Ein Gastbeitrag von dem Coach und Autor Thilo Baum

Und was machen Sie so? Die klassische Elevator-Pitch-Frage auf jeder Messe, jedem Kongress. Unternehmer antworten darauf meist mit einem Produkt, einem Nutzen (“Ich produziere Glasschiebedächer”). Arbeitnehmer dagegen antworten mit einer Funktion (“Ich bin Vorstandsassistentin”). Warum ist das so?

Was zunächst logisch und normal erscheint, bezeichnet den Wesensunterschied zwischen zwei Welten: Die Welt der Unternehmer orientiert sich am Geschäftsziel – es geht darum, Produkte zu verkaufen und möglichst hohe Einnahmen zu generieren. Die Welt der Arbeitnehmer hingegen orientiert sich an den Aufgaben, die dafür zu erledigen sind – es geht darum, ans Telefon zu gehen, am Fließband Teile zu montieren und dafür Geld zu bekommen. Den Unterschied zwischen dem Fokus aufs Ziel und dem Fokus auf den Ablauf bringt ein Bonmot aus dem Coaching auf den Punkt: “Die, die wissen, wie, arbeiten für die, die wissen, wozu.”

Und wie das eben so ist bei Welten – wer in einer lebt, hält sie für normal. Das heißt: Wer unternehmerisch denkt und handelt, tut das mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie jemand, der als Erfüllungsgehilfe denkt und handelt. Vereinfacht gesagt: Wer in einer Unternehmerfamilie aufwächst, lernt eher, wie man eine Geschäftsidee entwickelt, und wer in einem Arbeitnehmerhaushalt aufwächst, lernt eher, wie man Bewerbungen schreibt. Das ist zunächst nicht gut oder schlecht, sondern es ist zuerst einmal eine Form der sozialen Prägung, die uns möglicherweise davon abhält, das jeweils andere Muster für realistisch zu halten. Genauso, wie viele Arbeitnehmer sagen, sie würden sich niemals selbstständig machen, weil das viel zu riskant sei, sagen viele Selbstständige, sie würden sich niemals anstellen lassen, weil sie das Steuer für Gedeih und Verderb nicht gerne fremden Leuten überlassen wollen.

Zur Arbeit gehen? Feierabend machen?

Mein Hintergrund ist die Arbeitnehmerwelt. Und nicht nur das, mein Zuhause war sogar sehr gewerkschaftlich orientiert. Unternehmen waren irgendwie suspekt, und die geknechteten Arbeitnehmer waren die Guten. Dieses Denkmuster habe ich noch lange mit mir herumgescheppt. In meiner Zeit als angestellter Tageszeitungsredakteur hielt ich es für normal, zur Arbeit zu gehen, Feierabend zu machen, mich krankschreiben zu lassen und Urlaub zu beantragen. Das Arbeitnehmerdenken war fest verankert in meinem Kopf. “Such dir einen ordentlichen Job”, habe ich gelernt, “bewirb dich”, “dein Lebenslauf muss lückenlos sein” und so weiter. Ich war zu einem Bewerber konditioniert. Ich sollte mich bei denen bewerben, die suspekt waren.

Und dann erlebt man die Welt der Unternehmen. Montags stehen Menschen in Aufzügen und sagen: “Na dann, müssen wir mal wieder.” Manche sagen: “Ich will noch zehn Jahre machen.” Einige führen Fernbeziehungen wegen ihres Jobs. Und mit der Zeit fragte ich mich: Warum tun sich die Leute das an? Warum quälen sie sich so mit Kompromissen herum? Warum tun die Menschen offenkundig etwas, was sie nicht wollen?

Dann kam ein Buch aus Amerika über den Teich geflogen und landete direkt auf meinem Tisch. Es hieß “The Advanced Rhinocerology” und war von Alexander Scott. Scott stellte Unternehmer als Nashörner dar, die ihr Ding machen und durch den Dschungel stapfen, und Arbeitnehmer als Kühe, die blöd auf der Weide stehen. Manager, ebenfalls Angestellte und keine Unternehmer, waren “Super-Kühe”. “Don’t be a cow”, schrieb Scott und: “If you don’t like your job, why don’t you quit it?” Ich tat wie befohlen. Da ich ohnehin mehr aus meinen Potenzialen machen wollte, als Überschriften zu schreiben, wechselte ich die Front.

Selbstständig? Du bist aber mutig!

Erschreckend war die Resonanz: Mein Schritt galt als waghalsig – allerdings nur in Angestelltenkreisen. Eine Führungskraft sagte: “Sie sind aber mutig!” Ich antwortete: “Nein, es ist heute viel mutiger, sein Leben in die Hände durchgeknallter Manager zu legen.” Wenige Monate später ging das Verlagshaus an einen britischen Hedgefonds, und in Deutschland entbrannte die Heuschrecken-Debatte.

Selbstständige dagegen sagten: “Toll! Willkommen im Club!” Und allmählich veränderte sich der Freundeskreis: Ich lernte immer mehr Unternehmer kennen und erkannte, dass auch die Nashorn-Perspektive realistisch und vor allem sinnvoll ist. Und ich kapierte, dass mein Schritt mehr war als ein Jobwechsel. Es war ein Paradigmenwechsel, dessen Bedeutung sich mir erst mit der Zeit erschloss. Ich hatte die Verantwortung für mein Leben übernommen.

Rückblickend war ich das Opfer geradezu fataler Glaubenssätze, die Millionen von Menschen davon abhalten, sich selbst zu verwirklichen. Ich war das Opfer eines Gesetzes, das ich heute “Arbeitnehmer-Dogma” nenne: Wir verlassen Schule oder Uni mit dem gedanklichen Fokus, uns zu bewerben. Sinn der Ausbildung ist es, einen möglichst “guten Job” zu bekommen, so sehen das fast alle Lehrer und Hochschuldozenten, weil sie selbst nie selbstständig waren, sondern den öffentlichen Dienst für den Standard halten. In diesem Raster mit Fokus aufs Bewerben bewegen wir uns dann brav: Aus Bewerbern werden Arbeitnehmer, aus Arbeitnehmern Rentner. In wirren Zeiten werden aus Arbeitnehmern Arbeitslose, dann wieder Bewerber, dann Arbeitnehmer oder immer noch Arbeitslose und am Schluss eben doch wieder Rentner. Reich wird bei dem Spiel fast keiner. Welcher Arbeitnehmer wird schon Millionär?

Vier Millionen Selbstständige gibt es in Deutschland – eine extrem kleine Minderheit. Weil Menschen gerne denken, was sie sowieso schon denken, hält sich das Arbeitnehmer-Dogma beharrlich. Das Denken in festen Bahnen verhindert den Blick nach außen. Wir sind es gewohnt, dass man uns einen Job gibt oder nicht. Falls nicht, melden wir uns arbeitslos und warten ab. Das ist so ziemlich das Dümmste, was man tun kann, denn wer heute nicht selbst die Initiative ergreift, steht morgen ohne Einkommen da. Leider vermittelt uns das Arbeitnehmer-Dogma lauter falsche Dinge: Im Job halten wir uns irrtümlicherweise für sicher, und ohne Job gibt es uns ein Gefühl der Ohnmacht. Viele Menschen ohne Job denken allen Ernstes, sie seien zum Abwarten verurteilt.

Warum sinnlose Bewerbungen schreiben?

Und der Staat spielt dabei auch keine Glanzrolle: Obwohl es für sehr viele Menschen komplett aussichtslos ist, empfiehlt das Arbeitsamt ihnen, Bewerbungen zu schreiben. Sind 50 Bewerbungen erfolglos, schreibt man eben noch mal fünfzig Bewerbungen und verschwendet seine Zeit, statt den Sinn des Bewerbens zu hinterfragen und sich richtig aufzustellen. Dabei ist es mir im Sommer, wenn ich ein Eis will, komplett egal, ob der Eisverkäufer jenseits der sechzig oder vorbestraft ist oder ob sein Lebenslauf Lücken hat. Er hat etwas, was ich will! Er richtet seinen Fokus nicht nur auf den Arbeitsmarkt, sondern auf den gesamten Markt und damit auf die Bedürfnisse der Menschen. Kommt aber ein entlassener Strafgefangener ohne jede Chance auf eine Festanstellung aufs Arbeitsamt, schickt man ihn zum Bewerbungstraining. Und das ist, mit Verlaub, Schwachsinn, und das liegt am Arbeitnehmer-Dogma in den Köpfen des öffentlichen Dienstes. Einzig Sinn für angeblich hoffnungslose Fälle hat es, diesem Menschen beizubringen, eine Geschäftsidee zu entwickeln und sich damit zu positionieren.

Statt Jobs zu suchen, sollten Menschen also Einkommen suchen und ihren Blick auf die Bedürfnisse der Menschen richten und nicht nur auf die Stellenanzeigen. Warum lassen es sich so viele Menschen gefallen, dass sie nur eine Einkommensquelle haben dürfen? Warum sehen es Millionen von freien Bürgern ein, dass sie trotz grundgesetzlich verbriefter Berufsfreiheit ihren Chef um Erlaubnis für einen Nebenjob bitten müssen? Warum glauben so viele Menschen, ein Einkommen sei nur durch einen Job zu generieren, obwohl heute jeder mit Ebay und iTunes Geld verdienen kann?

Weil weder Schule noch Uni noch Ämter uns diese Dinge sagen. Das Thema Ausbildung liegt leider in Händen staatlicher Instanzen, und entsprechend prozesshaft und wenig zielorientiert ist das Denken. Damit auch der Staat den Paradigmenwechsel vollzieht, brauchen wir in den Schulen und in anderen Behörden nicht nur Gebildete als Lehrer und “Fall-Manager”, sondern vor allem auch Menschen, die erfolgreich ein Geschäft aufgestellt haben. Bücher wie “Rich Dad, Poor Dad” von Robert T. Kiyosaki gehören in die Schule, jeder Arbeitslose sollte es bekommen, oder meinetwegen auch “Mach dein Ding!”. Es geht darum, die vielen fatalen Denkmuster zu entlarven, die unser Land lähmen, und den Menschen zu zeigen, dass sie durchaus nicht machtlos sind.

Mach dein Ding als Arbeitnehmer!

Nun will ich nicht sagen, jeder solle sich selbstständig machen. Vielleicht ist es wirklich nicht jedermanns Sache, in Ordnung. Aber wie jemand formaljuristisch aufgestellt ist, ist zunächst auch einmal egal, denn es geht erst einmal um die persönliche Positionierung. Man kann auch als Arbeitnehmer sein Ding machen, wenn man eine gefragte Leistung anbietet und sich spitz und klar auf dem Markt der Fähigkeiten präsentiert.

Grundlage ist das Verständnis dafür, sich selbst stets und ständig als Anbieter einer Leistung zu verstehen. Selbst überzeugte gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmer sind keine “Arbeitnehmer”, sondern Verkäufer ihrer Leistung, und ihre Bezüge sind Preise. “Arbeitgeber” sind bestenfalls Arbeitsplatzgeber, sie sind die Stammkunden der Arbeitnehmer mit Exklusivvertrag. Wenn Arbeitnehmer das erkennen und merken, dass man ihnen den Blick auf den Gesamtmarkt verwehrt hat, werden sie sich auf ihre unentdeckten Möglichkeiten besinnen. Zugleich erkennen sie die Lebenslüge der Sicherheit und verstehen, dass sie durchaus auch als Arbeitnehmer sehr schnell Opfer des Sturmes im Dschungel werden können und dann ohne Plan B dastehen.

Niemand aus der Belegschaft von Karstadt-Quelle kann sagen, er hätte den Untergang nicht kommen sehen. Klug wäre es gewesen, das sinkende Schiff möglichst früh mit einer sinnvollen Alternative zu verlassen, anstatt am Ende jammernd ohne Einkommen dazustehen. Doch das Arbeitnehmer-Dogma lullt ein, die vielen potenziellen Arbeitslosen haben keinen Plan B, ihnen ist derart strategisches Denken in aller Regel fremd, weil man sie aufs Bewerben konditioniert hat. Nur: Wer ist denn verantwortlich dafür, wie es uns heute geht? Wir selbst. Unsere heutige Situation ist das Ergebnis unseres gestrigen Handelns oder Unterlassens. Und wer heute nicht die richtigen Dinge tut, steht morgen dumm da. Daran ist kein Staat schuld, kein Unternehmen, keine Krise, sondern nur wir selbst.

Retten Sie Ihr Leben!

Ich will also sagen: Arbeitnehmer, ergreift die Initiative und die Verantwortung und rettet euer Leben! Ihr braucht in diesen Zeiten sowieso einen Plan B, denn sicher ist heute gar nichts mehr. Möglicherweise verwandelt sich euer hübsches ratenfinanziertes Häuschen schon bald in ein Geldgrab und wird euer Verderben. Macht also die Augen auf und denkt unternehmerisch! Ihr seid dann erfolgreich, wenn Menschen bereit sind, euch Geld für etwas zu geben, was ihr sehr gut könnt und gerne macht. Das ist der einfachste Nenner, der immer stimmt. Erste Sahne wäre es dann noch, wenn ihr euer Einkommen diversifiziert und aus mehreren Quellen lebt – denn sich auf nur eine Geldquelle zu verlassen, ist nicht nur riskant, sondern auch verantwortungslos.

Der US-Motivationstrainer Anthony Robbins sagt: Wenn du die Bedürfnisse deiner Mitmenschen befriedigst, kannst du deine von ganz alleine befriedigen. Dann weicht plötzlich der Krampf aus der Arbeit, und das Bemühte hat ein Ende. Es ist ein Coaching-Prozess, sein “Ding” zu finden und die Einheit zwischen Vorlieben, Talent und Marktfähigkeit herzustellen. Es ist wie die Suche nach einem treffenden Buchtitel. Es ist eine Sache, die Zeit braucht. Niemand sagt, dass es einfach ist und schnell geht, aber es funktioniert.

Jeder Mensch, davon bin ich überzeugt, ist in irgendetwas besonders gut und kann etwas Sinnvolles zum Lauf der Welt beisteuern, wovon er oder sie leben kann. Diesen Kern gilt es zu finden. Wenn Sie sich auf die Suche machen, dann tun Sie genau das Richtige.

Am Ende dieser Suche frage ich Sie auf einer Messe oder einem Kongress: “Und was machen Sie so?” Und Sie antworten nicht mehr mit einer Funktion, sondern mit einem Nutzen und sagen stolz: “Ich mache mein Ding!”

Über den Autor
Die Arbeitswelt muss umdenken, fordert der Coach Thilo Baum – weg vom Nine-to-five-Selbstverständnis hin zur nutzenorientierten Positionierung jedes Einzelnen. Mit seinem neuen Buch Mach dein Ding! (Eichborn-Verlag 2010, 17,95 Euro) will Baum Arbeitnehmern unternehmerisches Denken beibringen und sie dazu motivieren, sich stets als Anbieter einer Leistung zu betrachten. Am 17. Mai von 19.30 Uhr bis 20.30 Uhr gibt Thilo Baum übrigens die Internet-Premiere seines Seminars “Mach dein Ding!”, um 21 Uhr folgt eine Internet-Lesung aus dem neuen Buch.