Ein Gastbeitrag von der Autorin Jennifer Elise Bentz

MBA-AbsolventJunge Absolventen stellen oft die eigenen Interessen und Bedürfnisse hinten an: Wir fühlen uns noch nicht in der Position, etwas zu beanstanden, wollen uns erstmal beweisen. Haben Angst vor Lücken im Lebenslauf und machen deshalb zu viele Kompromisse. Wollen endlich ankommen und nehmen dafür einiges auf uns.

Mich hat das Ganze so viele Nerven gekostet, dass ich mit allerhand psychischen und körperlichen Symptomen in der psychosomatischen Klinik gelandet bin. Rückblickend das Beste, was mir passieren konnte – ich habe Erkenntnisse gewonnen, die mir heute ein viel leichteres Leben ermöglichen: Erfolg kommt dann, wenn man seinen eigenen Weg geht.

Die Suche nach falschen Sicherheiten führt ins Leere

ZweifelFrauFragenEntscheidenMein Blick auf die Welt hat sich radikal verändert: Selbstzweifel, Überanpassung und Zukunftsängste sind in unserer Gesellschaft tatsächlich berechtigt, aber eben nicht notwendig – zumindest nicht für ein unbeschwertes Leben.

Wer heute in die Arbeitswelt einsteigen und durchstarten möchte, muss vor allem dazu bereit sein, immer höhere Anforderungen zu meistern und enormen Leistungsdruck stand zu halten.

Drei Wochen waren vergangen zwischen meinem Uniabschluss und dem Beginn des Praktikums. Es ist mittlerweile Usus, dass Firmen ihre Absolventen möglichst jung und erfahren haben wollen, vor allem in meiner Branche. Die Voraussetzungen für ein Praktikum werden immer höher – nichts ist mehr gut genug. Sich nach dem Studium erst einmal zu erholen, war also nicht drin. Außerdem hatte ich vor meinem Studium eine Berufsausbildung abgeschlossen. Gegenüber anderen Absolventen hatte ich also schon drei Jahre verloren. Die muss ich irgendwie aufholen, dachte ich.

Ich muss funktionieren

Ehrgeiz und Zielstrebigkeit waren wichtige Begleiter in meinem Leben. Ihnen verdankte ich es auch, dass ich nach einer Ausbildung, einem Studium und zahlreichen Praktika schließlich in einer Spielfilm-Abteilung einer TV-Produktionsfirma saß, mit dem Ziel überdurchschnittlich gute Arbeit zu leisten.

Von den fünf Praktikanten, so hieß es, würden zwei in ein einjähriges Ausbildungsprogramm übernommen – und ich wollte dabei sein. So erschien ich morgens als Erste, ging abends als Letzte und arbeitete nachts weiter, um das Soll zu erfüllen. Als ich mich eines Freitagnachmittags so müde und kraftlos fühlte, dass ich ausnahmsweise pünktlich zu Feierabend das Büro verließ, plagte mich auf dem Nachhauseweg das schlechte Gewissen so sehr, dass die Müdigkeit in Nervosität umschlug.

Ich musste funktionieren – für mich, für meinen Chef, für das Ausbildungsprogramm.

Die Angst vor der Lücke im Lebenslauf

Wacher als je zuvor und gleichzeitig unglaublich müde saß ich in den frühen Morgenstunden in meinem Wohnzimmer, rauchte Kette und dachte nach: Meine Nervosität und die Schlafprobleme verschlimmerten sich nun schon seit mehreren Monaten konstant.

Angefangen hatte es mit dem Lernstress für die Abschlussprüfungen an der Uni: Je anstrengender ein Tag oder eine Woche war und je nötiger ich daher die Erholung in der Nacht oder am Wochenende brauchte, desto weniger konnte ich entspannen. Und obwohl ich sicher gewesen war, den ganzen Druck nach der letzten Klausur mit einem Schlag los zu sein, ging die nervöse Grundstimmung nahtlos in die Zeit der Jobsuche über.

Erst eine sichere Anstellung, ein fester Vertrag, dachte ich, dann kann ich aufatmen. Zwar hatte ich schon vor dem Abschluss Bewerbungen geschrieben, um einen nahtlosen Übergang in den Job sicherzustellen – allerdings ohne Erfolg.

Ich gab dem fehlenden Abschlusszeugnis die Schuld und blieb optimistisch. Nach der letzten Prüfung startete ich den nächsten Versuch; mein Lebenslauf listete nun fein säuberlich alles auf, was gemeinhin verlangt wird: Ich hatte Berufsausbildung und Studium schnell und gut abgeschlossen, die unverzichtbaren Auslandserfahrungen gesammelt und langjährig unbezahlt als Praktikantin oder freie Mitarbeiterin in den Redaktionen der ganzen Nation geschuftet.

Die Welt wartete nur auf mich, da war ich mir sicher. Von dieser Vorstellung musste ich mich allerdings schnell verabschieden. Es gab kaum Stellenangebote in meinem Bereich, noch weniger Einladungen zu Vorstellungsgesprächen und auf Initiativbewerbungen reagierten die meisten Firmen noch nicht einmal mit einer Eingangsbestätigung.

Wie viele meiner Exkommilitonen musste ich weiterhin alle möglichen Stationen des Niedrig- und Garnicht-Lohnsektors durchlaufen.

Immer noch musste ich mich beweisen, hatte Prüfungen zu bestehen. Und es war kein Ende in Sicht. Selbst das Ausbildungsprogramm, auf das ich hinarbeitete, war befristet. Obwohl ich die ganze Debatte um die Generation Dreißig hasste, steckte ich mittendrin: Wir sorgen für viel Diskussionsstoff.

Als Gesellschaftsgruppe, die sich abrackert und trotzdem auf der Stelle tritt, als Generation Praktikum, als wissenschaftliches Prekariat. Vor allem aber als Menschen, die innerlich zerrissen sind zwischen alten Werten und vermeintlicher Freiheit.

Während die Vorgängergeneration der Meinung ist, wir sollten doch aufhören zu jammern. Sie hat gut reden. Damals hatte man mit 30 feste Gehälter, Haus und Familie. Und obwohl ich das viel zu spießig finde, ärgert es mich doch, dass selbst, wenn ich wollte, es einfach nicht machbar wäre.

Die Ausbildungswege sind lang, ein Studienabschluss führt nicht mehr zu einem sicheren Job oder zumindest nicht gleich. Die Finanzkrise hat dieser ganzen Entwicklung nur noch das Sahnehäubchen aufgesetzt. Sie ist zwar sang- und klanglos wieder verschwunden, aber die Zukunftsangst, die sie uns mitgebracht hatte, die durften wir behalten. Darüber darf man aber nicht sprechen.

Motiviert müssen wir sein, offen für die Welt, wir sollen es großartig finden, bedingungslos flexibel und mobil zu sein und für jedes Praktikum oder Volontariat die Stadt zu wechseln – ohne zu wissen, wie lange wir diesmal bleiben dürfen oder ob es diesmal zu einem befristeten Vertrag führt.

Wir sind ein Haufen unentschlossener Optimierer

FrauBusinessManagerinEgal wie man sich entscheidet – jede Entscheidung für ein bestimmtes Lebensmodell ist gleichzeitig eine Entscheidung gegen viele andere.

  • Welcher Weg war jetzt richtig?
  • Womit würde ich am glücklichsten?
  • In welcher der Städte wartete langfristig der beste Job?
  • Die große Liebe?
  • Die schönste Zukunft?

Genau deswegen werden wir zynisch “Generation Maybe” genannt, ein Haufen unentschlossener Optimierer, die vielleicht sagen und im Sowohl-Als-Auch leben.

Das klingt, als wären wir schrecklich verwöhnte Spaßmenschen, die vorsätzlich entscheidungsgehemmt nicht erwachsen werden wollen. Aber so ist es nicht.

Bei dieser Vielzahl an Möglichkeiten, hinter denen sich selten etwas Haltbares verbirgt, scheint mir absolute und freie Selbstbestimmung nicht immer ein Segen zu sein. Man springt gedanklich und körperlich im Zickzack, nur um nicht die Chance zu verpassen, irgendwann Ruhe und Sicherheit zu finden – und verpasst sie auf diese Weise erst recht. Es kommt mir so vor, als könne das Hirn durch dieses jahrelang verlangte Hin und Her nicht mehr stillstehen.

Bietet sich dann tatsächlich eine Möglichkeit, geradlinig einen Weg zu verfolgen, ändern wir schon von selbst die Richtung – weil wir die Ruhe nicht mehr ertragen, sie erscheint uns verdächtig. Stillstand kann nichts Gutes bedeuten in einer Zeit, in der das Sammeln von Lebenslaufstationen zum Selbstzweck geworden ist. Wir können nicht mehr anhalten. Wie ein kleines Kind, das zum ersten Mal losläuft und vor lauter Unbeholfenheit von selbst immer schneller wird.

Studium – Praktikum – Klinikum

Mein Herz rast, und ich muss mich auf jeden Atemzug konzentrieren, um Luft zu bekommen. Gedanklich stecke ich in einer immer schneller werdenden Abwärtsspirale, ein unauflösbares Zugleich aus Selbstmitleid und einem allgemeinen Weltschmerz, die sich bis zur Unkenntlichkeit miteinander vermischen.

Ich ärgerte mich darüber, wie jämmerlich mein Körper auf ein paar Tage ohne Schlaf reagierte. Schlussendlich beugte ich mich dem Druck meines Umfeldes und beschloss, mich um einen Therapieplatz zu bemühen. Aber nicht weil ich, wie alle anderen, glaubte, ich sei verrückt, sondern weil ich beweisen wollte, dass ich es nicht war.

Über die Autorin

Jennifer BentzJennifer Elise Bentz wurde 1980 geboren und studierte Publizistik und Filmwissenschaft. Bei ihrem ersten Praktikum nach dem Uni-Abschluss arbeitet Jennifer bis zur Erschöpfung. In einer Klinik findet sie ihren Weg zurück in ein unbeschwertes Leben. „Einfach mal klarkommen“ ist ihr Ratgeber-Debüt – ein autobiografischer Bericht über einen schwierigen Jobeinstieg und die Überforderung im Arbeitsleben. Aus diesem Buch sind auch die obigen Auszüge, die wir exklusiv veröffentlichen dürfen.