Das Examen ist geschafft. Gut. Auch die Noten. Und jetzt? Wer sich bislang nicht um seine berufliche Zukunft und die Stellensuche gekümmert hat, steht mit einem Mal unter enormen Druck: Eine Lücke im Lebenslauf tut sich auf – und sie wächst und wächst. Was nach ein paar Wochen noch nach Jobsuche aussieht, mutiert nach den ersten Monaten zur veritablen Arbeitslosigkeit. Gar nicht gut. Dennoch ist es jetzt wichtig, nicht in Torschlusspanik zu verfallen. Behalten Sie trotzdem einen klaren Kopf, und gehen Sie gezielt vor – mit diesem 10-Schritte-Plan:
1. Klären Sie Ihre Ziele, Motive und Voraussetzungen
Wollen Sie eher in einem großen Industrieunternehmen oder im Non-Profit-Bereich arbeiten? Wollen Sie schnell Karriere machen und Führungsverantwortung übernehmen oder sehen Sie sich eher als Teamworker, dem Harmonie am Arbeitsplatz wichtig ist? Sind Sie eher Generalist, der wenig Informationen zum Entscheiden braucht, oder Spezialist, der mit profundem Fachwissen glänzt? Das ist schon deswegen wichtig, weil Sie kaum zur Führungskraft taugen, wenn Sie konfliktscheu sind. Oder sich bei einem Nahrungsmittelmulti sicherlich nicht wohl fühlen, wenn Sie Ihr Essen üblicherweise im Bioladen kaufen. Sollten Sie unsicher sein, wo Ihre Stärken und Motive liegen, absolvieren Sie entsprechende Tests.
2. Informieren Sie sich, wo Sie gefragt sind
Wer hat Bedarf für einen Menschen mit Ihrem Profil? Bei einem Ingenieur für Kunstofftechnik ist die Zielbranche relativ klar. Bei einer Kulturwissenschaftlerin wird die Antwort ungleich schwieriger, weil es zugleich mehr und weniger Möglichkeiten gibt. Da hilft nur gründliche Recherche, wo Sie mit welcher Qualifikation punkten können. Ähnliches gilt für die Betriebsgröße: große Firmen mit mehr als 200 Beschäftigten nehmen zwar immer noch die meisten Absolventen auf, werden aber deswegen von Bewerbern oft überrannt. Da bieten auch beste Noten keine Job-Garantie. Deswegen kann es sich rentieren, speziell Kleinbetriebe zu kontaktieren – gerade, wenn die Noten nicht die Allerbesten sind.
3. Schärfen Sie Ihr Profil
Sie haben keine Berufserfahrung. Und Sie sind Generalist, wo die Wirtschaft Spezialisten sucht. Aber: das gilt für alle anderen Absolventen auch. Seien Sie also selbstbewusst. Ganz wichtig ist es, dass Sie sich posititionieren: was unterscheidet Sie von Anderen? Warum soll ein Personaler sich für Sie entscheiden? Und nicht für einen Ihrer Kommilitonen? Also: wo liegen Ihre Stärken? Was sind Ihre Erfahrungen? Was hat die Firma davon, wenn sie Sie anstellt? Was erwarten Sie von der Stelle? Das sind die Fragen, die Entscheider in Ihrer Bewerbung beantwortet haben wollen.
4. Präsentieren Sie sich ansprechend
Für Bewerbungsunterlagen gibt es Standards. Dabei sind die Anforderungen an Hochschulabsolventen deutlich höher als für Gesellen. Über den optimalen Aufbau von Lebenslauf und Anschreiben hat die Karrierebibel bereits mehrfach berichtet, damit sollte auch Ihre Bewerbung gelingen (wenn Sie’s trotzdem nicht hinkriegen: wenden Sie sich an einen Experten). Geizen Sie nicht mit der Darstellung Ihrer Qualifikation. Wichtig ist auch: bleiben Sie individuell. Zeigen Sie, dass Sie sich über die Firma informiert haben und darüber, wie Sie punkten können. Zum Beispiel, indem Sie die Anforderungen aus dem Stellenprofil belegen. Erzählen Sie eine Geschichte, die neugierig auf Ihre Person macht. Und wählen Sie die richtige Form: bombardieren Sie keine Firma mit Ihrer Mappe, wenn Sie zu einer Mail-Bewerbung aufgefordert werden – und umgekehrt.
5. Gehen Sie aktiv auf Firmen zu
Ok, Stellenanzeigen spielen bei der Besetzung offener Posten immer noch ein große Rolle. Immerhin ein Drittel aller Absolventen fand nach einer Studie der Uni Bochum im letzten Jahr auf diesem Weg seine Stelle. Aber zwei Drittel eben auch nicht. Das heißt für Sie: warten Sie nicht, bis die richtige Stelle ausgeschrieben wird, sondern nutzen Sie auch andere Möglichkeiten, bei interessanten Betrieben zu landen. Schreiben Sie Initiativbewerbungen, nachdem Sie telefonisch grundsätzlichen Bedarf geklärt haben. Gehen Sie auf Messen und kontaktieren Sie dort die Vertreter Ihrer Wunschfirmen (idealerweise haben Sie bereits vorab Termine vereinbart). Optimal sind hier natürlich Recruiting-Events, aber auch auf Publikumsmessen gibt es genug Gelegenheit, sich entsprechend zu präsentieren. Oder nutzen Sie eine Strategie, die die Karriereexpertin Svenja Hofert empfieht: Rufen Sie bei Firmen an, die Sie interessieren, und vereinbaren einen Termin, bei dem Sie die Firma kennen lernen möchten. So können Sie sich auf dem Arbeitsmarkt orientieren. Und auch wenn Sie das Wort „Bewerbung“ explizit vermeiden, wird es auch um Sie und Ihre Eignung gehen.
6. Fahren Sie mehrgleisig
Beschränken Sie sich nicht auf nur eine Strategie, etwa die Suche nach Stellenanzeigen. Sondern kombinieren Sie Suchstrategien. Schalten Sie beispielsweise auch Profile bei den Suchmaschinen, die ihre Wunschfirmen nutzen, wenn Sie nach Kandidaten suchen. Oder besuchen Sie die Homepages der Firmen, deren Messestände und nutzen Sie Praktika. Vor Allem aber Eines: netzwerken Sie!
7. Nutzen Sie Netzwerke
Vitamin B beschleunigt die Stellensuche erheblich. Eine aktuelle Studie der Jobbörse karriere.at zeigt, dass sowohl Arbeitgeber (41 Prozent) als auch Arbeitnehmer (48 Prozent) empfehlen, vorhandene Netzwerke bei der Stellensuche zu nutzen. Anküpfungspunkte für Ihr persönliches Bziehungsnetz sind beispielsweise Ihre Hochschullehrer. Spätestens seit der Notwendigkeit, Drittmittel einzuwerben, pflegen diese sehr gute Kontakte zu Firmen. Damit haben sie auch Einblick in die Abläufe dort und können obendrein Empfehlungen für Sie aussprechen. Weitere Anknüpfungspunkte sind ehemalige Tutoren, die mittlerweile im Berufsleben stehen. Und natürlich der Career Service Ihrer Hochschule, der nicht nur Praxistipss gibt, sondern oft genug selbst Recruiting-Events veranstaltet. Dann gibt es natürlich noch die elektronischen Netze wie XING oder LinkedIn, die Kontakte zu Entscheidern versprechen. Dort finden Sie zwar nicht die Großindustrie, aber jede Menge Verantwortliche aus KMU.
8. Machen Sie sich nützlich
Wenn Sie für irgendein Thema Experte sind: zeigen Sie das! Schreiben Sie einen Blog über Webdesign oder moderieren Sie ein Forum zu Fotoshop. Und: teilen Sie das der Welt mit. Dass Sie solcherlei Engagement in Ihrer Bewerbung erwähnen, ist evident. Wenn Sie die Nachricht – entweder über befreundete Blogs oder Twitter – der ganzen Welt zugänglich machen, schaffen Sie sich obendrein einen ganz neuen Zugang zum Arbeitsmarkt: sie können gefunden werden. Und passiv mit Ihrer Expertise überzeugen. Natürlich können Sie diese Kanäle auch rein zur Stellensuche nutzen. Den jeder Re-Tweet Ihres Stellengesuchs potenziert seine Erfolgsaussichten.
9. Nutzen Sie jede Möglichkeit des Berufseinstiegs
Praktikum, Volontariat, Trainee – das sind die Wege ins Arbeitsleben, die Absolventen neben der Festanstellung offen stehen. Firmen bieten diese Einstiegsformen an, um den Absolventen erst einmal Praxiskenntnisse zu vermitteln. Nehmen Sie diese Gelgenheit deswegen bitte auch dann wahr, wenn man Sie Ihnen statt des erhofften Arbeitsplatzes bietet. Dass Sie von sich aus Praktika anbieten (und anstreben) sollten, versteht sich von selbst: einfach des unverbindlichen Kennenlernens wegen – natürlich mit Aussicht auf mehr. Eine weitere Möglichkeit für Berufseinsteiger ist die Zeitarbeit. Hier kommen aber nicht die „normalen“ Personaldienstleister in Frage, die in jeder Stadt Hilfskräfte für die Produktion suchen, sondern auf Fachkräfte spezialisierte Anbieter – die muss man aber suchen.
10. Bleiben Sie dran
Die gute Nachricht: innerhalb eines Jahres finden 90 Prozent der Absolventen eine Vollzeitstelle, so das Ergebnis einer Befragung der Uni Bochum im letzten Jahr. Allerdings braucht man dafür einen langen Atem. Etwa 50 Bewerbungen braucht es, um einen Job zu bekommen, hat Jochen Mai recherchiert. Und auch eine Einladung zum Vorstellungsgespräch ist längst kein Erfolgsgarant. Nur ein Viertel der Bewerber erhält zufolge einer VDE-Studie die Zusage nach dem ersten Vorstellungsgespräch. Aber zwei Drittel der Kandidaten schaffen es spätestens nach dem dritten Job-Interview. Nur ein gutes Fünftel braucht 5 oder mehr Termine bis zum Abschluss des Arbeitsvertrags. Deswegen: lassen Sie sich nicht unterkriegen, wenn es länger dauert. Sondern lernen aus Ihren bisherigen Erfahrungen. Modifizieren, wenn nötig, Ihre Strategie. Absolvieren Praktika. Und bleiben Sie an den Firmen dran, die Sie interessieren. Denn vielleicht klappt es ja beim zweiten Mal.

Über den Autor
Christian Schroff, Jahrgang 1968, hat in Konstanz und Leipzig Soziologie und Politologie studiert. Seit 2006 begleitet er Menschen als Jobcoach und Bewerbungstrainer bei Ihrer beruflichen Entwicklung. Sein aktueller Schwerpunkt liegt in der Beratung von Existenzgründern.
Teamarbeit: 11 kaum bekannte Fakten
Powerpoint & Co.: Tipps für bessere Präsentationen
Denksport: 50 Brainteaser für Jobinterviews
Smalltalk-Tipps:



Bewerbungs-Dossiers zu Mappe, Anschreiben, Lebenslauf, Bewerbungsfoto und Zeugnissen.
Die besten Tipps und Dossiers für das Vorstellungsgespräch: So überzeugen Sie jeden Personaler.

Christopher
Sehr gelungener Artikel Herr Schroff. Eine frage hätte ich da (quasi zur Vertiefung) zu diesem Thema.
Ich treffe manchmal an der Uni Absolventen die verzweifelt nach einem Job suchen und keinen Finden. Die meisten von denen haben ein Problem selbst zu definieren wo ihre Kernkompetenz liegt. Es handelt sich dabei um Studenten die auf Magister studiert haben (also eine Kombination aus einem Hauptfach und zwei Nebenfächern).
Was soll ich diesen Menschen raten? Ich bin selbst auf dem Weg zum Kompetenzentwickler. Bei diesen Absolventen aber komme ich an die Grenzen meines Wissens.
Die wissen einfach nicht genau was sie selbst machen können und hoffen darauf eingestellt und natürlich bezahlt zu werden. Manche von denen sprechen überhaupt nicht englisch was die Sache (Bewerbung) drastisch verschlechtert.
Ich weiß, man kann sagen: voran haben sie denn während des Studiums gedacht, warum haben sie keine Kompetenzen entwickelt. Aber mit solchen Fragen kann ich denen überhaupt nicht helfen. Die sind in einem Loch und müssen da irgendwie raus. Lamentieren warum hast du so tief gegraben hilft da nicht viel.
Ich hoffe, dass Sie einen Ratschlag oder einen Tipp, den ich weitergeben kann, parat haben.
Die Problematik bei den Absolventen scheint ziemlich verbreitet zu sein. Ich habe direkten Zugang zur 3 Universitäten: Bonn, Köln und Siegen. In den letzten drei Jahren stelle ich den Studenten die folgende Frage: nenne einen Kernbereich in dem du sehr gut bist, besser als alle anderen.
Auf Antworten muss ich meistens sehr lange warten, und das was am Ende geäußert wird, klingt in nur wenigen Fällen überzeugend. Viele Studenten haben das Problem, dass sie für Scheine und Prüfungen studiert haben – eine vorgegebene Klausur nach der anderen schaffen sie ohne Probleme erfolgreich zu bestehen. Nun leider ist das leben nach dem Studium kein Plan aus vorgegebenen Klausuren.
Im Berufsleben schlägt man dann selbst die Richtung ein.
Würde mich über Ideen und Meinungen freuen.
Tanja Handl
@ Christopher: Das ist wirklich ein spannendes Thema. An der Uni Graz gibt es dieses Problem auch, vor allem bei den Absolventen geisteswissenschaftlicher Studienrichtungen. Das Career Center hat auf diese Problematik mit der Möglichkeit reagiert, ein Kompetenzportfolio zu erstellen. Im Regelfall ist es ja nicht so, dass man während des Studiums keine Kompetenzen entwickelt hat, sondern dass man sie einfach schlecht erkennt bzw. in Worte fassen kann.
Christian Schroff
Hallo Christopher,
danke für das Feedback. Leider habe ich die gleichen Erfahrungen gemacht – nicht nur bei Studenten. Das hat aus meiner Sicht mit verschiedenen Dingen zu tun: gerade, wenn Leute länger – oder dringend – auf Arbeitssuche sind, verengt sich Ihr Blick. Wo kommt die (neue) Stelle her? Alles andere interessiert nicht. Das ist eine Reaktion auf die eigene Unsicherheit.
Dann ist es oft auch die fehlende Bereitschaft, sich mit sich selbst auseinander zu setzen. Das ist schließlich mühsam. Und für was eigentlich? Man muss sich doch eh’ nach dem Markt richten. Oft kommt da auch gekränkte Eitelkeit rein: ich bin wie ich bin und die sollen mir gefälligst eine Stelle geben. Ist zwar kindisch, aber oft leider so.
Bei Stundenten kommt dann natürlich ihr geringes Alter dazu. Fragen wie: was is mir wichtig? Wo will ich hin? stellen sich den meisten Menschen erst um die vierzig – das ist das Alter, wo man dann bewusst über seinen weiteren Wege entscheiden will – und auch kann. Denn das Wissen um die eigenen Fähigkeiten erlangt man durch Ausprobieren. Und das benötigt einfach Zeit und Gelegenheit.
Dann haben viele Absolventen Angst davor, sich JETZT entscheiden zu müssen, was sie die restlichen 40 Jahre ihres Arbeitslebens tun. Zugegeben, das ist ein großer Klops. Aber: er stimmt so einfach nicht. Gelegenheiten zur Neubestimmung – ob freiwillig oder unfreiwillig – kommen genung. Ganz sicher. Nur wissen das die Meisten noch nicht. Woher auch?
Trotzdem ist die Berufswahl natürlich ein wichtiger Schritt. Und für Viele die erste eigene Entscheidung mit einer recht hohen Verbindlichkeit. Denn das Studentenleben war ja – trotz Büffeln und Prüfungsstress – eher ein aufgeschobenes Erwachsenwerden. Dafür werde ich wahrscheinlich gesteinigt, aber es ist so: nicht umsonst stellen Studierende das Gros des Disco-Publikums.
Und bei den Magistern kommt noch ein Weiteres dazu: diese Studiengänge lassen bei der Berufswahl eher Möglichkeiten offen als festzulegen. Eben deswegen haben sie auch Leute angezogen, die sich bei gern von Neigung und Interesse haben leiten lassen, nicht aber von beruflichen Perspektiven. Und das soll jetzt vorbei sein? Hilfe, Panik!
Was soll man diesen Menschen raten? Relaxed angehen! Und sich vielleicht die Frage anders stellen. Nicht: was kann ich besser als Andere? sondern: was kann ich? Und falls jemand die Antwort nicht selber findet, soll dieser Mensch doch bitteschön sein Umfeld fragen. Denn vielen Leuten sind ihre Talente gar nicht bewusst, weil sie für sie selbstverständlich sind.
Hilfreich ist auch die Frage nach dem, was ein Mensch gern tut: logischerweise die Sachen, die Spaß machen und leicht fallen. Auch da finden sich Anknüpfungspunkte. Oder bei Lieblingsfächern. Eine Methode, die ich gern anwende, ist Folgende: ich frage die Coachees, was sie denn gern wären. Unabhängig davon, ob das realistisch ist oder nicht. Und wenn dann die erste Verwirrung sich gelegt hat, fangen meistens die Augen an zu leuchten.
Auch Ihnen hilft sicher viel Lesen und Ausprobieren. Jeder Trainer, Coach oder auch Kompetenzentwickler hat seine eigenes Methodenset, mit dem er auf verschiedene Leute eingehen kann, die aber in erster Linie ihm liegen. Mir haben beispielweise die Bücher von Barbara Sher, Angelika Gulder und Oliver Fritsch sehr geholfen, zum Einen mich selbst zu bestimmen und zum Anderen meine Coaching-Werkzeuge zu entwickeln.
Ich hoffe, Ihnen damit ein bißchen Behilflich gewesen zu sein und wünsche Ihnen viel Erfolg auf Ihrem Weg – Menschen, die Andere in der Findung und Entwicklung Ihrer Potenziale und Ziele unterstützen, kann es für meine Begriffe nämlich nicht genug geben.
Beste Grüße
Christian Schroff
PS: sie haben eine schöne Blogseite!
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