NotizblockGeschichten zu erzählen hat eine lange Tradition. Erzählungen helfen, komplizierte Themen plastisch werden zu lassen, wecken Emotionen und nicht wenige Parabeln, Gleichnisse, Allegorien und Anekdoten erzählen zugleich viel über uns, die Menschen im Allgemeinen und ihre Marotten im Besonderen.

philosophstrassenfegerDie Kunst, eine Geschichte zu erzählen, feiert gerade ein Comeback als sogenanntes Storytelling. Das klingt moderner, ist es aber eigentlich nicht. Trotzdem ist Storytelling natürlich noch immer enorm hilfreich in Vorträgen, Reden oder Präsentationen – erst recht, wenn es dem Redner dabei gelingt, Spannung aufzubauen und etwas Außergewöhnliches zu versprechen (und zu halten). Die gute Nachricht: Diese alte-neue Kunst ist nicht allzu schwer zu erlernen. Gute Geschichten lieben wir schließlich alle. Größere Mühe bereit hingegen eher, die passende Geschichte zur eigenen Botschaft zu finden. Doch auch hierzu gibt es Hilfestellungen, oft in der Form von Büchern und Story-Sammlungen. Eine empfehlenswerte davon stammt von Gerhard Reichel: Der Philosoph und der Strassenfeger. Darin enthalten: 160 Methaphern, Shortstories, Parabeln, Anekdoten zum Nachdenken und Weitererzählen. Als kleinen Vorgeschmack möchte ich Ihnen heute drei davon nacherzählen:

Geld verdirbt manchen Spaß

Ein alter Mann wollte seinen Lebensabend genießen, doch in der Nachbarschaft wohnten Kinder, die ihn jeden Tag neckten, ihm Streiche spielten und die Ruhe verdarben. Da fasste er einen Plan: Er rief die Kinder zu sich und versprach: “Wenn ihr mich morgen wieder ärgern kommt, erhält jeder von euch einen Euro.” Die Kinder waren von dem Vorschlag begeistert und erschienen am nächsten Tag pünktlich, um den Mann zu zanken. Jeder bekam die versprochene Belohnung. Und wieder versprach der alte Mann: “Wenn ihr mich morgen wieder ärgert, bekommt jeder von euch 50 Cent.” Auch tags darauf erschienen die Kinder – aber mit deutlich weniger Lust. Da sagte der Mann: “Wenn ihr mich morgen wieder ärgert, erhält jeder von euch 10 Cent.” Am nächsten Tag kam kein Kind mehr.

Die Macht der Erfahrung

Ein kleiner Elefant wurde gefangen und sollte domestiziert werden. Damit er nicht davonlief, kettete man ihn an einen kurzen Pflock. Weil der Elefant noch klein war, hatte er nicht die Kraft, sich zu befreien. Er versuchte es zwar, doch er lernte bald, dass der Pflock und die Kette stärker waren als er. Eines Tages gab er schließlich auf. Jahre vergingen und als er längst groß und kräftig geworden war, reichte es, wenn ihn sein Herr mit einer dünnen Schnur an einen kurzen Holzpflock band. Er versuchte erst gar nicht mehr, sich zu befreien.

Rauskommt, was drinsteckt

Ein Schüler sollte im Auftrag seines Meisters Orangen auf dem Markt verkaufen. Doch er blieb erfolglos und kehrte voller Zorn zu seinem Meister zurück: “Diese dummen Menschen wollen meine Orangen nicht!”, schimpfte der Schüler. Da fragte ihn der Meister: “Wenn man eine Orange auspresst, was kommt dann heraus?” – “Natürlich Orangensaft, Meister”, erwiderte der Schüler. “Und wenn man mit dem Hammer draufschlägt?” – “Ebenfalls Orangensaft, Meister.” – “Und wenn nun dein Maulesel darauf tritt?” – “Orangensaft natürlich! Warum fragt ihr mich das dauernd, Meister?”, erzürnte sich der Schüler. “Nun”, sagte der Meister ruhig, “die Orange antwortet immer mit dem, was in ihr steckt. So ist es auch mit den Menschen: Setze sie unter Druck. Reagieren sie dann mit Hass, Zorn und Neid, ist es das, was in ihnen steckt.”