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Wann haben Sie sich das letzte Mal mit dem Thema Tarifvertrag befasst? Wahrscheinlich immer dann, wenn ein großer Streik, beispielsweise der Lokführer oder Piloten, durch die Medien geht und die Forderungen und Angebote der beiden Seiten ausgehandelt werden. Doch nicht über alle Tarifverträge wird so groß verhandelt. Laut der Gewerkschaft Verdi gelten in Deutschland rund 50.000 Tarifverträge, die für viele Arbeitnehmer enorm wichtig sind. Doch welche Arten von Tarifverträgen gibt es, was steht in einem solchen Vertrag und für wen sind die getroffenen Regelungen gültig?

Tarifvertrag: Was ist das?

Tarifvertrag Definition Tarifvertrag Öffentlicher Dienst Tarifvertrag IG Metall Tarifvertrag EinzelhandelDas Gabler Wirtschaftslexikon definiert Tarifvertrag folgendermaßen:

Bürgerlich-rechtlicher Vertrag zwischen Parteien mit Tariffähigkeit (Arbeitgeberverbände, einzelne Arbeitgeber, Gewerkschaften) zur Regelung ihrer Rechte und Pflichten (schuldrechtlicher Teil) und zur Festsetzung von arbeitsrechtlichen Normen (normativer Teil).

Etwa ein Fünftel der Arbeitnehmer in Deutschland ist in einer Gewerkschaft organisiert. Die Gewerkschaften vertreten die Interessen ihrer Mitglieder, da es für einen einzelnen Arbeitnehmer sehr schwierig ist, etwas an seiner Arbeitssituation zu ändern. In der Gemeinschaft einer Gewerkschaft können die Arbeitnehmer Ihren Forderungen beispielsweise durch einen Streik Nachdruck verleihen.

Ein Tarifvertrag - in Österreich Kollektivvertrag, in der Schweiz Gesamtarbeitsvertrag genannt - wird zwischen der Arbeitnehmerseite und der Arbeitgeberseite geschlossen. Rechtliche Grundlage ist das Tarifvertragsgesetz.

Wie jeder Vertrag sind die Inhalte für beide Seiten üblicherweise verpflichtend, man spricht hier von Tarifbindung. Allerdings gibt es auch Ausnahmen, in denen der Arbeitgeber Mitglied im Arbeitgeberverband ist, dieser jedoch eine Satzung enthält, die eine Mitgliedschaft ohne Tarifbindung (so genannte OT-Mitgliedschaft) ermöglicht. Gewerkschaften sprechen hier von Tarifflucht, denn die Inhalte des Tarifvertrages sind für den Arbeitgeber nicht mehr bindend.

Ziel eines Tarifvertrages ist es, alle wichtigen für die Arbeits- und Einkommensbedingungen der Gewerkschaftsmitglieder festzulegen. Rein rechtlich haben also nur die Mitglieder der Gewerkschaft einen Anspruch auf die im Tarifvertrag vereinbarten Leistungen.

In der Praxis werden die Regelungen eines Tarifvertrages auch auf andere Mitarbeiter angewendet. Das hat seinen Grund darin, dass der Arbeitgeber anderenfalls die Angestellten in die Arme der Gewerkschaft treiben würde und das liegt nicht in seinem Interesse.

Tarifvertrag: Welche Inhalte gibt es?

Ein Tarifvertrag ist in zwei Teile gegliedert: Dem normativen und dem obligatorischen Teil. Im obligatorischen Abschnitt werden die Rechte und Pflichten der Vertragsparteien festgehalten.

Hierzu zählen beispielsweise die Laufzeit oder die Kündigungsfrist des Vertrages. Besonders interessant für die Mitglieder der Gewerkschaft, also die Arbeitnehmer, ist aber der normative Teil. Denn dieser befasst sich mit dem Arbeitsverhältnis und den zugehörigen Fragen. Die wichtigsten Punkte innerhalb eines Tarifvertrages sind:

  • Arbeitszeiten

    Nicht jeder arbeitet die gleiche Anzahl an Stunde pro Woche. Mithilfe eines Tarifvertrages kann die Arbeitszeit auch verringert werden, beispielsweise auf maximal 37,5 Stunden pro Woche.

  • Arbeitsentgelt

    Ein häufiger Streitpunkt und auch eine der wichtigsten Forderungen der Gewerkschaften bei Tarifverhandlungen ist das Gehalt beziehungsweise der Lohn der Arbeitnehmer. Hierbei kann festgelegt werden, wie viel die Arbeitnehmer verdienen oder in welchen Schritten das Gehalt erhöht wird.

  • Arbeitsbedingungen

    Auch die Art und Weise, wie eine Aufgabe zu erledigen ist, kann im Arbeitsalltag einen großen Unterschied für die Betroffenen machen. Aus diesem Grund setzen fordern Gewerkschaften verstärkt bessere Arbeitsbedingungen für ihre Mitglieder.

  • Urlaubsanspruch

    In einem Tarifvertrag kann vereinbart werden, dass der Urlaubsanspruch der Mitarbeiter über den gesetzlichen Mindestanspruch hinaus erhöht wird. So kann durch die Verhandlungen der Gewerkschaft beispielsweise ein Urlaubsanspruch von 30 Tagen durchgesetzt werden, anstatt der gesetzlich vorgeschriebenen 24 Tage.

  • Zusatzleistungen

    Auch zusätzliche Leistungen an die Arbeitnehmer, beispielsweise in Form von Weihnachtsgeld, können im Tarifvertrag vereinbart werden. Welchen genauen Leistungen hier vereinbart werden, variiert von Branche zu Branche.

Ebenso finden sich im Tarifvertrag Regelungen zu Kündigungsfristen, Entlassungen aber auch zum Zustandekommen neuer Arbeitsverhältnisse.

Wann gilt ein Tarifvertrag für Sie?

Tarifvertrag IG Metall Tarifvertrag DefinitionDie Inhalte eines Tarifvertrags können große Auswirkungen auf ein Arbeitsverhältnis haben. Doch wann gilt ein Tarifvertrag eigentlich für Sie? Für diese Frage müssen drei Möglichkeiten unterschieden werden.

  • Tarifwirkung

    Sie sind Mitglied in der Gewerkschaft und Ihr Arbeitgeber Teil des Arbeitgeberverbandes, der den Tarifvertrag geschlossen hat? Dann fällt Ihr Arbeitsverhältnis unter die sogenannte Tarifwirkung und die getroffenen Vereinbarungen sind für Sie gültig.

  • Einzelvertragliche Vereinbarung

    Die Gültigkeit eines Tarifvertrages kann auch im Arbeitsvertrag festgehalten werden. Selbst wenn Sie nicht Mitglied einer Gewerkschaft sind kann so geregelt werden, dass der Tarifvertrag auch für Ihre Beschäftigung angewendet wird.

  • Allgemeinverbindlichkeit

    Es gibt auch die Möglichkeit, dass ein Tarifvertrag durch den Bundesminister in den Status der Allgemeinverbindlichkeit gehoben wird. Dies kann passieren, wenn die Tarifwirkung nicht ausreicht, um die verschiedenen Arbeitnehmer einer Branche zu schützen.

Tarifvertrag: Welche Arten von Tarifverträgen gibt es?

Deutschlandweit gibt es zurzeit 50.000 Tarifverträge, etwa 6.000 bis 7.000 werden jährlich erneuert. Rund 70 Prozent aller Arbeitnehmer arbeiten in Betrieben mit Tarifbindung. Nicht alle Tarifverträge sind identisch. Manche unterscheiden sich in erster Linie dadurch, wer von den Regelungen, auf die man sich einigen konnte, betroffen ist und welche Bereiche der Vertrag behandelt.

  • Verbandstarifvertrag

    Diese Art wird auch Branchen- oder Flächentarifvertrag genannt und ist die häufigste Form des Tarifvertrages in Deutschland. Er hat Gültigkeit beispielsweise für eine Branche oder einen vorher festgelegten Tarifbezirk, wie zum Beispiel ein bestimmtes Bundesland. Da sie meist auf regionaler Ebene geschlossen werden, gibt es geringfügige Unterschiede zwischen den Verträgen. Für gewöhnlich sind die Lohnerhöhungen davon nicht betroffen, Ausnahme ist Ostdeutschland: Der durchschnittliche Tariflohn dort entspricht nur zu 96,5 Prozent dem Westlohn.

  • Firmentarifvertrag

    Wie Sie sicherlich aus dem Namen schon richtig schlussfolgern, entsteht dieser Vertrag zwischen einer Gewerkschaft und einem einzelnen Unternehmen, er wird daher auch Haustarifvertrag genannt. Bekannte Beispiele für Firmentarifverträge sind der Tarifvertrag zwischen der IG Metall und dem Automobilhersteller Volkswagen oder auch der Firmentarifvertrag zwischen der IG Bergbau, Chemie, Energie mit den großen Mineralölkonzernen.

  • Mehrgliedrige Tarifvertrag

    Hierbei handelt es sich um eine etwas speziellere Form des Tarifvertrages. Als Vertragspartner können in diesem Fall auf beiden Seiten mehrere Parteien stehen. Es können also beispielsweise fünf Gewerkschaften gleichzeitig mit mehreren Arbeitgeberverbänden verhandeln.

Wird eine Unterscheidung anhand des Inhalts getroffen, erfolgt eine Gliederung beispielsweise in:

  • Manteltarifvertrag

    Der Manteltarifvertrag (auch als Rahmentarifvertrag bezeichnet) beschäftigt sich mit einigen wichtigen Fragen des Arbeitsverhältnisses. Dazu zählen in erster Linie die Arbeitszeit, der Urlaubsanspruch oder Kündigungsfristen. Er regelt allerdings auch die Einteilung der Arbeitnehmer in verschiedene Lohn- und Gehaltsgruppen, die aufgrund der Arbeitsinhalte der einzelnen Arbeitnehmer voneinander unterschieden werden. Ein Vorteil dieser Verträge ist ihre lange Laufzeit, die teilweise sogar unbegrenzt sein kann.

  • Gehaltstarifvertrag

    Um eine angemessene Entlohnung der Mitglieder zu garantieren, schließen Gewerkschaften mit den Arbeitgeberverbänden sogenannte Gehaltstarifverträge ab. Dadurch können Arbeitnehmer, für die der Vertrag gilt, sicher sein, nicht unter Tarif bezahlt zu werden. Allerdings sind die Laufzeiten solcher Verträge deutlich kürzer als beispielsweise bei einem Manteltarifvertrag.

  • Anschlusstarifvertrag

    Ein Tarifvertrag, der zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretung gekündigt wird und mit neu verhandelten Vereinbarungen direkt im Anschluss wirksam wird, wird als Anschlusstarifvertrag bezeichnet.

  • Notlagentarifvertrag

    Diese Art von Tarifvertrag (auch als Sanierungstarifvertrag bezeichnet) tritt dann in Kraft, wenn eine wirtschaftliche Notlage oder Insolvenz des Unternehmens vermieden werden soll. Verbunden sind damit häufig Einbußen im Bereich der Sonderzahlungen und Arbeitsverlängerungen ohne Lohnausgleich. Im Gegenzug gilt es betriebsbedingte Kündigungen zu verhindern.

Tarifverträge nützen keineswegs nur dem Arbeitnehmer. Auf Arbeitgeberseite liegt der Nutzen darin, dass beispielsweise die gleichen Wettbewerbsbedingungen gelten: Denn ein Tarifvertrag setzt Mindeststandards, die nicht unterschritten werden dürfen.

Das heißt, dass jedes tarifgebundene Unternehmen einer Branche oder Region zu gleichen Arbeitsbedingungen und bei gleichem Lohn seine Arbeitnehmer beschäftigt. Des Weiteren gilt für die Dauer des Tarifvertrages die sogenannte Friedenspflicht: Den Arbeitnehmern ist es währenddessen untersagt zu streiken, was für die Arbeitgeber wiederum Planungs- und Kalkulationssicherheit bedeutet.

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