Wissen Sie, wie der amerikanische Geheimdienst in Zeiten des kalten Krieges russische Agenten oder gar Schläfer enttarnt hat? Mithilfe des sogenannten Stroop-Effekts. Kennen Sie nicht? Dann wird es aber Zeit! Aus der Hirnforschung wissen wir inzwischen, dass unsere fünf Sinne (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen) unser Gehirn in jeder Sekunde mit rund elf Millionen Bits an Informationen versorgen. Das entspricht rund 1,4 Megabyte – der Größe einer alten Floppy-Disk. Pro Sekunde! Im gleichen Zeitraum verarbeitet unser Bewusstsein aber nur 40 bis 50 Bits davon. Der Rest, soweit er überhaupt verarbeitet werden kann, wandert ins Unterbewussstsein. Und bringt dieses mitunter kräftig durcheinander.
Was dabei entsteht ist dann so eine Art Chaos-im-Hirn-Effekt, den Wissenschaftler aber anders nennen, damit es eben, nun ja, wissenschaftlicher klingt: Voilà der Stroop-Effekt. Den können Sie, wenn Sie möchten auch gleich selbst erleben. Dazu brauchen Sie bloß an dem folgenden praktischen Test teilnehmen… Aber nicht schummeln! Sie müssen schon genau nachmachen, was hier steht. Sind Sie bereit? Fein, dann geht es jetzt los: Bitte absolvieren Sie die folgenden drei Aufgaben…
Erstens: Lesen Sie bitte laut und deutlich folgende Wörter vor:
Okay, das war noch Kindercamping. Deshalb nun die zweite Aufgabe. Lesen Sie bitte erneut laut und deutlich folgende Wörter vor:
Merken Sie etwas? Für die zweite Aufgabe haben Sie minimal länger gebraucht. Faszinierend, oder? Okay, jetzt der dritte und letzte Test: Sprechen Sie bitte dieses Mal laut und deutlich die Farben aus, in denen die Wörter abgebildet sind. Nicht die Worte vorlesen – nur die Farben sagen!
Ich schätze mal, Sie haben diesmal noch länger gebraucht, mussten sich enorm konzentrieren oder sind gar ins Stottern gekommen. Kein Wunder: Das liegt an einer Art Sinnesüberreizung und einem Widerspruch der Hirnaktivitäten. Das Lesen einfacher Worte wie „Rot“ oder „Schwarz“ ist ein automatischer, unwillkürlicher Akt, den wir kaum unterdrücken können. Das Erkennen und Nennen von Farben dagegen erfordert unsere willentliche Konzentration und Analyse. Beide Aktivitäten arbeiten in diesem Fall aber gegeneinander – Effekt: Es kommt zu erheblichen Verzögerungen, dem Stroop-Effekt eben.
Den Namen verdankt der Effekt seinem gleichnamigen Entdecker, dem amerikanischen Psychologen John Ridley Stroop. Der widmete sich diesem Thema in seiner Dissertation bereits im Jahr 1935. Damals wollte er zeigen, dass wir Wörter schneller lesen können als ihre Farbe zu benennen. Im Original-Experiment benutzte Stroop allerdings mehrere Wortreihen. In etwa so:
Und jetzt versuchen Sie mal Reihe für Reihe, Wort für Wort die Farben, in denen die Wörter abgebildet sind, auszusprechen… Chaos im Hirn!
Wie der Stroop-Effekt zum Verräter wird
Wie wir ticken
Falls Sie noch mehr über solche Effekte lesen wollen, dann sollten Sie dieses Buch kennen: “Ich denke, also spinn ich” ist mein dritter Bestseller, den ich zusammen mit meinem Freund Daniel Rettig geschrieben habe.
Doch zurück zur Ausgangsfrage: Wie hat es der Geheimdienst angestellt, feindliche Agenten zu enttarnen. Nun, man kann Menschen einen Akzent antrainieren, man kann ihnen eine neue Identität geben, eine falsche Vergangenheit, eine glaubhafte Geschichte – aber man kann ihnen nicht ihre Muttersprache nehmen.
Also arbeitete der US-Geheimdienst während des Kalten Krieges mit einer Art linguistischen Falle: Wenn Sie jemanden in Verdacht hatten, in Wahrheit ein russischer Spion zu sein, dann präsentierten sie ihm eine klassische Stroop-Aufgabe. Wieder gaben Sie ihnen mehrere Wörter in unterschiedlichen Sprachen zu lesen, darunter auch das Wort красный. Das ist Russisch und heißt Rot. Schreibt man es in blauen oder grünen Buchstaben, wird jeder Amerikaner (der kein Russisch kann), kein Problem damit haben, in dem Fall einfach die Farbe laut auszusprechen. Unter dem Stress, als Spion enttarnt zu werden, dem entsprechenden Zeitdruck mehrere solcher Farbwörter laut aufzusagen und vor dem Hintergrund eigentlich Russe mit eben dieser Muttersprache zu sein, sagten die Agenten an der Stelle eben nicht “Blau” oder “Grün” – sondern “Rot”. Und spätestens dann hatte der, sagen wir, Beamte aus Wisconsin ein Erklärungsproblem, warum er plötzlich Russisch lesen konnte…




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Fabian
Mh, ich konnte – egal ob das Wort oder die Farbe vorgelesen werden sollte, gleich schnell vorlesen. Und ja, schnell. Nicht stotternd oder sonst was.
Moni
Mein Problem im Video war eher, dass die Wörter nur langsam eingeblendet wurden. Dadurch konnte ich nicht immer sofort sehen, ob es z.B. schwarz oder grün wird, was mich dann zum Zögern gebracht hat. Ansonsten habe ich zwar eine Verzögerung bemerkt, aber nur sehr minimal. Stottern würde ich das nicht nenne. ;-)
Jochen Mai
Wenn man es zu schnell macht, gibt’s aber keinen Stroop-Effekt mehr, sondern nur noch einen Haspel-Effekt…