Es war ein Drama in drei Akten. Die Frau bog auf die Parkplatzzufahrt, die durch zwei Schranken blockiert wird. Zwei Schranken damit – falls viele Autofahrer gleichzeitig auf den Parkplatz wollen – sich diese besser verteilen und es schneller geht. Heute aber war die rechte Schranke defekt. Ein Pappschild kündigte das an. Die Frau bemerkte es jedoch zu spät und fuhr – wie gewohnt – die rechte Schranke an.

Erster Akt: Verwirrung. Es schien so, als würde sich die Zeit verlangsamen. Man konnte spüren, wie sich die Fahrerin mit großer Mühe auf die neue Situation einstellte: Die linke Schranke noch besetzt, die rechte defekt – und hinter ihr bereits die nächsten Autos. Sie selbst mittendrin, beide Einfahrten blockierend. Also rangierte sie nach einer gefühlten Ewigkeit ihr Auto zur linken Schranke, die inzwischen längst frei war.

Zweiter Akt: Manövrierunfähigkeit. Zugegeben, der Van der Fahrerin war groß, entsprechend sein Wendekreis, und der Winkel, mit dem die Fahrerin nun die Einfahrt nahm, ungewöhnlich steil. So kam, was passieren musste: Als sie neben dem Ticketautomaten hielt, stand das Auto meilenweit davon entfernt – viel zu weit, um mit ausgestrecktem Arm ein Ticket zu ziehen.

Währenddessen warteten bereits mehr als fünf Fahrzeuge hinter dem Van, deren Fahrer zwar noch geduldig, aber durchaus alert angesichts des Schauspiels, das sich ihnen da gerade bot.

Dritter Akt: Alternativlosigkeit. Man könnte auch sagen, die Fahrerin war buchstäblich festgefahren. Arm ausstrecken, Ticket vergeblich versuchen zu erreichen. Abschnallen, noch ein bisschen weiter aus dem Fenster lehnen. Wieder vergebliche Mühe. Das ging ein paar Mal so. Bis die Fahrerin ihre Misere erkannte. Dann aber stieg die Fahrerin nicht etwa aus ihrem Auto aus. Nein, sie legte sie den Rückwärtsgang ein. Der Plan: Mit dem viel zu großen Auto in der viel zu kleinen Einfahrt erneut versuchen zu rangieren – und das, obwohl hinter ihr überhaupt kein Platz mehr dazu war. Auf der Straße hatte sich längst ein veritabler Stau gebildet.

Dennoch gestikulierte sie wild, schimpfte und versuchte den anderen Fahrern klarzumachen, sie alle mögen doch bitte ihre Autos umsetzen, damit sie noch ein wenig rangieren könne…

Die ganze Geschichte hätte ein böses Ende nehmen können, wäre nicht ein Fahrer beherzt ausgestiegen, um dem Drama ein Ende zu setzen: Er drückte auf den Ticketknopf, zog die Einlasskarte, gab sie der Frau, die sie angesichts der verblüffend einfachen Alternative wortlos entgegen nahm und endlich durch die nun geöffnete Schranke auf den Parkplatz schlich…

Es könnte alles so einfach sein – isses aber nicht!

Ich fand, die Szene stellt eine wunderbare Parabel für die zeitweisen Schranken in unserem Kopf dar und die unglaubliche Beschränktheit mancher, wenn es darum geht, gewohnte Bahnen zu verlassen, sich Neuem anzupassen und schlicht ein wenig zu improvisieren.

Weg mit dem Tunnelblick!

Gewiss, kaum ein Begriffspaar ist in den vergangenen Jahren so sehr strapaziert worden, wie das sperrig klingende Duo der Flexibilität und der Anpassungsfähigkeit. Ständige Projektwechsel, Auslandseinsätze und der technische Fortschritt machen beide unumgänglich, heißt es. Vom lebenslangen Lernen ganz zu schweigen. Es ist das Hohelied auf den Fortschritt, die Marktwirtschaft, den Wettbewerb und das Darwin’sche Prinzip, das nicht der Fitteste überlebt, sondern der Anpassungsfähige.

Das stimmt zwar. Macht einer wachsenden Zahl aber auch enorme Angst. Nicht wenige erkennen darin inzwischen nicht nur Chancen, sie haben Sorge, überhaupt noch Schritt halten zu können und fühlen sich hoffnungslos überfordert.

Im klassischen Sinn beschreibt der Begriff der Anpassungsfähigkeit zunächst einmal Menschen, die in der Lage sind, sich auf neue Anforderungen ihrer Umwelt einzustellen. Manche dieser Umstellungen sind vorhersehbar, allen bleibt genug Zeit, sich darauf einzustellen. Andere kommen überraschend. Problematisch wird das aber erst dann, wenn wir uns dabei ohnmächtig fühlen, wenn wir das wahre Ausmaß nicht einschätzen können und mit zu vielen Variablen kalkulieren müssen. Denn was für den einen nur eine leichte Veränderung seines Verhaltens impliziert, kann für den anderen schon eine komplette Kehrtwende im Denken und Handeln bedeuten. Und nicht wenigen Menschen fällt das auch deshalb so schwer, weil es sie zu einem radikalen Bruch mit liebgewonnenen Gewohnheiten zwingt.

Der Wille zum Wandel

Laut Psychologen spielt die Kindheit für unsere geistige und emotionale Flexibilität eine entscheidende Rolle. Überbehütete Kinder, die etwa von ihren Eltern in Watte gepackt wurden und nie wirklich entscheiden mussten, haben auch nie gelernt, Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen. Werden sie später vor eine Wahl mit weitreichenden Konsequenzen gestellt, fehlt ihnen das Selbstvertrauen, die Situation zu meistern. Auch die persönlichen Erfahrungen sind ausschlaggebend. Wie haben die Kinder früher etwa häufige Ortswechsel erlebt: Fanden sie neue Freunde – oder war der Wandel geprägt durch einen stetigen Abstieg? Die Folge: Wer in der Veränderung nicht Gutes sehen kann, reagiert entsprechend auch später mit Abwehr und teils irrationalen Ängsten.

Solche Persönlichkeitsmerkmale seien zwar recht stabil, sagt der Trierer Arbeitspsychologe Conny Antoni, „doch wenn Menschen das Gefühl bekommen, auf den Wandel selber Einfluss nehmen zu können, sinkt der Widerstand merklich.“ Oftmals reicht es schon aus, darin einen höheren Sinn oder Zweck zu erkennen.

Geradezu meisterhaft hat das der jüdische Psychologe Viktor Frankl seinerzeit gelöst – jedoch unter schlimmsten Umständen: Die Nazis deportierten den Wiener 1944 in das Konzentrationslager in Türkheim. Er überlebte und verarbeitete seine Erfahrungen später in einem Buch. So wunderte sich Frankl, warum einige der Häftlinge trotz inhumanster Bedingungen offenbar fähiger waren zu überleben als andere. Dabei erkannte er, dass diejenigen bessere Chancen hatten, die in dieser Hölle dennoch einen Sinn sahen oder ihr zumindest einen gaben. Frankl selbst etwa klammerte sich an die Vorstellung, später einmal Vorlesungen darüber zu halten, wie sich ein solches Lager auf die Psyche auswirkt – was Jahre später auch geschah.

Das ist natürlich ein Extrem. Es zeigt aber auch, dass Anpassungsfähigkeit keine übernatürliche Gabe ist. Vielmehr beruht sie auf Verhaltensmustern, die sich jeder ab- beziehungsweise antrainieren kann. Gewiss, sich seinen Ängsten zu stellen, erfordert einen Kraftakt. Aber die Mühe lohnt sich: Die Vorwärtsverteidigung verschafft einem nicht nur eine Kontrollerfahrung und damit mehr Selbstbewusstsein, sie bringt meist auch mehr Lebenszufriedenheit. Ich glaube sogar, Anpassungsfähigkeit ist ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg (Machen Sie den Selbsttest: Wie flexibel sind Sie wirklich?). Oder, wie es der Schriftsteller Martin Mosebach einmal formulierte: „Man muss sich um das Neue keine Sorgen machen. Das kommt ganz von selbst.“

Was Sie selbst tun können

Change Management

Wie Sie als Chef Neuerungen erleichtern:

  1. Hören Sie Ihren Mitarbeitern zu und nehmen Sie deren Ängste ernst.
  2. Integrieren Sie die Kollegen oder wenigstens eine Auswahl in den Veränderungsprozess. Bieten Sie Optionen, diesen zu beeinflussen.
  3. Identifizieren Sie jene Kollegen, die beim Wandel etwas zu verlieren haben. Sorgen Sie bei denen für Kompensationen.
  4. Helfen Sie allen, in der neuen Organisation zügig ihre neue Rolle zu finden. Eröffnen Sie unbedingt auch Aufstiegschancen.
  • Stellen Sie sich Ihren Ängsten – vor allem den irrationalen und üben Sie eine positive Haltung dazu: Was kann schon schlimmstenfalls passieren? Wie haben andere solche Situationen gemeistert? Oder noch besser: Wie haben Sie selbst schon in der Vergangenheit Veränderungen und Umbrüche überwunden? Erinnern Sie sich an Ihre Erfolge und stärken Sie so Ihr Selbstbewusstsein. Und seien Sie nicht allzu kritisch mit sich selbst. Auch Perfektionismus blockiert Sie an der Stelle nur.
  • Erinnern Sie sich an kleinere Wendepunkte von früher: Waren die alle durchweg schlecht? Oder gab es auch Gutes daran? Hat es Sie im Leben weitergebracht? Sind Sie daran gewachsen? Je mehr Sie erkennen, dass Veränderungen keine Bedrohungen sein müssen, desto flexibler werden Sie.
  • Geben Sie Ihren Gefühlen nicht so viel Gewicht. Ein ungutes Bauchgefühl, so eine Ahnung, dass es ganz furchtbar werden könnte – all das bewahrheitet sich selten und dient eher einer Vorwärtsverteidigung: Wenn es dann wirklich einmal knüppeldick kommt, wird man nicht überrascht oder kann sich sogar rühmen: „Ich habs doch gesagt!“ Die Kehrseite: Kommt es doch nicht so schlimm, gilt man als Schwarzseher und notorischer Pessimist und hat vor allem viel Nerven, Energie und Lebensfreude eingebüßt. Bevor Sie solche Verschwörungstheorien äußern, fragen Sie sich selbstkritisch, ob das nur Gefühle sind oder ob es dafür auch rationale Belege gibt.