Ein Gastbeitrag von dem Buchautor Matthias Viertel
Was haben Tolstoj, Diogenes von Sinope und sogar Jesus gemeinsam? Sie sind alle einmal gescheitert. Wir alle sind schiffbrüchig, manche mehr, manche weniger. Wir weiden uns zwar am Versagen anderer, wissen aber selbst zu gut, wie schmerzhaft das Scheitern ist. Allerdings hat das Scheitern unterschiedliche Ursachen. Mal sind es kleine oder große Fehlleistungen, die sofort erkannt und im Innersten auch umgehend bereut werden; dann wiederum sind es diffuse Motive, die in äußeren Strukturen liegen oder in schwer durchschaubaren Zusammenhängen, die falsch eingeschätzt worden sind. Manchmal stecken auch Interessen anderer Menschen dahinter, wenn jemand zu Fall gebracht wird. Wir scheitern an Situationen, an unüberwindbaren Herausforderungen, an dem, was wir Schicksal nennen, am häufigsten aber an uns selbst.
In der Regel wird nur dann vom Scheitern gesprochen, wenn gerade nicht ein offensichtliches Delikt im Vordergrund steht. Das Scheitern ist gewissermaßen eine vorjuristische Dimension, die Menschen zu Fall bringt, ohne dass ein Straftatbestand besteht. In solchen Fällen wäre der Richter zuständig, während der Gescheiterte allein mit seinem gemarterten Hirn zurückgelassen wird und immer wieder die bohrende Frage wiederholen muss: Warum konnte mir das nur passieren?
Die weitgehende Freiheit von Konventionen und gesellschaftlichen Zwängen gilt als eine der Errungenschaften der modernen Gesellschaft. Wenigstens im Grundsatz wird keinem Menschen mehr direkt vorgeschrieben, wie er zu leben habe, ob er heiraten und eine Familie zu gründen soll oder lieber in einer „eheähnlichen“ Gemeinschaft beziehungsweise in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung sein Glück sucht; ob die Kinder von Alleinerziehenden erzogen oder in einer Wohngemeinschaft groß werden. Man kann eine Berufswahl ohne ständische Einschränkung treffen, relativ unabhängig von der Herkunft einen höheren Schulabschluss anstreben und seinen Lebensweg unter Minimierung der Fremdeinwirkungen eigenverantwortlich bestimmen. Jeder und jede kann sein Heil in der Kirche herbeisehnen, aus dem Gemeindeverband austreten, konvertieren, als Buddhist durch das Leben gehen beziehungsweise sich in der Summe der esoterischen Angebote eine eigene Frömmigkeit zusammenstellen.
Den Menschen in der westlichen Gesellschaft sind diese Wege im Prinzip offen, ohne dass sie dadurch einen erheblichen Nachteil zu erwarten hätten. Ob diese Wahlfreiheit aber auch automatisch Vorteile bietet, bleibt dabei fraglich.
Wer die Wahl hat, kann auch scheitern
Die Kehrseite dieser Wahlfreiheit ist nämlich gravierend: Mit der Möglichkeit, den eigenen Lebensstil wählen zu können, geht die Notwendigkeit einher, genau dieses eben auch tun zu müssen. Bekanntlich ist aber kaum etwas bedrückender als die Freiheit, zwischen allen Möglichkeiten frei wählen zu dürfen.
Als Alternative zu der Entwertung überkommener Muster gibt sich deshalb nur der Zwang zu erkennen, für die selbst gewählten Lebensformen auch Prinzipien zu entwickeln. Wer wählen muss, bedarf der Kriterien für sein Verhalten, er muss sich zwangsläufig die Frage stellen, was denn die wahren Bedürfnisse sind, die sich ohne Einwirkung von außen einstellen; er oder sie muss danach Ausschau halten, wie Möglichkeitsspielräume aussehen und welche Alternativen es gibt, bevor eine Entscheidung für die eine und damit gegen die andere Möglichkeit getroffen wird. Das alles erfordert bewusste Steuerung des Verhaltens und ein ständiges Abwägen, wobei das Scheitern in den Möglichkeiten stets mit enthalten ist.
Wer prinzipiell die Möglichkeit hat, zwischen Alternativen frei zu wählen, läuft immer auch Gefahr, die getroffene Wahl im Nachhinein als falsch zu betrachten und sie deshalb zu bereuen, wobei der andere, nicht gewählte Weg dann als der bessere erscheint, jedoch ohne dass es dafür eine Gewährleistung gibt.
Macht oder Ohnmacht?
So stellt sich Unsicherheit als einer der charakteristischen Grundzüge der Existenz in der gegenwärtigen Gesellschaft dar, und zwar eine Unsicherheit, die mit der Angst des Scheiterns einhergeht. Macht und Ohnmacht liegen in den eigenen Händen, sie sie sind aber nur im Miteinander verfügbar, so dass in der Freiheit der eigenen Entscheidung immer auch die Wahrscheinlichkeit des Schiffbruchs mitschwingt.
Die Versuchung, dem Schicksal auszuweichen, die eigene Lebensplanung eben nicht der Ungewissheit auszuliefern, ist schon groß. Wenn ich aber durch eigene Bestrebungen und Mühen letztlich doch keine wirkliche Sicherheit erhalte, könnte es möglicherweise besser sein, das Wagnis erst gar nicht einzugehen.
Oder anders ausgedrückt: Wenn das Schicksal mir alles das, was in mühseligen Bestrebungen erarbeitet worden ist, doch wieder zu rauben droht, ist es unter Umständen besser, von vornherein keine Ziele zu verfolgen, keine Besitztümer anzuhäufen, keine Karriere anzustreben, auf alles zu verzichten, was einen Verlust nach sich ziehen könnte. Denn über was man nicht verfügt, kann auch nicht verloren gehen; und ein Scheitern in der Lebensplanung ist nur dann möglich, wenn diese Lebensplanung auf Besitztümer und andere Privilegien ausgerichtet ist. Warum also nicht von vornherein konsequent auf alles verzichten, was sowieso der Beliebigkeit des Schicksals unterliegt?
Aber mal ehrlich: Ist das wirklich eine Alternative? Eher ist es so: Nicht immer haben wir einen Fehler gemacht, wenn unser Vorhaben scheitert!
Über den Autor
Matthias Viertel hat gerade einen Leitfaden zum fachgerechten Scheitern geschrieben, der im Lutherischen Verlagshaus veröffentlicht wurde und aus dem die obigen Auszüge stammen: “Warum wir scheitern“. In dem Buch zieht er nicht nur biblische Beispiele hinzu, sondern auch historische aus
griechischer Mythologie, Philosophie und Literaturgeschichte. Facettenreich mit Fallgeschichten sowie tröstenden wie aufbauenden Worten schreibt Viertel über das Scheitern – und warum wir diese Erfahrung auf keinen Fall versäumen sollten.
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Jannik St.
Guten Abend zusammen,
was hätte mir heute alles passieren können. Ein Wunder, dass ich noch lebe: sowohl im Straßenverkehr als auch im Baum beim Kirschenpflücken hätte mir sonstwas zustoßen können.
Denn Fakt ist nunmal, im Leben geht es nicht ohne Risiko. Mit den meisten Risiken des täglichen Lebens haben wir den Umgang gelernt und wissen diese mehr oder weniger präzise einzuschätzen, sodass wir uns diesen bewusst aussetzen und das bestehende Risiko gar nicht mehr wahrnehmen. Trotzdem oder gerade deshalb können uns die unerwarteten Geschehnisse des Lebens, Dinge, in denen wir keine Routine entwickelt haben, uns strauchel lassen oder zu Fall bringen.
Nun entscheidet zu einem großen Teil die eigene Einstellung, ob wir die Krise meistern können oder uns gar wie der Phönix aus der eigenen Asche wieder auf erstehen lassen oder weiter in Selbstmitleid zerfließen und uns aufgeben.
Ich glaube Churchill sagte: man muss immer einmal mehr aufstehen als man fällt.
Und darin liegt auch das Geheimnis: nicht nur sehen, was man verloren hat, sondern was einem übrig blieb. Und sei es nur das blanke Leben – so hat man immer noch sich selbst, seine Erfahrungen udn sein Wissen. Und die Fähigkeit, aus seinen Fehlern zu lernen und es beim nächsten Mal besser zu machen.
Getreu dem Motto: Oft ist man gezwungen neu anzufangen, jedohc nur selten von vorn.
Und damit beendige ich meinen ersten Beitrag in diesem überaus interessanten Blog, dessen Leser ich seit fast einem Jahr nun bin. Macht weiter so
Und allen einen schönen Abend noch