90 Tage auf Bewährung. So beginnt ein neuer Job. Zwar dauert die Probezeit meist länger, aber schon der ersten 90 bis 100 Tage im neuen Job stellen die entscheidenden Weichen für den späteren Erfolg – ob als Mitarbeiter oder Führungskraft. So ergeben sich über 90 Gelegenheiten mit frischen Ideen zu trumpfen, seinen Ruf zu verbessern, hinzulernen, sich weiterzuentwickeln … oder auf die Nase zu fallen. So gilt es in dieser Zeit vor allem einen optimalen Eindruck zu hinterlassen, Vertrauen zu gewinnen und obendrein den größten Fettnäpfen auszuweichen. Denn grobe Schnitzer können in der Probezeit leicht den Job kosten. So bestehen Sie die Bewährungsprobe:
Das Erste: Stellen Sie sich gegenüber jedem neuen Kollegen höflich vor – auch gegenüber Sekretärinnen, dem Pförter oder den Kollegen in der Poststelle. Oft können einem diese wertvolle Insider-Tipps geben. Und nicht selten sind die (unscheinbaren) Helfer wichtige Informations-Hubs, wenn es darum geht, Ihre Reputation zu verbreitern.
Stichwort Duzen: Beginnen Sie stets mit dem „Sie“, sprechen sich jedoch alle mit „Du“ an, dürfen Sie sich zwar enthalten, sollten Sie aber nicht. Das kann Ihnen als arrogant ausgelegt werden. Auch sonst sollten Sie mit dem „Du“ nicht vorschnell sein, wenn es Ihnen angeboten wird. Mit der verbalen Verbrüderung landen Sie sonst vielleicht im falschen Lager.
Ein Rennen beginnt erst nach dem Warmlaufen. Beobachten Sie deshalb gerade am Anfang zuerst Ihr Umfeld, hören Sie zu, um Mitarbeiter, Verhaltensweisen, Rituale und Dresscodes besser zu verstehen und stellen Sie ruhig Fragen: Wie ist der Zustand der Abteilung? Welche nächsten Schritte sind geplant? Wer ist für was zuständig? Was sind meine Aufgaben und Kompetenzen? Diese Fragen sollten Sie sich selbst stellen: Wo und wie kann ich mich am besten einbringen? Welche meiner Stärken sind für diese Aufgabe wesentlich? Worin liegen die besonderen Stärken des Teams? Machen Sie sich dazu ruhig Notizen, erstellen Sie Ihr eigenes Organigramm (aber bitte nicht öffentlich) und fragen Sie nach. In keiner Phase kann man je wieder so unbekümmerte Fragen zum Unternehmen stellen, ohne dass das aussieht als wäre man gerade aus dem Koma erwacht.
Apropos erwachen: Natürlich erscheinen Sie schon ab dem ersten Tag stets pünktlich und sind abends möglichst auch nicht der erste, der geht. Genauso wenig hinterlässt es einen guten Eindruck, sofort auf feste Arbeitszeiten oder seine Rechte zu pochen. Beweisen Sie stattdessen Ihre Sozialkompetenz: Gehen Sie mit den anderen gemeinsam Mittagessen. Besuchen Sie Kollegen in ihren Büros. Und falls die Kaffeeküche das verortete Kulturzentrum ist, dann trinken Sie dort Ihr Heißgetränk. Nur mit dem Klatschen und Tratschen sollten Sie sich anfangs zurückhalten.
Das Outfit ist natürlich ein Klassiker. Die Faustregel: lieber zu konservativ als zu cool – anpassen können Sie sich später immer noch. Paradiesvögel fallen zwar auf, aber auch leicht durch, weil sie zu sehr polarisieren. Denken Sie daran: Mit jeder Kleidung treffen Sie immer auch eine Aussage über Ihren Willen sich ins Team und die jeweilige Firmenkultur einzufügen. Haben Sie erst einmal den Ruf des Teamspielers, werden Sie kaum noch nach solchen Äußerlichkeiten beurteilt. Aber welche anderen Anhaltspunkte haben die Kollegen zu diesem Zeitpunkt? Keine. Und bitte ziehen Sie auch nicht die Klamotten vom Vorstellungsgespräch oder dem Bewerbungsfoto an. Ein Déjà-vu-Erlebnis wirft kein gutes Licht auf das Repertoire in Ihrem Kleiderschrank.
Trotz dieser Basics befällt viele Newcomer in den ersten Tagen Unsicherheit. Sie kennen weder die Gesichter, geschweige denn sofort alle Namen, noch die unsichtbaren Seilschaften im Büro oder eventuelle Konfliktlinien. Gefährlich. Signalisieren Sie zwar Kontaktbereitschaft, gehen Sie aber in dieser Phase bloß keine Allianzen ein – erst recht nicht, wenn man Sie Ihnen überfreundlich anbietet. Bleiben Sie so lange wie möglich neutral. Entwickeln Sie aber dennoch parallel Schlüsselbeziehungen zu Kollegen und den Leistungsträgern im Unternehmen. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Einsteiger vor allem an einem fehlenden Netzwerk straucheln.
Ein weiterer Fettnapf: Kaum eingestiegen, schwillt manchem Durchstarter der Kamm. Das Gehalt ist top, der neue Firmenwagen schmuck und der Uniabschluss mit magna cum laude Balsam fürs Ego. Vorsicht! Die Hoppla-jetzt-komm-ich-Masche mag keiner. Wer jetzt unnahbar, überheblich oder gar autoritär wird, durch die Flure poltert und seine Position lautstark unterstreicht, begeht Reputations-Suizit und verspielt jeden Kredit. Was in den ersten Tagen am meisten schadet sind Übereifer und Aktionismus. Halten Sie sich also erst einmal zurück – insbesondere mit Kritik, Verbesserungsvorschlägen, Traditionsbrüchen. Zeigen Sie eher etwas Demut und Lernwillen. Sobald Sie fester im Sattel sitzen, sollten Sie dann allerdings umschalten und Ihren Status behaupten. Sonst laufen Sie Gefahr als lahme Ente zu enden.
Karriere ist nun mal kein Sprint, sondern ein Langstreckenlauf. Es kommt darauf an, seine Kräfte richtig einzuteilen, einen Schritt nach dem anderen zu absolvieren, und erst nach vorn zu preschen, wenn sich die Gelegenheit bietet.







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Dieser Artikel ist sehr prägnant und treffend. Viele Bewerber tun erst alles, um den Job zu bekommen und dann – scheint’s – alles, um ihn wieder los zu werden. Besonders die Hinweise zu Kritik und Verbesserungsvorschlägen sind wertvoll, ebenso wie der Rat, sich nicht sofort wahllos zu verbrüdern. Lediglich der Ansatz, die Kollegen im Büro zu besuchen kann nach hinten losgehen. Es gibt Unternehmen, in der die Abwesenheit vom Arbeitsplatz sehr ungern gesehen wird.