Ein Interview mit der Rechtsanwältin und Autorin Carmen Schön
Carmen Schön studierte Jura und Psychologie in Hamburg, Speyer und New York. Nach der Moderation der RTL-Sendung „Wir kämpfen für Sie“, begann Sie bei der MobilCom als Justitiarin. Sie ist Mitgründerin von Freenet.de und verantwortete dort die Bereiche Recht, Regulierung und Beteiligungsmanagement. Im Jahr 2000 gründete sie ihr eigenes Unternehmen und trainiert und coacht seitdem Führungskräfte. Gerade ist ihr zweites Buch bei Eichborn erschienen: “Die geheimen Tricks der Arbeitgeber – Karrierefallen erkennen und selbstbewusst kontern” Darin zeigt sie, wie man als Mitarbeiter die skrupellosen Tricks der Chefs erkennt und eigene Ziele künftig besser durchsetzt.
Frau Schön, in Ihrem Buch behandeln Sie die geheimen Tricks der Arbeitgeber. Das klingt so, als würden Arbeitnehmer regelmäßig nach Strich und Faden betrogen, manipuliert und ausgenutzt.
Nicht jeder Arbeitnehmer wird von seinem Arbeitgeber betrogen und ausgenutzt. Es gibt aber in vielen Unternehmen klassische Tricks, die der Vorgesetzte anwendet und die sich für die Entwicklung der Karriere des Arbeitnehmers negativ auswirken.
Ich habe festgestellt, dass sich bestimmte Tricks häufen und in einer Vielzahl von Unternehmen eingesetzt werden und viele dieser Themen in Coachings auftauchen, die ich mit Mitarbeitern durchführe. Idee des Buches ist es, klassische und wiederkehrende Tricks von Arbeitgebern zusammen zu fassen und Mitarbeitern an die Hand zu geben.
Dann frage ich mal konkret: Wie viel Prozent der Arbeitgeber verhalten sich permanent so unfair gegenüber ihren Angestellten?
Eine konkrete Zahl kann ich Ihnen nicht nennen. Ich beobachte aber in meiner täglichen Arbeit, dass der Kopf des Unternehmens bestimmt, welche Tricks zur Unternehmenskultur gehören. Eine Führungskraft, die sich komplett anders gegenüber den Mitarbeitern verhält, als vom Kopf des Unternehmens gewünscht, wird es schwer haben. Generell sind die Manager daran interessiert, kurzfristig gute Ergebnisse zu erzielen und je nachdem, in welcher Schule sie Mitarbeiterführung gelernt haben, werden sie in die Trickkiste greifen. Allerdings muss man dabei zwischen Konzernen und Klein- und mittelständischen Unternehmen unterscheiden. Vorstände und Geschäftsführer von Konzernen verlassen in der Regel nach 4 Jahren das Unternehmen und gehen in einer anderen Firma den nächsten Karriereschritt. In dieser kurzen Zeit gilt es, alles daran zu setzen, die Ergebnisse positiv zu gestalten. Mitarbeiter werden meistens als Mittel zum Zweck eingesetzt, um dieses Ziel zu erreichen. Inhabergeführte Unternehmen sind dagegen eher daran interessiert, die Mitarbeiter zu halten und aufzubauen. Zwischen dem Inhaber und den Mitarbeitern entwickelt sich eine persönliche Beziehung und jede Seite möchte sich im Unternehmen wohl fühlen und miteinander wachsen. Ich möchte die Arbeit in einem Inhaber geführten Unternehmen nicht idealisieren, ich erlebe aber immer wieder, dass sich die meisten Inhaber viele Gedanken über ihre Mitarbeiter machen und diese als Teammitglied ansehen. Ich selbst komme aus einer Unternehmerfamilie, in der ich genau das jahrelang beobachtet habe.
Betrifft das Problem denn vor allem Berufseinsteiger oder auch Profis mit einigen Jahren Berufserfahrung?
Es betrifft beide. Mitarbeiter, die jahrelang in dem gleichen Unternehmen arbeiten, sehen häufig nicht mehr die Karrierehindernisse, da sie die Unternehmenskultur als normal und üblich ansehen. So fehlt der distanzierte Blick von außen und vielleicht die Feststellung, dass derjenige sich gerade in einer verfahrenen Karrieresituation befindet. Mitarbeiter, die jahrelang in einem guten Arbeitsklima tätig waren und das Unternehmen wechseln, ahnen häufig gar nicht, mit welchen Tricks andere Arbeitgeber umgehen. Tendenziell würde ich sagen, je mehr Unternehmen und damit auch Unternehmenskulturen und Führungsstiele ein Mitarbeiter erlebt hat, umso mehr Tricks von Arbeitgebern hat er kennen gelernt. Jeder Arbeitgeber führt anders.
Lassen Sie uns auf einige der von Ihnen beschriebenen Tricks eingehen. Da heißt es etwa: Wer für seinen Fleiß gelobt wird, hat schon verloren. Warum das?
Weil man nicht mit Leistung Karriere macht. Die Arbeitsbiene ist eine geschätzte Person im Unternehmen, die es karrieremäßig nicht weit bringen wird. Hierzu gibt es eine interessante Studie von IBM aus dem Jahre 2001, die untersucht hat, nach welchen Faktoren sich bestimmt, ob ein Mitarbeiter Karriere macht: Nur 10 Prozent hängt danach von der Leistung beziehungsweise dem Fachwissen ab. Viel wichtiger ist mit 60 Prozent die Bekanntheit des Mitarbeiters im Unternehmen sowie mit 30 Prozent die Art und Weise seines Auftrittes. Gerade Berufsanfänger neigen jedoch dazu, sich fast ausschließlich über ihre Leistung zu definieren. Das ist falsch und bringt die Leute mittelfristig kaum weiter.
Zu den dunklen Praktiken der Arbeitgeber gehört angeblich auch der gezielte Einsatz unlösbarer Aufgaben. Ist das nicht selbstzerstörerisch?
Ja und nein. Der gezielte Einsatz unlösbarer Aufgaben heißt übersetzt, dass der Mitarbeiter sich eine lange Zeit mit einem Thema beschäftigt und sich daran die Zähne ausbeißt. Das Ziel dabei ist dann oft, sein Selbstbewusstsein zu schwächen und den Gedanken – Ich möchte weiter kommen –in eine andere Richtung zu lenken. Das heißt keineswegs, dass Zwischenergebnisse für den Arbeitgeber nicht verwertbar sind oder der Chef dem Mitarbeiter dauerhaft unlösbare Aufgaben zuteilt. Ein kleiner Ego-Dämpfer macht den Mitarbeiter aber wieder für längere Zeit gefügig.
Sie schreiben auch Duzen und Siezen seien Formen von Manipulation. Wie wirkt das genau?
Bewusst eingesetzt, kann das eine Form von Manipulation sein. Damit möchte ich aber nicht ausdrücken, dass jeder Mitarbeiter manipuliert wird, der den Arbeitgeber duzen darf. Hintergrund ist, dass die Kollegen genau beobachten, wer Chefs Liebling ist und wer nicht. Und jeder, der Karriere machen möchte, weiß, dass das nur über den Chef geht und er daher bei ihm einen guten Stand haben sollte. Wer den Chef duzen darf, ist enger mit ihm vertraut als die Mitarbeiter, die ihn siezen müssen. So kann der Chef Mitarbeiter auf Distanz halten, indem er sie siezt und sie dafür arbeiten lassen, dass DU angeboten zu bekommen.
Kommen wir zu den wohl stärksten Druckmitteln: Gehalt und Beförderung. Wo steckt dort der Pferdefuß?
Das Gehalt und die Beförderung werden von den meisten Mitarbeitern als das Signal der Wertschätzung betrachtet. Das Locken mit einer Gehaltserhöhung oder Beförderung löst bei den meisten Arbeitnehmern mehr Motivation aus. Jedoch nur so lange, wie sie auch daran glauben, dass ihr Einsatz tatsächlich honoriert wird. Viele Studien belegen, dass das Gehalt und die Beförderung nur kurzfristig zu mehr Motivation führen.
Hand aufs Herz: Welche dieser Praktiken haben Sie denn schon am eigenen Leib erfahren?
Ich bin in meiner mittlerweile 13-jährigen Berufspraxis in fünf Unternehmen in leitender Position gewesen. Die meisten dieser Firmen hatten eine unterschiedliche Unternehmenskultur. In zwei Unternehmen habe ich alle die in meinem Buch geschilderten Tricks erlebt – entweder am eigenen Leib oder als Beobachterin bei Kollegen.
Und wie kann man sich im Einzelfall schützen?
Ein allgemeines Rezept gibt es nicht. Wichtig ist aber, sich zumindest deutlich zu machen, dass es die im Buch beschriebenen Tricks gibt und man wachsam sein sollte. Es ist utopisch zu glauben, dass man sich vor jedem Trick schützen kann. Warum nicht alles etwas sportlicher betrachten? Ich kenne viele Vorstände und Geschäftsführer, die es schätzen, wenn Mitarbeiter ihre Spiele erkennen und damit auch spielerisch umgehen – das schafft Augenhöhe. Und gerade das kann der Weg sein, Karriere zu machen.
Die Kündigung ist natürlich immer der Heldennotausgang der Gemobbten. Aber was ist mit den Leuten, die Ihren Job trotzdem gerne behalten würden?
Die sollten sich die Frage stellen, was sie an ihrer aktuellen Situation verändern können und was nicht – und was für sie lebbar ist. Letztlich sollte jeder Mitarbeiter die Führungs-Kultur in der Firma akzeptieren und auch leben wollen. Stellt man fest, dass man andere ethische und moralische Ansprüche hat, so kann es ein guter Schritt sein, sich nach einem anderen Arbeitgeber umzuschauen. Da gelebte Kulturen sich nur schwer und allenfalls langsam verändern lassen, sollte der Mitarbeiter darauf nicht warten.







Michel
“Vorstände und Geschäftsführer von Konzernen verlassen in der Regel nach 4 Jahren das Unternehmen und gegen in einer anderen Firma den nächsten Karriereschritt.”
Da hat sich ein winziger Tippfehler eingeschlichen. Ich nehme an es soll “gehen” statt “gegen” heißen!?
Ansonsnte ein sehr schöner Artikel!
Michel
Huch da ist es mir doch glatt selber passiert…
Jochen Mai
Vielen Dank für den Hinweis, ist korrigiert. Das kommt bei den vielen Texten leider immer wieder mal vor.
Peter
Interessantes Interview, das einige Grundwahrheiten enthält:
- Der Fisch stinkt immer vom Kopf, d.h. die Kultur hängt in hohem Maße von der Unternehmensführung ab.
- Leistung ist ein gemeinhin stark überschätzter Karrierefaktor, nach dem Motto: Wer gute Leistung bringt, gibt keinen Anlass dazu, dass er befördert wird. Vgl. Weick/Schur: Wahnsinnskarriere (Wie wär’s mal mit einem Interview dieser Autoren?)
- Mehr Geld kann die innere Motivation nicht erhöhen. Als Anreiz von außen kann es nur kurzfristig (Forscher sprechen von nur 48 Stunden!) zu mehr Leistung motivieren.
Besonders der letzte Absatz ist wichtig. Er folgt dem einfachen aber wirkungsvollen Prinzip “Love it, change it or leave it!”.
Was ich allerdings bezweifle ist, dass hinter vielen dieser “Strategien” tatsächlich eine bewusste böse Absicht der Arbeitgeber steckt. Vieles davon dürfte im un- oder im Unterbewussten laufen.
Was dagegen hilft, sind klärende Gespräche, bei denen man Probleme aus dem un- bzw. Unterbewusstsein in das Bewusstsein zerrt. Das verschafft Respekt. Die Kraft für diese Gespräche kann man daraus beziehen, im Arbeitsmarkt beweglich zu bleiben, d.h. durch eine Fülle an anderen Optionen im Zweifel problemlos “Nein!” sagen und gehen zu können.