Tagträume: Warum Sie Ihre Gedanken öfter schweifen lassen sollten
Mitten im Alltag passiert es: Die Gedanken schweifen ab, gehen auf Reise und wir schauen ihnen auch noch beim Verklären zu. Typisch Tagträume. Der Harvard-Psychologe Daniel Gilbert hat einmal erforscht, das wir rund 46,9 Prozent unserer Lebenszeit nicht auf unsere Außenwelt fokussiert sind und nicht auf das, was wir gerade tun müssen. Stattdessen beschäftigen wir uns mit unseren eigenen Gedanken. Nicht wenige fühlen sich danach schuldig, so als hätten Sie die Zeit nutzlos vertrödelt. Fehler! Dieser Albtraum vom Tagträumen zeichnet ein viel zu einseitiges Bild...

Die Entstehung von Tagträumen

Tagträume sind bildhafte Phantasien, die wir bei vollem Bewusstsein erleben. Zu einem gewissen Teil lassen sich diese Phantasien steuern, beispielsweise wenn Sie an den nächsten Urlaub denken oder sich vorstellen, wie es wäre befördert zu werden. Häufig jedoch entfalten sich Tagträume ohne Ihr zutun, einfach dadurch, dass Sie sich erlauben für einen Moment Ihre Aufmerksamkeit von der aktuellen Tätigkeit zu lösen. Diese wendet sich sodann von den äußeren Reizen ab, hin zu dem, was Sie im Inneren beschäftigt.

Laut Jonathan Schooler, Professor für Psychologie an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara, könne man zwischen zwei Gründen für Tagträume unterscheiden:

  1. Überforderung

    Das Gehirn braucht hin und wieder einfach eine Pause. Sie haben beispielsweise bereits mehrere Stunden konzentriert an einem Konzept gearbeitet. Aber nun ist der Punkt erreicht, an dem Ihr Gehirn nicht mehr aufnahmefähig ist und Ihre Konzentration schwindet. Kurz: Sie brauchen eine Pause, und Ihre Gedanken schweifen ab.

  2. Unterforderung

    Widmen Sie sich einer Aufgabe, die nicht Ihre volle Aufmerksamkeit braucht, nutzt das Gehirn den Freiraum, um Dinge, die Sie in Ihrem Unterbewusstsein beschäftigen, ans Licht zu bringen. Häufig kreisen die Gedanken dabei um zukünftige Ereignisse, beispielsweise Ziele, die Sie noch erreichen wollen, oder Entscheidungen, die Sie noch zu treffen haben.

Tagträume sind demnach in erster Linie eine Art Ausgleichsmechanismus des Gehirns der dafür sorgt, dass die körpereigenen Ressourcen und Kapazitäten richtig genutzt werden.

Wer sich zu lange mit einer Aufgabe beschäftigt, lenkt sein Denken in einen Tunnel und sorgt für geistige Blindheit. Es fehlt die Frischluft der freien Assoziation. Im Halbschlaf aber bekommt das Gehirn die nötige Zeit, damit es Informationen verknüpfen kann und so zur Keimzelle für gute Einfälle mutiert.

Das Vorsichhinsinnieren ist ein Quell großartiger Ideen

Genie Albert Einstein, der Regisseur Woody Allen and die Autorin Joanne K. Rowling waren und sind nicht nur bekennende Fans des Tagträumens. Nach eigenen Angaben verdanken die drei diesen gar ihre besten Ideen. Aber es gibt auch wissenschaftliche Befürworter, darunter etwa Benjamin Baird - ein Kollege Schoolers an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara.

Bei seinen Untersuchungen ließen er und seine Kollegen 145 Absolventen einige Kreativitätstests absolvierten, jedoch unterbrochen von einer 12-minütigen Pause. In dieser Zeit wurden die Probanden in drei Gruppen eingeteilt:

  • Die einen zogen sich in einen Ruheraum zum Dösen zurück.
  • Die zweite Gruppe musste noch mal kleine Kognitionstests über sich ergehen lassen.
  • Die dritte Gruppe sollte ein paar langweilige Dinge machen - aber mit dem Ziel, dass ihr Geist dabei auf Wanderschaft geht.

Dann die nächste Runde der Kreativitätstests - und siehe da: Die Tagträumer aus Gruppe 3 schnitten deutlich besser ab. Sehr deutlich: Im Schnitt ganze 41 Prozent mehr Lösungen fanden sie gegenüber den beiden anderen Gruppen.

Das kann für den Job eigentlich nur Eines bedeuten: Schalten Sie öfter ab, gönnen Sie sich zwischendurch mehr Pausen - und vor allem: Gönnen Sie sich ein paar Auszeiten zum Tagträumen. Das macht nicht nur kreativer - Sie finden so auch mehr und bessere Lösungen.

Das schlechte Image von Tagträume

Tagträume und ihr ImageTagträume haben einen schlechten Ruf, denn sie werden häufig mit mangelnder Disziplin und einer schlechten Auffassungsgabe gleichgesetzt. Sigmund Freud unterstellte ihnen sogar, dass Tagträume die Entwicklung von neurotischen Beschwerden begünstigen. In manchen Köpfen hält sich das bis heute. Leider.

Längst haben Wissenschaftler belegen können, dass das Gegenteil richtig ist: Tagträume sind wesentlich besser als ihr Ruf, sie wirken sich sogar positiv auf die Arbeit aus. Und nicht nur dort: Sie sind für unser Gehirn und unsere Psyche geradezu eine Wohltat...

Hier nur einige positive Auswirkungen von Tagträumen:

  • Tagträume steigern die Kreativität

    Es erscheint auf den ersten Blick widersprüchlich, dass es zur Lösung einer Aufgabe beitragen soll, sich genau nicht auf diese zu konzentrieren. Doch konnte der Hirnforscher Andreas Fink mithilfe von Messungen der Hirnströme beispielsweise zeigen, dass ein langsamer Hirnrhythmus für kreative Prozesse enorm wichtig ist. Diese sogenannten Alphawellen ließen sich aber vor allem bei Menschen während eines Tagtraumes messen, in diesem Zustand war ihre Erinnerungs- und Lernfähigkeit besonders erhöht. Aber auch so bieten Tagträume genug Raum, um sich kreativ mit anstehenden Aufgaben und deren Lösung auseinander zu setzen: Während des Abschweifens sammelt Ihr Geist unwillkürlich genug Bits an Informationen, die er neu verknüpfen kann - und voilà, heraus kommt dabei meist eine neue und kreative Idee.

  • Tagträume fördern vorausschauendes Denken

    Tagträumern fällt es leichter, Probleme frühzeitig zu erkennen und diese zu lösen. Die Psychologin Kalina Christoff von der Universität von British Columbia konnte beispielsweise mithilfe von Hirnscans nachweisen, dass bei Tagträumen ein ganzes Netzwerk an Gehirnarealen – das sogenannte Default Network – aktiv ist. Der Neurowissenschaftler Muireann Irish wiederum ist davon überzeugt, dass Tagträume tatsächlich harte Arbeit für unsere Oberstube sind (auch wenn es sich nicht so anfühlt). Das dabei ständige Verknüpfen unterschiedlicher neuronaler Netze und Gedanken sei nicht nur typisch für den Aufbau des Gehirns - es fördere geradezu unser Denken, den vorausschauenden Blick und das Antizipieren der Zukunft.

  • Tagträume trainieren unser Gehirn

    ...aber weniger das Bewusstsein. Als sich Anthony Jack, ein Kognitionsforscher an der Case Western Reserve Universität in Ohio mit dem Phänomen beschäftigte, fand er unter anderem heraus, dass wir beim Tagträumen unterschiedliche Modi des Denkens durchlaufen - mal analytisch, mal empathisch, mal chaotisch. Dabei sieht es jedoch so aus, als würden die jeweils anderen Denkweisen dabei kurzfristig ausgeschaltet. Oder anders formuliert: Tagträume geben unterschiedlichen Hirnarealen eine kurze Pause. Die aber sind wichtig, um anschließend mehr leisten zu können.

  • Tagträume helfen, neue Perspektiven zu entwickeln

    Beim Schweifenlassen der Gedanken können Sie sich natürlich auch vorstellen, jemand ganz anderes zu sein und so verschiedene Szenarien durchspielen. Dabei trainieren Sie jedoch gleichzeitig (und unbewusst) Ihre empathischen Fähigkeiten, also das Vermögen, unterschiedliche Blickwinkel einzunehmen, sich in andere Menschen einzufühlen und deren Reaktionen und Gefühle zu verstehen, was wiederum Ihre Sozialkompetenzen in der realen Welt verstärkt.

  • Tagträume steigern das Arbeitsgedächtnis

    Untersuchungen von Forschern um Daniel Levinson von der Universität von Wisconsin und dem Max Planck Institut für Kognitionswissenschaft kamen zu dem Ergebnis, dass Tagträume unsere Gedächtnisleistung verbessern - insbesondere unser Konzentrationsvermögen und die Fähigkeit, gespeicherte Informationen (trotz Ablenkungen und Störquellen) besser abzurufen. Mehr noch: Laut einer Studie der Cornell Universität in Ithaca steigern Tagträume sogar unsere Leistungskraft und Produktivität.

  • Tagträume bieten mentale Rückzugsräume

    In einer Welt, in der die Anzahl der Umweltreize stetig steigt, kann ein kurzer Moment der inneren Einkehr wie ein Kurzurlaub wirken. Wie Untersuchungen der Menninger Klinik zeigten, können Tagträume - ähnlich wie Meditation - den Blutdruck und Stresslevel senken.

Kekulés Traum: Dösen macht erfinderisch

1864 entschleierte der deutsche Chemiker Friedrich August Kekulé von Stradonitz die Struktur des Benzolmoleküls. Der Legende nach kam das so:

In der Nacht seiner spektakulären Entdeckung saß Kekulé in seinem Sessel, sah den Holzscheiten im Kamin beim Verbrennen und seinen Gedanken beim Verklären zu als seinen dösenden Geist eine Vision befiel: Kohlenstoff- und Wasserstoffatome tanzten vor seinen Augen; eine Schlange erschien, biss sich selbst in den Schwanz und bildete einen Ring. Daraufhin ordneten sich auch die Atome zu einer Ringstruktur.

Kekulé erkannte die lang gesuchte Anordnung. Es war die Geburtsstunde der organischen Chemie.

Kekulé selbst erzählte die Geschichte 25 Jahre nach seiner Entdeckung. Allerdings war das gemogelt: Bereits 1861 wurde er durch einen Kollegen auf die Ringtheorie aufmerksam gemacht, er lehnte sie damals aber ab.

Sein Versuch der Legendenbildung zeigt aber trotzdem, warum sie so glaubwürdig wirkte: Tagträumen und Dämmerzustände machen erfinderisch. Sie sind das Weckzeichen für die rechte Gehirnhälfte. Die linke, logisch ordnende Gehirnhälfte hat derweil Pause. Sie wird erst später wieder gebraucht, um aus den wirren Phantastereien eine brauchbare Idee zu formen - oder eben eine hübsche Geschichte.

Der Sinn und Nutzen von Tagträumen im Job

Entsprechend raten eine ganze Reihe von Wissenschaftlern inzwischen dazu, Tagträume öfter und bewusst einzusetzen. Insbesondere dann seien sie besonders hilfreich, wenn Sie etwa das Gefühl haben, eine Blockade zu erleben und nicht weiterzukommen oder wenn Sie an der Lösung eines Problems arbeiten und partout keine Lösung finden.

In einer solchen Situation helfe es enorm, die Arbeit kurz ruhen zu lassen und einer geistig anspruchslosen Tätigkeit nachzugehen. Es sollte keine Tätigkeit sein, auf die Sie sich konzentrieren müssen, sondern eher etwas Beliebiges wie beispielsweise auf einem Block kritzeln. Das gibt Ihnen die Gelegenheit, abzuschweifen und mittels Tagträumen das Problem zu lösen.

Allerdings - das muss man auch sagen - gibt es im Job natürlich ebenso Aufgaben, die Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit erfordern, beispielsweise die Vorbereitung einer Kundenpräsentation.

In solchen Situationen können Tagträume auch zu Effizienz-Killern mutieren. Wer an einer Aufgabe mit einer knappen Deadline laboriert, wird durch viele Tagträume eher unterbrochen oder nutzt sie zum Prokrastinieren, also dem selbstbetrügerischen Aufschieben unangenehmer Aufgaben. Hier hilft es eher, seine Aufmerksamkeit zu fokussieren, um zu verhindern, dass die Gedanken abschweifen.

Kurz: Tagträume haben auch eine Schattenseite, die aber weniger im Träumen selbst also vielmehr im Timing und Einsatz derselben liegt. Sie sollten daher unterscheiden, wann es hilfreich sein kann, einen kurzen gedanklichen Exkurs zu machen und wann sie besser konzentriert an einer Aufgabe arbeiten.

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