Das Gehirn ist ein wundervolles Organ: Es arbeitet von dem Moment an, wo du morgens aus dem Bett springst, und hört nicht auf, bis du dein Büro betrittst. [Robert Lee Frost, Lyriker]
Fängt gut an! Der Wecker piept, plärrt und nervt – und das schon seit zehn Minuten. Aber warum? Warum stehen manche Menschen noch vor den ersten Sonnenstrahlen senkrecht im Bett, sind royal erholt, während andere sich in einer Art Wachkoma befinden, bis der Triple-Espresso zu wirken beginnt?
Mit einem Satz: Weil sie so geboren wurden. Mit der Schlafdauer hat das jedenfalls nichts zu tun. Im Durchschnitt liegt sie bei Erwachsenen zwischen sieben und acht Stunden. Weil aber nicht alle Menschen gleich viel Schlaf brauchen und sich die Bedarfsmenge mit steigendem Alter sowieso verändern kann, taugt diese Messgröße wenig. Entscheidender ist unser sogenannter Chronotyp. Sie und ich und alle anderen Menschen haben einen individuellen Biorhythmus – oder wie Chronobiologen es nennen würden: Sie sind entweder eine Lerche oder eine Eule.
Lerche oder Eule?
Auf diese trivial anmutende Unterscheidung sind nicht etwa Vogelkundler gekommen, sondern unter anderem der Vater der Schlafforschung, Nathaniel Kleitman. Den Entdecker der REM-Schlafphasen ereilte bereits 1933 die Erkenntnis, dass die kognitive Leistungsfähigkeit eines Menschen im Laufe eines Tages erheblich differieren kann. Im statistischen Mittelmaß fällt das nicht weiter auf. Da erleben mehr oder weniger alle Menschen gegen 9 Uhr morgens einen Höhepunkt der Testosteronausschüttung und gegen 12 Uhr einen Bluteiweißschock. Verantwortlich dafür ist der circadiane Tagesrhythmus, den jeder Mensch hat.

Bei genauerem Hinsehen aber eben nicht alle parallel. Es wäre auch eine beängstigende Vorstellung, wenn die Kollegen allesamt gleichzeitig mit dem 9 Uhr Gong hormongedopt am Schreibtisch säßen.
Weil das Leben eben eher zu Extremen als zu arithmetischen Mitteln neigt, gibt es Chronotypen. Die kennen Sie vielleicht auch unter anderen Namen. Zum Beispiel den Frühaufsteher (Fachjargon Lerche). Der ist gleich nachdem er sich aus den Laken geschält hat topfit und kann – theoretisch – kurz darauf locker eine Stegreifrede halten oder ein dreigängiges Frühstücksmenü zubereiten. Warum es die meisten trotzdem bei Toast, Kaffee und einer höheren Seinsstufe belassen, ist allerdings noch unerforscht. Der Langschläfer (Fachjargon Eule) hingegen schafft es morgens nur mit größter Mühe aus der Horizontalen, kommt langsam auf Touren, hält dafür aber abends länger durch und beweist noch bis spät in die Nacht Präsenz.
Aus Studien, unter anderem vom Schlafforscher Frank Pillmann in Halle, weiß man heute, dass Frühaufsteher meist bessere schulische Leistungen aufweisen, während die Nachtschwärmer häufig neugieriger und offener für neue Impulse sind. Der Chronobiologe Achim Kramer von der Berliner Charité fand einmal heraus, dass die innere Uhr von Eulen und Lerchen um bis zu zwei Stunden zeitversetzt ist. Zudem wird offenbar schon im Mutterleib genetisch festgelegt, welcher Typ wir später sind. Ob Lerche oder Eule – es liegt einem sprichwörtlich im Blut, und man bleibt es ein Leben lang.
Infografik: Dann sind Sie kreativer
Die gute Nachricht: Wer seinen eigenen Chronorhythmus kennt und seinen Alltag danach strukturiert, kann seine Leistung, Kreativität und Produktivität deutlich verbessern, etwa indem er schwierige Aufgaben in seinen Hochphasen erledigt und den lästigen Kleinkram in den Durchhängerphasen. Vielleicht können Sie sich mit Ihrem Chef aber auch so arrangieren, dass Sie – falls Sie eine Eule sind – morgens etwas später erscheinen und dafür abends länger bleiben. Wie sich die einzelnen Zeiten bei beiden Typen über den Tag verteilen, können Sie der folgenden Grafik entnehmen:

Das sind natürlich nur Durchschnittswerte, die im Einzelfall variieren können. Als Faustformel für Ihre Leistungskurve können Sie sich aber merken: In der Zeit von zehn bis zwölf Uhr sind beide Typen besonders leistungsfähig, arbeiten konzentriert und können gut Probleme lösen. Gegen Mittag flacht die Leistungskurve bis etwa 15 Uhr ab, bevor sich das nächste Hoch zwischen 16 und 20 Uhr aufbaut.
Wer also produktiver sein will, sollte seine Aufgaben an diesen Phasen ausrichten.








Ivan Blatter
Ein sehr schöner Artikel, danke schön! Besonders die Infografik ist super.
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n7
Der Beitrag ist jetzt schon etwas älter. Ich muss aber sagen, dass die Grafik gerade mal vielleicht auf leicht verschobene Chronotypen zutrifft.
Ich als Eule bin grundsätzlich bis Mittag zum Wegwerfen. Die kreative Höchstphase habe ich zwischen 22 und 1:00 Uhr. War eigentlich schon immer so.
Meine Uhr ist also nicht um “bis zu 2h zeitversetzt”, sondern um etwa 6 – ich muss mir wohl einen Job in den USA suchen ;)
Jochen Mai
@n7: Das ist natürlich ein extremer Fall – und 2 Stunden ja auch nur ein Durchschnittswert. Aber die Idee deshalb in die USA auszuwandern, finde ich sehr kreativ!
n7
@Jochen: da wär es doch eine Recherche wert, ob sich der Biorhythmus dann mit umstellt oder ob man trotz Zeitverschiebung wieder zur Eule wird…
Jochen Mai
@n7: Aber deswegen nach Amerika auswandern? Ganz schon aufwendig, die Recherche… Wie wärs: Du machst das und berichtest live und exklusiv für die Karrierebibel? (Bei mir würde sich das eh nicht lohnen – ich Eule hinke nur 2 Stunden hinterher)