In der jüngeren Zeit sieht man sie wieder häufiger. Gerne mittags in Restaurants. Oder Straßencafés. Typen, die beide Augenbrauen bis zur Mitte ziehen, eine dabei leicht anheben und die Augen etwas weiter öffnen als normal. Manchmal schütteln sie auch ganz leicht mit dem Kopf, schnalzen grimmig mit der Zunge oder Seufzen kurz auf. Typischer Fall von Stressgucker.
Stressgucker sind nahe Verwandte der Promo-Vieren und Mitleids-Erreger. Sie verdichten ihre sämtlichen Symptome auf das Gesichtszentrum. Und man sieht ihnen sofort an: Der Typ hat Stress, ist wichtig, ohne ihn läuft nichts. Jetzt, wo er hier sitzt und nicht an seinem Schreibtisch bricht wahrscheinlich das ganze System zusammen. Man kann die Hilferufe der anderen geradezu aus seiner Miene lesen: Lasst den Mann in Ruhe, seid nett zu ihm, er ist unsere einzige Chance! Also Zackzack, der Typ muss bestellen, essen, noch einen dreifachen Espresso auf die Hand – und dann nix wie zurück ins Büro, die Welt retten. Mindestens.
Gewiss, Stressgucker sind nichts Neues. Zur Hochzeit der New Economy gab es schon mal eine Epidemie. Damals allerdings mischte sich in die Strapazen-Mimik noch ein Hauch Euphorie. Manchmal war es auch nur Größenwahn. Das kam trotzdem gut an. Denn so sah jeder – trotz luftiger Sportkleidung – sofort, dass er einen Entscheider vor sich hatte. Einen Macher des Morgen. Was sich dann leider als Seifenblase entpuppte. Schwamm drüber.
Heute fürchten die Stressgucker vor allem das Morgen. Überall rollen Köpfe, Prozesse werden optimiert, Kostenstellen hinterfragt und gestrafft. Und Stressgucker wissen: Sie sind eine Kostenstelle. Das strafft wiederum ihre Gesichtsmuskulatur.
Zugleich stecken diese Typen in einem Dilemma: Wer derzeit allzu fröhlich dreinschaut, macht sich verdächtig. Entweder, weil er fein raus ist (das weckt dann Neid) oder weil er schlicht den Schuss noch nicht gehört hat (schlecht: Trottel werden zuerst gefeuert). Also Stressgucken. Wirkt irgendwie beschäftigt, engagiert und hoffentlich unentbehrlich.
Stressgucker sind völlig harmlos. Sie gucken ja bloß. Andere quasseln, jammern – oder schlimmer: Sie werden hyperaktiv und hysterisch. Die richten dann meist noch mehr Schaden an. Das will auch keiner. Dann lieber Stressgucken. Und so lustig Sie das vielleicht finden: Es hilft tatsächlich. Probieren Sie es aus…
1. Kommentar
Mocca
10.08.09 um 10:52 Uhr
Ich denk nicht dran, das auszuprobieren. Ich habe mich mein Leben lang bemüht, mir bei jeder Arbeit ein freundlich-fröhliches Lächeln zu bewahren um meine Kollegen und mich zu motivieren und ich bin immer gut damit gefahren. (Außer montags früh, vor dem ersten Kaffee – da gehorchen meine Mundwinkel mir nicht.)
Insbesondere als Dienstleister ist ein Lächeln unverzichtbar. Wer mir zuhört, merkt auch so, dass ich zurück muss, um die Welt zu retten. ;)
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