Umarmen-Begruessung-Umarmung

Ein Gastbeitrag von Rita Seidel

Der erste Eindruck - er beginnt schon mit der Begrüßung. Im Berufsleben ist der Händedruck ein formales Ritual, das immer passt: für ältere Kollegen ebenso wie für neue Teammitglieder. Da macht man nahezu nichts falsch. Aber passt der wirklich immer? Wer morgens das Großraumbüro betritt und eine Kollegenrunde dreht, um jedem einzeln die Hand zu schütteln und einen guten Morgen zu wünschen, würde, nun ja - auffallen. Was wäre also mit der Umarmung? Sie ist deutlich emotionaler und im Job, zumindest im westlichen Kulturraum, als Begrüßungsritual der besonderen Art etabliert...

Komm, lass dich drücken!

Frauen tun sich im Allgemeinen und untereinander leicht mit dem Umarmen. Männer wiederum umarmen Frauen eher als andere Männer. Wobei es unterschiedliche Formen der Umarmung gibt:

  • Die begrüßende Umarmung.

    Zwei haben sich zum Beispiel lange nicht mehr gesehen und fallen sich vor Wiedersehensfreude in die Arme. Eine besonders herzliche Form der Begrüßung.

  • Die anerkennende Umarmung.

    Sie ist eine Art erweitertes Schulterklopfen. Jemand hat seinen Job wirklich gut gemacht oder das Team gar vor einer Katastrophe bewahrt. Zum Danke wird er oder sie umarmt und mit anerkennendem Klopfen auf den Rücken belohnt.

  • Die tröstende Umarmung.

    Sie soll dem anderen vor allem zeigen: Du bist nicht allein, jemand hält dich fest. Im Berufsleben ist sie nur engen Freunden vorbehalten. Zwischengeschlechtlich und interhierarchisch kann die Geste als Übergriff in die Privatsphäre empfunden werden, daher kommt sie hier besser als einarmige, seitliche Geste an.

  • Die brüderliche Umarmung.

    Es müssen nicht zwingend Brüder sein, die sich so umarmen. Sie sind es aber im Geiste - und genau das drückt die Geste dann auch aus: Hier begrüßen sich zwei, die sich vertrauen, zueinander stehen und sich im Kern einig sind.

  • Die innige Umarmung.

    Sie hat mit dem Job natürlich nichts zu tun und bleibt allein liebenden Paaren vorbehalten.

Augenkontakt ist allerdings vor jeder Umarmung ein Muss, egal ob sie von der Seite oder von vorne kommt. Denn nur so hat der potenziell Umarmte die Chance, die Geste auch verbal oder durch Kopfschütteln rechtzeitig abzulehnen. Umarmen von hinten geht also gar nicht.

Umarmen setzt somit insgesamt voraus, dass den Umarmenden emotionale Gesten leicht fallen. Überrumpeln oder durch die Macht des Faktischen jemanden dazu zwingen sollte man aber auf keinen Fall. Das wäre ein unerlaubtes Eindringen in die Intimsphäre.

Umarmung höflich ablehnen

Tipps-Neinsagen-DramatisierenNicht jeder Mensch empfindet das Umarmtwerden als angenehm. Wer im geschäftlichen Kontakt lieber auf Distanz bleibt, die aktuelle Situation als unpassend empfindet oder einfach ein weniger emotionaler Mensch ist, muss sich dem Umarmungsangebot nicht fügen. Sobald Sie die Absicht Ihres Gegenübers erkennen, strecken Sie ihm oder ihr rechtzeitig die Hand zum traditionellen Händedruck entgegen. Den Wink sollte jeder verstehen. So bleibt dem Anderen die Möglichkeit, sich auf diese körpersprachliche Antwort einzustellen, ohne das Gesicht zu verlieren.

Für die ganz Hartnäckigen und Unsensiblen bleibt noch Alternative zwei: Abwehrende Hand vor den Oberkörper und sagen: "Wir kennen uns dafür nicht gut genug - aber ich gebe Ihnen gerne die Hand!"

Umarmen: Was geht, was geht nicht?

Eine Umarmung fällt locker aus und dauert maximal zwei Sekunden. Dann tritt man sich auf Armeslänge gegenüber, schaut sich an, beginnt ein Gespräch, und die Umarmung ist beendet.

In hell erleuchteten Räumen, wenn Gruppen zusammentreffen deren Mitglieder sich gut und persönlich kennen, ist eine Umarmung eine salonfähige Geste, auch in Job. Umarmen sich indes zwei Kollegen im stillen, sparbeleuchteten Druckerraum oder hinter der geschlossenen Tür eines Einzelbüros, kann es für plötzlich Hinzukommende peinlich werden. Umarmen hat also nicht nur mehrere Bedeutungen, die jeweils vom Kontext abhängig sind. Es gibt auch mehrere Dimensionen wann eine Umarmung passt und wann nicht. Die Kernfragen dabei lauten stets:

  • Wer umarmt wen?
  • Wozu und in welcher Situation wird umarmt?

Ein paar Beispiele:

Vor einer Verhandlung passt die Umarmung eher nicht – nicht einmal dann, wenn die Gegenseite im bürgerlichen Leben zu den engsten Freunden zählt. Die Verhandlung bekäme sofort den Hautgout von Kungelei. Danach, wenn man sich nach zähem Ringen geeinigt hat, kann die Umarmung sogar etwas Verbrüderndes haben (siehe oben).

Wer wiederum einen Kunden oder Lieferanten lange nicht gesehen hat und mit dem auch mal privat auf ein Bier geht oder über Privates redet, der wird diesen problemlos an die Brust drücken können.

Auch als Vorgesetzter kann man umarmen – meist aber nur in sehr persönlichen Situationen: Hochzeit, Nachwuchs, Geburtstag. Und man den oder die Mitarbeiter(in) sehr gut kennt, besser noch befreundet ist. Bei Erfolgen, zu besonderen Projektergebnissen oder zur Aufmunterung, wenn es gerade gar nicht läuft, eignet sich eher nur ein Schulterklopfen.

In umgekehrter Richtung, wenn Mitarbeiter ihre Chefs umarmen, ist das mindestens ein unangebrachter und distanzloser Fauxpas. Meist aber noch ein sicheres Mittel, um Gerüchte in Umlauf zu bringen. Geht also gar nicht.

Und: Die Umarmung sollte immer von Herzen kommen und ehrlich gemeint sein. Eine Pflichtumarmung macht sich von allein bemerkbar auf und hinterlässt den deutlich schlechteren Eindruck selbst dann, wenn die Gegenseite eine Umarmung erwartet.

Eine allgemeine Antwort darauf, ob Umarmen im Job geht oder gar ein Freibrief dafür kann es also nicht geben. Die Geste sollte eine Begrüßung für spezielle Fälle sein. Also nicht für jeden Tag, sondern eher für den außergewöhnlichen Anlass. Sie bleibt hochgradig emotional und weil sie dem anderen sehr nahe kommt, ist sie auch nur mit dessen ausdrücklichem Einverständnis gestattet. Alles andere ist tabu.

Wer also Bedenken hat, der sollte dann doch lieber auf das traditionelle Händeschütteln zurückgreifen. Das ist deutlich unverfänglicher.

Über die Autorin

Rita SeidelNach zwei Jahrzehnten in Führungspositionen von Consulting-, IT- und Telekommunikations-unternehmen gründete Rita Seidel 2010 die Rise Personalberatung in Königswinter bei Bonn. Das Team besetzt vor allem Fach- und Führungspositionen bei mittelständischen Unternehmen, die bei geringerem Bekanntheitsgrad oft überdurchschnittlich gute berufliche Perspektiven bieten. Neben dem Executive Search bietet Seidel Karriere- und Bewerbungsberatung an und unterstützt mittelständische Unternehmen in der effizienten Gestaltung ihrer Personalsuche.

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