macht mehr Eindruck als der vollendetste Gedanke, bei dem der Vortrag mangelt”, erkannte schon der römische Sprechlehrer Quintilian. Tatsächlich klingt gar nicht so sehr was wir sagen im Ohr, sondern vielmehr wie wir es sagen. Die gute Nachricht: Stimmkraft lässt sich trainieren…

Was beim Sprechen passiert

“Mehr als die Schönheit selbst bezaubert die liebliche Stimme”, schrieb einst Johann Gottfried von Herder. So leicht einem solche Worte von der Zunge gehen – das Reden selbst bleibt für den Sprechapparat Schwerstarbeit. Bei jedem Laut, den wir artikulieren, öffnen und schließen sich unsere Stimmlippen (fälschlicherweise oft “Stimmbänder” genannt) mehrmals in der Sekunde. Um zum Beispiel den Ton “A” zu erzeugen – das Freizeichen beim Telefon – braucht es eine Frequenz von 440 Hertz, also eine Schallwelle mit 440 Schwingungen pro Sekunde. Um die auszulösen, müssen sich auch die Stimmlippen 440 Mal pro Sekunde öffnen und schließen. Wobei Männer üblicherweise mit einer Grundfrequenz von 130 Hertz brummen, während es bei Frauen eher 190 Schwingungen pro Sekunde sind.

Um unterschiedlich hohe Töne zu erzeugen – ein A kann man schließlich in mehreren Oktaven singen –, müssen sich die Muskeln um die Stimmlippen herum unterschiedlich anspannen: Bei tiefen Tönen bleiben sie lockerer, bei hohen ziehen sie sich zusammen. So entsteht Sprachmelodie.

Verantwortlich für unsere Stimme sind allerdings nicht nur individuelle Sprachmelodie, Sprechtempo, Dehnungen und verschieden hohe Grundtöne, sondern auch die sogenannten Obertöne. Sie schwingen bei jedem Laut mit einer leicht modifizierten Frequenz mit und haben bei jedem Menschen ein anderes Muster. Vergleichen lässt sich das am ehesten mit den Klangfarben einzelner Instrumente: Ob ein Klavier oder eine Geige ein “A” spielt, macht für den Ton keinen Unterschied: Er hat in beiden Fällen 440 Hertz. Und doch hören unsere Ohren genau, welches Instrument die Saiten vibrieren lässt.

Auf diese Weise entsteht für jeden von uns ein einzigartiger Klang, eine Art vokaler Fingerabdruck, den sich zum Beispiel Polizeiermittler regelmäßig zunutze machen, um Telefonerpresser zu überführen.

Wo die Stimme entsteht: Wenn Sie die Maus über die Grafik bewegen, sehen Sie die Beschriftung.

Der Stern bietet eine interaktive Grafik, auf der Sie sich ansehen können, wie die Stimme gebildet wird.

Die Stimme ist Visitenkarte und Verräter zugleich

In Zeiten, in denen wir uns weder auf den Wahrheitsgehalt von Worten noch die Beweiskraft von Bildern verlassen können, bekommt die Stimme ein völlig neues Gewicht. Sie ist nicht nur eindeutiges Erkennungsmerkmal, sondern nahezu unverfälschlich und damit eine ebenso authentische wie “intime Visitenkarte” der Persönlichkeit, sagt etwa der Flensburger Stimmforscher Hartwig Eckert. Mit Hilfe unserer Stimme bestimmen wir maßgeblich, wie wir auf andere wirken, ob wir sie überzeugen, uns durchsetzen, ihnen sympathisch werden oder nicht. Über die Stimme bekommen wir unmittelbaren Zugang zu den Gefühlen unseres Gegenübers. Sie ist ein unterschwelliger Türöffner, ein Eisbrecher, ein Brückenbauer. Sie wirkt auf den beruflichen Erfolg genauso wie bei der Partnerwahl – und: Sie kann sogar den Charakter eines Menschen verändern.

Die Stimme ist aber nicht nur Visitenkarte, sondern zugleich auch ein gefährlicher Verräter. Sie entlarvt die Gemütslage des Sprechers ebenso wie dessen Absichten. Das Limbische System, die Schaltzentrale unseres Gehirns für Gefühle, beeinflusst sämtliche Zwischentöne:

  • Ist jemand traurig oder niedergeschlagen, so erschlafft seine Sprechmuskulatur automatisch, die Stimmlippen reagieren verzögert und vibrieren sanfter. Prompt klingt die Stimme tiefer, kraftloser, undeutlicher.
  • Desinteresse oder Frust dagegen machen die Stimme flach und monoton, der Sprachmelodie fehlt jede Modulation.
  • Wer gestresst oder nervös ist, klingt wiederum gepresst und dünn, dem Sprecher schnürt es sprichwörtlich die Kehle zu.

Diese Stimmlippenbekenntnisse sind global gleich und unabhängig vom Kulturkreis. Eines der bekanntesten Experimente dazu lieferte vor einigen Jahren schon der Psychologe Klaus Scherer an der Universität Genf: Er ließ Schauspieler inhaltlich sinnlose Sätze aus Elementen verschiedener Sprachen auf Band sprechen und dudelte das Kauderwelsch Menschen diverser Nationen vor. Obwohl allesamt kein Wort verstanden, erkannten sowohl Engländer wie Spanier, Italiener, Franzosen oder Deutsche sofort, ob die Mimen erfreut, verärgert, traurig oder ängstlich waren.

Der psychorespiratorische Effekt

Bereits Intonation und Atmung lösen Sympathien aus. Das hängt mit dem sogenannten psychorespiratorischen Effekt zusammen: Wir imitieren unbewusst, wenn wir zuhören. Der Redner, der nervös am Pult radebrecht, verursacht auch bei seinen Zuhörern Atemkrämpfe.

Genauso spürt man ein herannahendes Räuspern oder nimmt es vorweg, wenn das Knarren des Redners unerträglich wird. Umgekehrt: Wer uns durch seine Stimme beruhigt und entspannt, vielleicht sogar stimuliert, ist uns sofort sympathisch.

Jedes Stimmmuster wirkt dabei anders:

  • Mit stockender, unrhythmischer Stimme wirkt das Gesagte bruchstückhaft, der Zuhörer wird zweifeln oder zumindest irritiert bleiben.
  • Wer dagegen näselt, wirkt arrogant, empfindlich.
  • Eine pathetische Sprechweise wiederum verursacht das Gefühl, der Redner sei unehrlich.
  • Wer mit scharfer Stimme spricht, erntet zwar Aufmerksamkeit, wird von seinem Publikum aber auch als kalt und aggressiv eingestuft.

Wie die Stimme zum Erfolgsfaktor wird

Diego Cervo/shutterstock.comWelche Eigenschaften verbinden Sie mit einer tiefen Stimme: Stärke? Kompetenz? Vertrauenswürdigkeit? Immer wieder ranken sich Gerüchte und Klischees um die subtile Wirkung einer sonoren Stimmlage. So stereotyp sind die allerdings gar nicht, wie Casey Klofstad von der Universität von Miami jetzt dokumentieren konnte.

Er machte ein Experiment mit 87 männlichen und 86 weiblichen potenziellen Wählern. Die sollten Menschen wählen, die sie nicht sahen – nur hörten. Die Stimmen dazu stammten aus Aufnahmen von weiblichen und männlichen Probanden. Sie alle sprachen denselben Satz: “Ich fordere Sie auf, im November dieses Jahres für mich zu stimmen.” Der Trick dabei war allerdings, dass die Stimmen digital verfälscht wurden. Die Versuchsteilnehmer hörten immer dieselbe Frau und denselben Mann – nur klang deren Stimme mal tiefer bis brummig, mal höher bis piepsig. Anschließend sollten die 173 Probanden über ihren Favoriten abstimmen und denen auch noch bestimmte Eigenschaften zuordnen.

Das Ergebnis: Die Kandidaten mit den tieferen Stimmen wurden bevorzugt gewählt – und zwar die Männer wie Frauen. Je höher deren Stimmen klangen, desto eher unterstellten ihnen die Probanden weniger kompetent und vertrauenswürdig zu sein. Ein Nachteil für Frauen, wie Klofstad einräumte: “Die von Natur aus höhere Stimme von Frauen könnte eine der Ursachen dafür sein, warum sie in Führungspositionen unterrepräsentiert sind.”

Frauen mit knarrender Stimme bekommen seltener Jobs

Eine aktuelle Studie der Duke Universität kommt nun zum Ergebnis: Menschen mit knarrenden, knackenden Stimmen haben vor allem auf dem Jobmarkt das Nachsehen – insbesondere Frauen.

Die Forscher um Rindy C. Anderson, Casey A. Klofstad, William J. Mayew und Mohan Venkatachalam ließen für ihre Experimente sieben Frauen und Männer im Alter zwischen 19 und 27 Jahren den Satz “thank you for considering me for this opportunity” aufnehmen – einmal mit normaler Stimme, mal bewusst knarrend und verfälscht.

Anschließend ließen die Wissenschaftler rund 800 Probanden die Aufnahmen hören und beurteilen. Bemerkenswert: Obwohl die knarrenden Stimmen gewöhnlich tiefer klingen (was generell sympathischer und kompetenter wirkt) und die Sprecher dabei auch langsamer (also deutlicher) sprachen, weckten sie bei den Zuhörern mehrheitlich negative Assoziationen: weniger kompetent, weniger gut ausgebildet, weniger vertrauenswürdig. Am Ende waren sich die Zuhörer sogar einig, diese Sprecher eher nicht einzustellen. Am meisten aber galt dies für die Sprecherinnen. Als Grund vermuten die Forscher einen anderen Effekt: die Abweichung von der Indifferenzlage.

Stimmtraining: Tipps, wie Sie die Wirkung Ihrer Stimme verbessern

Manche haben Glück und von Natur aus eine sympathische Stimme. Alle anderen müssen sie erst erlernen. Denn wie man heute auf Manieren und Kleidung achtet, kann man auch die eigene Stimme als Teil des Erscheinungsbildes verstehen und pflegen.

Entscheidend, ob uns eine Stimme berührt und überzeugt, ist vor allem die sogenannte Indifferenzlage. Klingt kompliziert, ist aber nur jener persönliche Grundton, um den jeder individuell aber regelmäßig herumredet. Finden lässt sich diese mittlere Sprechlage, indem man an ein gutes Essen denkt und ein wohliges “Mmmh” summt. Beim Sprechen zirkuliert unsere Stimme normalerweise bis zu einer Quinte um diesen Ton. Erst wenn sie sich dauerhaft aus diesem Bereich entfernt, etwa bei Stress, schlagen die Ohren der Zuhörer Alarm.

Bereits einfache Übungen helfen, die eigene Wirkung zu verbessern:

  • Summen. Atmen Sie durch die Nase langsam aus und wieder ein. Während die Luft ausströmt, summen Sie kräftig und laut ein “Mmmmh”. Die Lippen berühren sich dabei kaum. Effekt: Die Stimme bekommt mehr Volumen und Resonanz im Mund. Gleichzeitig bekommen Sie mehr Klanggefühl.
  • Gähnen. Durch Gähnen senkt sich der Kehlkopf. Effekt: Der Resonanzraum wird größer, zugleich entspannt sich die Stimmmuskulatur. Die Stimme wird klarer, befreiter und teilweise tiefer.
  • Aufrichten. Entscheidend für unsere Stimme ist die Luftversorgung – und dabei nicht etwa die Brust-, sondern die Bauchatmung. Wer verkrampft sitzt oder steht, lässt dem Zwerchfell kaum Freiraum.
  • Entspannen. Stimmvolumen ist keine Frage von Anstrengung. Das Gegenteil ist richtig. Wenn Sie überzeugen wollen, pressen Sie Ihre Stimme nie raus, sondern lassen Sie sie aus dem Bauch strömen.
  • Abwechseln. Wer mitreißen will, muss variieren: laut/leise, schnell/langsam, Pausen und verschiedene Sprachmelodien – all das sollte in einer Ansprache vorkommen.
  • Trinken. Die sprichwörtlich geölte Stimme ist keine Binsenweisheit. Wer viel trinkt, hält seine Stimme geschmeidig. Wasser neutralisiert zudem das hässliche Schmatzgeräusch beim Öffnen des Mundes.

Interview mit Expterten

Irina von Bentheim ist Profisprecherin. Den meisten ist sie wohl eher bekannt als die deutsche Stimme von Sarah Jessica Parker alias Carrie Bradshaw aus der Kultserie „Sex and the City“.

Die Stimme ist Ausdruck unserer Seele. Es gibt Stimmen, die am Telefon so schneidend sind, dass ich den Hörer vom Ohr weghalten muss, weil es mir wehtut. Es gibt Menschen, die mit ihrer Stimme ihre Gefühle überspielen wollen und andere, die sie nutzen, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Ein echter Stimmkünstler war übrigens Bhagwan. Seine Stimme war zart und dabei wie ein Pfeil, der sich in deine Seele bohrt. Kein Wunder, dass ihm so viele Menschen verfallen sind. Er hat jeden Satz in einer einzigartigen Weise ausklingen lassen.

HIER finden Sie das gesamte Interview.

IsabelGarciaIsabel García ist Diplomsprecherin und Rhetoriktrainerin mit Schwerpunkt freie Rede. Sie selbst arbeitete über zehn Jahre als Radiomoderatorin bei R.SH und dem NDR. Sie hatte Ihr eigenes Lehr-Institut „Ich REDE.“ in Hamburg und hat einen Ratgeber zum Rhetorik rausgebracht.

Das spannende am Sprechen ist, dass es eine Arbeit ist mit sich selbst. Sie lernen sich selber besser kennen, unterstützen mit ein wenig Handwerkzeug Ihre eigenen Stärken und kommen dadurch überzeugender rüber. Und zwar auf eine ganz natürliche Art und Weise.

HIER finden Sie das gesamte Interview.

[Bildnachweis: lassedesignen, mmutlu, Diego Cervo by Shutterstock.com]