Das Strategem ist eine List, ein Kunstgriff, ein Trick. In China gilt es seit Jahrtausenden als Kunst. Hier aber hat die List einen unmoralischen Beigeschmack, so dass sie gerne hinter dem Begriff Strategie verborgen wird. Letztlich ist auch das eine List.

Dabei ist die List per se ja nicht schlecht. Sie kann guten wie bösen Zwecken dienen, offensiv oder defensiv angewendet werden. Der Sinologe Harro von Senger hat vor einiger Zeit darüber ein lesenswertes Buch geschrieben, in dem er 36 wirksame Listen zusammengetragen hat. Sie sind ein Auszug aus einem Militärtraktat, das um 1500 unter der Überschrift „Sanshiliu Ji. Miben Bingfa“ erschienen ist – die „36 Strategeme. Geheimbuch der Kriegskunst“. Darin enthalten sind viele nützliche Taktiken, wie etwa das Gerüchte-Strategem Nummer 7 – „Aus einem Nichts etwas erzeugen“: Es beschreibt die Kunst, sich durch Vorgaukeln einen Vorteil zu verschaffen. Genauso wie das Täuschungs-Strategem Nummer 21 – „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“: Es sagt, dass man durch Verstellung, Verkleidung und Tarnung sein Ziel erreichen kann.

Tatsächlich haben diese Listen viel mit geistiger Beweglichkeit zu tun. Zu den populärsten Kniffen gehört bis dato, eine Fassade aufzubauen und so lange aufrecht zu erhalten, bis sie zu einem vertrauten Bild geworden ist und sich dahinter heimlich das wahre Manöver durchführen lässt (8. Sichtbar die Holzstege instand setzen, insgeheim nach Chencang marschieren). Smalltalk ist etwa so eine Fassade, die Vertrauen schaffen und beweisen soll, dass einer ein netter Kerl ist (was freilich auch die Wahrheit sein kann).

Ebenso schonen gewitzte Strategen die eigenen Kräfte, bleiben passiv und sehen zu, wie mehrere Gegner ihre Zwistigkeiten untereinander austragen bis sie sich gegenseitig vernichtet haben (9. Die Feuersbrunst am gegenüberliegenden Ufer beobachten). Aber auch Trick 17 ist beliebt: Es wird jemandem etwas Unbedeutendes angeboten, um ihn dazu zu verleiten, etwas Wertvolles herzugeben (17. Einen Backstein hinwerfen, um einen Jadestein zu erlangen). Geschenke, aber auch schnelle Zugeständnisse bei Verhandlungen sind meist nichts anderes. Sie spielen vor allem mit der Reziprozitätsregel. So oder so – Alltag und Aufstieg sind sehr häufig ein taktisches Spiel. Und selbst, wer es nicht mitspielen will, sollte zumindest die Tricks und Fallen der anderen erkennen.