Soviel vorweg: Es klingelt nicht, wenn der sprichwörtliche Groschen fällt. Aber es entstehen bei jedem Geistesblitz neue Verbindungen zwischen den beiden Gehirnhälften. Effekt: Das Gehirn erkennt das Neue als passend, und man selbst hat das absolut sichere Gefühl, es stimmt. Einige Hirnforscher gehen heute davon aus, dass chemische Botenstoffe dafür verantwortlich sind, dass es in unserer Oberstube Klick macht. Einer davon: Dopamin. Er übermittelt etwa die Befehle des Nervensystems an die Muskulatur, macht uns euphorisch und verstärkt unsere Assoziationskraft. Kurz: Es fördert Kreativität. Zu viel davon erzeugt allerdings Wirrwarr im Kopf.
Gleichzeitig glauben viele Forscher, dass die Ausschüttung von Dopamin abhängig vom Umfeld ist – also von den Orten und Räumen, in denen wir leben oder arbeiten. Danach sei der Schreibtisch für kreative Gedanken jedoch der ungeeignetste Ort: Mit ihm assoziieren wir Arbeit, Stress, Druck. Und das hemmt. Beim Duschen kommen einem dagegen oft die besseren Ideen. Genauso beim Joggen, beim Schlafen oder sogar auf dem Klo.
Aus gutem Grund. So hat der Schweizer Psychiater und Kreativitätsforscher Gottlieb Guntern festgestellt: Entspannung und Zerstreuung sind das A und O, damit kreative Gedanken aufblühen können. Künstler, Dichter und Gelehrte suchten diese die Ablenkung vom Alltag schon immer in der Natur. Friedrich Nietzsche wählte das kühle Klima des Engadin, um Also sprach Zarathustra zu schreiben. Richard Wagner fand in den Gärten der Villa in Ravello die Inspiration für das Bühnenbild des 2. Aktes seiner Oper Parsifal. Und die ostitalienische Stadt Ravenna, direkt an der Adria gelegen, inspirierte schon Dante Alighieri, Lord George Gordon Byron oder Gustav Klimt.
Bis zur Adria müssen Sie nicht reisen. Dopamin-Kicks und schöpferische Kraft lassen sich schon durch mehr Abwechslung steigern. Wer dagegen die ganze Zeit im Büro hockt, auf seinen PC starrt und Akten wälzt, wird nicht nur einsam, sondern auch ideenlos. Mihaly Csikszentmihalyi, einer der namhaftesten Kreativitätsforscher und ehemaliger Psychologe an der Universität Chicago, befragte einmal rund 100 kreative Persönlichkeiten, darunter Chemiker, Physiker, Nobelpreisträger, aber auch Schriftsteller oder Musiker, nach ihren Inspirationsquellen. Ergebnis: Es war vor allem die Umgebung, die Eingebungen provozierte. Besser ist also, seinen Horizont und seine Wahrnehmung ständig zu erweitern: etwa durch lesen, Besuche in Museen, selbst das Umstellen des Schreibtisches kann schon inspirieren. Der Trick ist lediglich, eingefahrene Verhaltensmuster und Denkpfade bewusst zu verlassen.
Raus aus der Routine und schon rappelt der Geist? Ganz so leicht ist das allerdings nicht. Ohne einen großen Wissensschatz kommt kein kreativer Kick. Um zwei alte Gedanken neu zu verknüpfen, braucht es erst einmal zwei alte. Ebenso spielt es eine Rolle, wie man die Zeit an einem inspirierenden Ort verbringt: Dazusitzen und sich auf ein Problem zu konzentrieren, bringt nichts. Wer gezielt überlegt, zwingt seine Gedanken in eine lineare und damit vorhersehbare Richtung. Kreativität entsteht erst dann, wenn ein Teil des Gehirns Assoziationen vornehmen kann.
Via Twitter habe ich heute morgen meine Follower gefragt, was ihre besten Inspirationsquellen sind. Mit großem Dank an alle, die mitgemacht haben – das ist Euer Ergebnis:
- Duschen. (@AmyMahlmeister)
- Nachdenken auf der Toilette. (@nihilouden)
- Kaffeetrinken. (@joergreschke)
- Auf dem Bett oder im Liegestuhl. (@BAYARTZ)
- Bett, im Halbschlaf rumliegen, leise Musik hören. (@frolleinb)
- BILD-Zeitung und Blogs. (@VisuellePR)
- Blogs, Twitter (dank Hashtags). (@lorXsion, @nasenfaktor)
- Bücher. Digital erzeugt zunehmend auch. (@schomberg, @MonikaBirkner)
- Es gibt nichts Inspirierenderes als ein geniales Netzwerk. (@textzicke)
- Klassische Musik. (@ice8878)
- Veröffentlichungen von Frederic Vester (@FriedrichB)
- Die Lesetipps meiner Followees. (@grpingel)
- Gemüse, Käse, Pasteten und Kräuter auf dem Isemarkt probieren und einkaufen. (@SueWestCom)
- Spazierengehen und wech für ein zwei Stunden. (@mic2007, @DieterStahl, @hrmarkus)
- Trainingsklamotten an und laufen gehen. (@projektlotse, @AngieDor)
- Ein schöner 10.000-Meter-Lauf. (@consero)
- Ein langer Lauf ohne Ablenkung durch Musik oder Mitläufer. (@Julia_MUC)
- Am Strand joggen, durch den Schwarzwald wandern. (@jeromemueller)
- Autofahrten mit guter Musik. (@uknaus)
- Motorradfahren. Beim Kurven durch die Berge kommen Ideen von selbst. (@r0ssi, @jeromemueller)
- Angeln. (@warnemann)
- Bei schönem Wetter auf den Balkon. (@ralphkurz, @AlmaMeise)
- Nach unten an den Strand und dann einfach nur gehen. (@diemaschinistin)
- In den Wald. (@pluripotent, @kerstiho)
- Nichtstun in der Natur. (@BewerberBlog)
- Mindestens eine Stunde laufen im Wald, ohne Musik oder sonstwas auf den Ohren. (@bijour)
- Das Schloß Freudenberg in Wiesbaden und mein Kleiderschrank. (@unfucktheworld)
- Kunstauststellungen, die Ruhe der finnischen Seen. (@tapioliller)
- Träume. (@flomeimberg)
- Schlechtes Design oder mieses Foto und der Anspruch es besser zu machen. (@chrislinden)
- Denkmäler. (@Dani_o)
- Beste Ideen fallen mir beim Badputzen ein. (@laramarco)
- Ins Museum, ins bunteste Viertel der Stadt oder auf meinen Balkon. (@Carsten_Schulz)
- Alte Abtei nahe Heidelberg, Kargheit u. Stille in der holzgetäfelten Kapelle. Soul reset! (@beibrechtels)
- Fernsehn gucken. (@deikitschi)
- Kollegen, Freunde, Familie. (@emazi, @nasenfaktor, @Karrierebibel)
- Das Leben, alles ausserhalb von Web und IT. (@CemB)
- Gespräche und Zeit zum Nachdenken ohne konkretes Ziel. (@bebal)
- Gedanken von Leuten, denen man sich nicht direkt verbunden fühlt. (@Nixeka)
- Sich von Freunden mitziehen lassen, auch wenn die Ratio woanders hin möchte. (@1ung7a)



BG
Naheliegende Erweiterung: Fahrrad fahren.
Ansonsten gezielte Entspannung durch Autogenes Training,Progressive Muskelentspannung oder auch Meditation.
Wenn ich gerade konkret arbeite und noch eine gute Idee brauche: Im Raum auf und ab laufen und immer wieder ein spontanes Brainstorming machen. Bei schlechten Ideen ablenken (durch Bewegung oder durch gezielten Input, z.B. durch Bücher) oder entspannen. Und dann wieder frei assoziieren.
Lady Corona
Simple Computerspiele. Je stumpfsinniger, desto besser. Solitaire zum Beispiel, oder Tetris. Das Bewusstsein hängt im Leerlauf und kommt einem nicht in die Quere, und das Unterbewusstsein kann völlig frei schweifen.
Monika Birkner
Wenn ich nicht schon über Twitter meinen Kommentar abgegeben hätte, würd e ich sagen, dass ich unter anderem inspiriert werde durch eine derart inspirierende Liste wie diese. Wie Spaziergänge und Umgebungswechsel ganz allgemein für neue Inspiration genutzt werden, wird gerade in meinem Blog diskutiert
http://blog.monika-birkner.de/2009/klarheit-und-flow-durch-entscheidungsspaziergaenge/
Pingback: Quellen der Inspiration | Monika Birkner
Dagmar von Consolati
..was für eine spannende Umfrage! Inspiration bekomme ich auf vielen Wegen. Am inspirierendsten finde ich große klare helle Räume. Oder auch Regen. Oder Flughafencafés.
Und Aurofahren….
Elisabeth Mardorf
Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass mir bei mechanischen Tätigkeiten viele Ideen kommen. Das müssen nicht einmal Lieblings- Tätigkeiten sein, oft ist das beim Töpfe- Spülen oder beim Bügeln (Favoriten dabei:Geschirrtücher. Da kann man so schön stumpf vor sich hin arbeiten ;-)) Die Mönche haben schon gewußt, dass beides gut zusammen geht: ora et labora, bete und arbeite. Kopf und Hand passen doch ganz gut zusammen …
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Long Hoang alias gnol
Was ich bei mir immer wieder beobachten konnte, ist, dass mir die besten Ideen dann einfallen, wenn ich mich vor einer unangenehmen arbeit drücken möchte. Wenn ich meine “ich hab jetzt wirklich keine Lust mehr”-Pausen mache, kommen mir plötzlich die Ideen in den Sinn und meine “Pause” verlängert sich um ein vielfaches :)
gnol @twitter
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