Überqualifiziert Bewerber
Fehlende Qualifikationen? Können nachträglich erworben werden. Mangelnde Erfahrung? Kann im Lauf der Zeit gesammelt werden. Fehlende Teamfähigkeit? Nicht ganz einfach, aber lernbar. Doch wenn Sie ein Personaler als überqualifiziert bezeichnet, wird es eng. Im Gegensatz zu Brüchen oder Lücken im Lebenslauf, lassen sich zu hohe Kompetenz und Qualifikation nicht mal eben ändern. Tatsächlich verbirgt sich dahinter meist die Ankündigung einer Absage. Gleichzeitig stellt sich die Frage: Warum soll das überhaupt ein Handicap sein? Überqualifiziert – bedeutet das nicht auch, dass man besser ist, als sich das der Arbeitgeber hätte erhoffen können?

Ist Überqualifizierung tatsächlich ein Handicap?

Überqualifiziert kann Vieles bedeuten. Oft ist es nur ein Chiffre - dafür, dass der Personaler eigentlich meint...

  • Sie sind zu teuer.
  • Sie könnten sich in Ihrem neuen Job schnell langweilen.
  • Sie suchen eigentlich nur einen Übergangsjob und werden bald den Job wieder wechseln.
  • Sie wirken, als haben Sie Probleme damit, sich jüngeren oder weniger qualifizierten Vorgesetzten unterzuordnen.
  • Sie könnten Ihre Kollegen einschüchtern oder bevormunden.

Aus Sicht des Unternehmens sind die Bedenken zunächst berechtigt. Dennoch sollten - wenn Sie den Begriff "überqualifiziert" im Vorstellungsgespräch hören, sofort die Alarmglocken klingeln. Denn nun müssen Sie aktiv gegen diese Vorurteile angehen.

Entkräften Sie die Bedenken

Natürlich könnten Sie mit einer Rückfrage reagieren und nachfragen, warum Ihre hohe Qualifikation ein Problem darstellt. Ob Sie das jedoch tun sollten, hängt von der konkreten Situation ab:

  • Spricht der Personaler Fragen und Themen gerne klar und offen an, ist eine solche Rückfrage sinnvoll.
  • Ist er jedoch eher der diplomatische Typ, der Dinge ungern direkt anspricht, sollten Sie anders vorgehen. Eine direkte Rückfrage könnte hier als Affront oder doch zumindest naiv wahrgenommen werden.

Ich erinnere mich noch gut an die schwermütig-romantische Hollywood-Schnulze "Ein unmoralisches Angebot" mit Robert Redford, Demi Moore und Woody Harrelson aus dem Jahr 1993. Der Streifen bekam damals die Goldene Himbeere in gleich drei Kategorien. Allerdings gibt es darin eine ähnliche Szene, in der sich Woody Harrelson, alias David Murphy, als erfolgloser Architekt bei einem Ingenieurbüro bewirbt und ihn der Personaler mit derselben Phrase "Sie sind überqualifiziert" abbürstet. Harrelsons Reaktion darauf entbehrt nicht einer gewissen Schlagfertigkeit: "Fein, dann beuten Sie mich aus!"

Was im Hollywood-Blockbuster funktioniert, sollte man sich in der Realität besser verkneifen. Nicht, weil das arbeitsrechtlich bedenklich wäre, sondern schlicht verhandlungstechnisch ungeschickt ist.

Denn die Aussage, Sie seien überqualifiziert ist nur scheinbar eine Ankündigung zur Absage, tatsächlich signalisiert sie Verhandlungsbereitschaft.

Sie baut lediglich ein Bedrohungsszenario auf. Würde der Personaler Ihnen wirklich absagen wollen, könnte er das Gespräch sofort dankend beenden und Ihnen ein paar Tage später die Absage schicken. Macht er aber nicht. Warum also?

Er will Sie doch haben, ist sich aber unsicher und die Konditionen stimmen noch nicht. Ihr Ziel muss es deshalb sein (falls Sie den Job immer noch wollen), herauszufinden, welche Konzessionen Ihr Gegenüber erwartet.

Denkbar sind dabei folgende Kompromisse:

  • Verlangen Sie weniger Gehalt.

    Sie gehen mit Ihren Gehaltsvorstellungen etwa runter. Allerdings nicht zu weit, das würde Ihren Wert sonst infrage stellen. Fünf bis zehn Prozent sind das Äußerste. Und das Entgegenkommen sollten Sie unbedingt an weitere Bedingungen knüpfen – etwa eine deutliche Gehaltserhöhung in ein paar Jahren oder eine höhere Prämie. Sie haben ja nun auch nichts zu verschenken! Sagen Sie aber auch ehrlich: “Ich habe lange Zeit viel Geld verdient. Inzwischen aber habe ich für mich herausgefunden, dass mir ein Job, der mich wirklich begeistert und mir Spaß macht, wichtiger ist. Und dieser Job begeistert mich wirklich. Es macht mir nichts aus, wenn Sie weniger bezahlen können.”

  • Versichern Sie Ihre Loyalität.

    Machen Sie deutlich, dass es sich bei diesem Angebot um Ihren absoluten Traumjob und Wunscharbeitgeber handelt – und eben nicht um eine Verlegenheitslösung.

  • Setzen Sie auf Downshifting.

    Sie könnten auch so argumentieren: Ich suche aktuell nach einer Position mit weniger Verantwortung, weil ich mich in den nächsten Jahren mehr um meine Familie kümmern möchte.

  • Beweisen Sie Ihre Lernwilligkeit.

    Es fällt dem einen oder anderen Personaler womöglich nicht ganz leicht zu glauben, dass Sie als Ex-Senior-Manager sich für eine einfache Management-Position begeistern können. Erst recht, wenn Sie eine Ich-habs-voll-drauf-Attitüde an den Tag legen. Zeigen Sie, dass das Gegenteil stimmt: Sie suchen eine neue Herausforderung, wollen noch Neues lernen und sind sich sicher genau das in diesem Job zu finden. Mag sein, dass der Job ein paar Schulterklappen weniger bietet – aber, hey, dafür ist die Aufgabe dreimal herausfordernder. Eine andere mögliche Begründung: Ich möchte meiner Laufbahn eine neue Entwicklung geben. Und ich weiß, dass ich dazu nicht gleich an der Spitze einsteigen kann. Ich bin sicher auch hier neue spannende Herausforderungen zu entdecken...

Das sind freilich alles nur Anregungen. Sie sollten diese auf keinen Fall schablonenartig auswendig lernen und so im Vorstellungsgespräch herunterbeten. Das überzeugt keinen. Ihre ganz persönlichen Argumente müssen Sie schon selbst finden und formulieren. Entscheidend ist aber, dass Sie diese rechtzeitig und überzeugend anbringen.

Und falls selbst diese Medizin versagt: Manchmal versuchen Unternehmen die Arbeitsmarktsituation auch nur schamlos auszunutzen, um Sie tatsächlich runterzuhandeln und auszubeuten. Dann liegt es ganz allein an Ihnen, ob Sie das Spiel mitspielen oder nicht.

Überqualifiziert: Beginnen Sie schon beim Anschreiben

Alle bisher genannten Vorschläge beziehen sich allerdings auf das Vorstellungsgespräch. Diese Chance müssen Sie als Bewerber erstmal erhalten.

Oft werden - scheinbar oder tatsächlich - überqualifizierte Bewerber aber schon bei der schriftlichen Bewerbung aussortiert. Das klingt möglicherweise hart, entspricht jedoch der Realität.

Um das zu verhindern und die Chance auf ein persönliches Gespräch zu erhöhen, müssen Sie den Spagat schaffen:

  • Einerseits sollten Sie Ihre Stärken und Kompetenzen in Anschreiben und Lebenslauf deutlich machen.
  • Andererseits sollten Sie dies vorsichtig tun, um den Eindruck der Überqualifikation von vornherein zu vermeiden.

Eine Patentlösung gibt es dafür nicht, doch einige Strategien haben sich in der Praxis bewährt:

  • Je nach Branche, Unternehmen und Persönlichkeit können Sie das Thema offensiv angehen. Im Extremfall steigen Sie dann sinngemäß so ein: „Es ist durchaus möglich, dass Sie mich aufgrund meiner umfangreichen Erfahrung und Kompetenz für überqualifiziert halten. Lassen Sie mich darlegen, warum ich für Ihre Stelle dennoch hervorragend geeignet bin.“ Das kann arrogant wirken, klar. Doch Aufmerksamkeit dürfte Ihnen so sicher sein.
  • Eine andere Strategie: Sie konzentrieren sich ganz auf die Stelle und machen eindeutig klar, warum Sie diesen Job wollen. Das Thema Überqualifikation kommt in Ihrer Bewerbung dabei nicht vor, stattdessen zeigen Sie, was Sie an der Stelle fasziniert.
  • Weglassen dürfen Sie im Lebenslauf nichts, doch durch Fettungen im Text, ein angepasstes Layout und die Betonung bestimmter Stärken und Positionen können Sie die Aufmerksamkeit des Personalers steuern.
  • Und noch ein Ansatz: Zeigen Sie im Anschreiben auf, warum Sie sich bewusst von Ihrem alten Job gelöst haben und jetzt einen neuen, anderen Ansatz suchen. Achten Sie dabei bitte unbedingt darauf, die ausgeschrieben Stelle nicht abzuwerten oder als problemlos darzustellen. Sonst bestätigen Sie die Zuschreibung "überqualifiziert" durch Ihr Anschreiben.

Auch hier gilt: Jeden dieser Ansätze sollten Sie auf sich und Ihre Situation anpassen.

Grundsätzlich sollten Sie sich vor der Bewerbung auf eine geringer qualifizierte Stelle darüber im Klaren sein, welche Einbußen und Kompromisse Sie damit in Kauf nehmen. Nur wenn Sie sich bewusst für diese entscheiden, können Sie in der Bewerbung überzeugend auftreten und die Stelle dauerhaft mit Freude ausfüllen.

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