Zusammen studiert, gemeinsam gefeiert, zum Schluss sogar die Wohnung geteilt. Doch dann das: Gestern erzählt er Ihnen, Herr Müller von der XY AG habe angerufen und Ihr Vorstellungsgespräch abgesagt – und wie leid ihm das für Sie tue. Sie haben Herrn Müller angerufen, weil Sie einen Grund für die Absage erfahren wollten – und erfahren, dass Ihr bester Freund Sie belogen hat: Er hat sich ebenfalls auf die Stelle beworben – gleich, nachdem Sie ihm davon erzählt haben. Weil Sie ihm als Konkurrent lästig sind, wollte er Sie kurzerhand aus dem Rennen werfen. Im Krieg, in der Liebe und beim Start ins Berufsleben sei schließlich alles erlaubt, meint er…

Der Kampf um den besten Job gehört an den Hochschulen zur Tagesordnung: Da verschwinden Stellenangebote von den schwarzen Brettern und Informationen über freie Stellen werden bewusst zurückgehalten, um den Kreis der Mitbewerber so klein wie möglich zu halten. Dafür werden gezielt Desinformationen gestreut wie angebliches Insiderwissen über schlechte Arbeitsbedingungen oder falsche Horror-Storys aus Vorstellungsgesprächen. Hauptsache, die Zahl der Mitbewerber schrumpft.

Der Konkurrenzdruck beginnt früher

Zugegeben: Das ist nicht wirklich neu – und beginnt nicht erst in der Schlussphase des Studiums. Schon immer gehörte das Tricksen zum Studium dazu. Da wurden falsche Informationen über Prüfungsthemen gestreut, Prüfungstermine vom schwarzen Brett abgehängt oder gar durch gefälschte Listen ersetzt, Bücher verschwanden über Nacht aus der Bibliothek, um Mitstudenten am Lernen zu hindern. Vor allem in Fächern, in denen gnadenlos ausgesiebt wird.

Seit im Studium nur noch der schnelle, perfekte Abschluss zählt, wächst der Konkurrenzdruck in allen Disziplinen. Und die Studenten? Beugen sich willig, so scheint es, um ja keinen Nachteil in Kauf nehmen zu müssen. Einseitig auf Karriere gedrillt, scheint die Generation Y sogar bereit, die eigene Mutter zu verkaufen, wenn das dem Fortkommen dient. Wer’s nicht schafft, hat versagt, hat seine Zukunft vergeigt. So zumindest das Denken in manchen Köpfen.

Mit der Bologna-Reform ist Studieren zum Rattenrennen geworden – weil das Studium bis ins letzte Detail vorgeschrieben ist, keine individuellen Schwerpunkte mehr gesetzt werden können. Die Ziellinie wird von Absolventen passiert, die sich zum Verwechseln ähneln. Das erhöht natürlich den Druck, denn der Arbeitsmarkt erwartet individuelle Persönlichkeiten. Die können aber unter den herrschenden Bedingungen nicht heranreifen.

Der Kampf um den Traumjob wird härter

Das sind natürlich schlechte Voraussetzungen für den Start ins Arbeitsleben. Zumal Bewerbungsratgeber seit Jahren suggerieren, man müsse sich positionieren, um bei der Jobsuche erfolgreich sein zu können. Nur: Woher nehmen – wenn nicht stehlen? Wo soll bei so viel Uniformität das Alleinstellungsmerkmal herkommen? Wie unterscheidet man sich von Mitbewerbern, die exakt den gleichen Ausbildungsweg beschritten?

Und das beim – fast – wichtigsten Schritt der Erwerbsbiografie: dem Berufseinstieg. Misslingt er, droht eine Lücke im Lebenslauf – mindestens entsteht aber Erklärungsbedarf, wenn Sie nach kurzer Zeit wechseln wollen. Außerdem hält es beim Aufstieg auf. Dumm also, wenn die begehrten Stellen rar sind: Da wächst die Versuchung, zu mogeln oder sich mit unfairen Mitteln einen Startvorteil zu beschaffen.

Doch diese Vorgehensweise ist gefährlich – speziell, weil sie in den Unternehmen großen Schaden anrichtet: Wer zum eigenen Vorteil lügt und betrügt, zeigt dasselbe Verhaltens- und Denkmuster, dass auch zu Korruption oder Industriespionage führt: Wer zum eigenen Vorteil über Leichen geht, wird zu Recht wie die Pest gemieden.

Wer kooperiert, kommt deutlich weiter

Denn letzlich beweist er nur, dass er dem Wettbewerbsdruck nicht gewachsen ist. Ihm fehlt die charakterliche Reife, die etwa eine spätere Führungskraft mitbringen muss. Teamleiter, die mauscheln, vertuschen, Ideen klauen oder sich auf Kosten ihrer Mitarbeiter profilieren, kommen selten weit. Denn sie sind so sehr mit der Kontrolle ihrses Umfelds beschäftigt, um nicht aus Rache abgesägt zu werden. dass Ihnen zu echter Führung keine Zeit bleibt. Und das ist schlecht fürs Unternehmen.

Hinzu kommt: Wer Informationen für sich behält und andere austrickst, beraubt sich seiner wichtigsten Start-Ressource: dem Netzwerk. Nicht gegeneinander – miteinander sind Menschen erfolgreicher. Das zeigen nicht nur diverse Studien von Ökonomen und Spieltheoretikern, es ist ein ehernes Gesetz der Wirtschaft: Man begegnet sich im Leben immer zwei Mal. Mindestens. Wer heute noch Ihr Konkurrent ist, steht Ihnen morgen vielleicht als potenzieller Geschäftspartner gegenüber. Oder ist der Mensch, der Sie auf die nächste Stufe der Karriereleiter hieven kann. Gut, wenn Sie ihn dann noch anrufen und ins Gesicht sehen können.

Und weil Netzwerken immer mit Geben beginnt, solltest Sie möglichst großzügig sein, um selbst relevante Informationen für den Karrierestart zu erhalten. Das bringt Sie vielleicht kurzfristig um den Startvorteil, zahlt sich langfristig aber immer aus.

Und jetzt Sie: Haben Sie bei Klausuren oder in der Bewerbungsphase auch schon unschöne Erfahrungen mit Kommilitonen gemacht? Schreiben Sie uns!