Understatement-Nicht-der-Rede-wert

Ein Gastbeitrag von Matthias Nöllke

Understatement ist eine feine Sache. Und das in mehrfacher Hinsicht: Es macht Vergnügen. Es ist Ausdruck einer kultivierten, rücksichtsvollen Haltung. Es ist subtil und manchmal so fein gestrickt, dass es nicht jeder mitbekommt. Was häufig beabsichtigt ist. Aber im Beruf? Da stellen wir uns doch selbst ein Bein, wenn wir uns im Hintergrund halten und unsere Leistungen herunterspielen. Es sind die Vordrängler und Narzissten, die auf dem Chefsessel landen. Wer gierig und rücksichtslos ist, macht Karriere. Nicht wer anderen den Vortritt lässt. Oder?

Die Kunst der Untertreibung

Ganz falsch ist das nicht. Ganz richtig jedoch auch nicht. Gerade unter den Spitzenleuten gibt es nicht wenige, die überaus bescheiden auftreten. Das liegt einmal an ihrem Naturell. Es gibt Menschen mit einem ausgeprägten Hang zum Understatement. Die können gar nicht anders.

Dann liegt es aber auch daran, dass sich jemand, der mit Understatement auftritt, höher positioniert als einer, der auf dicke Hose macht. Der zeigt vor allem, dass er es nötig hat, sich aufzuspielen, Statussymbole vorzuführen und Erfolgsgeschichten zu erzählen. Sonst würden wir es womöglich gar nicht bemerken, was für eine große Nummer unser Gegenüber ist oder zumindest sein will.

Understatement meint zunächst nichts anderes als Untertreibung. Taktvolle Untertreibung in eigener Sache:

  • Widrigkeiten, mit denen wir zu kämpfen haben, stellen wir als harmloser hin, als sie sind.
  • Wichtiger noch: Die Leistungen und Erfolge werden kleingeredet oder gar nicht erst erwähnt.

Warum bloß? Weil sie sich von selbst verstehen.

Understatement ist keine Irrführung, sondern setzt darauf, dass unser Gegenüber die Untertreibung durchschaut. Der muss schon wissen, was eigentlich dahintersteckt. Ist er ahnungslos, läuft das Understatement ins Leere.

Das ist schlecht, wenn Ihr Gegenüber tatsächlich nicht in der Lage ist, Ihre Leistung zu beurteilen. Das ist jedoch doppelt gut, wenn der andere das Understatement durchschaut.

Denn es wertet Sie beide auf:

  • Denjenigen, der eine Topleistung erbringt und keine große Sache daraus macht.
  • Und diejenige, die sich nicht vom Anschein täuschen lässt, sondern in der Lage ist, die wahre Qualität zu erkennen.

Diesen Effekt sollten Sie niemals unterschätzen: Ihr Gegenüber hat die Chance, sich als Kenner zu erweisen – wenn Sie selbst eben nicht dick auftragen.

Darüber hinaus bleiben Sie auf Augenhöhe mit den anderen. Das macht Sie sympathischer und auch vertrauenswürdiger als diejenigen, die alle andern wissen lassen, wie großartig sie sind.

Oder schlimmer noch: dass sie ihnen überlegen sind. Mit Understatement hingegen nehmen Sie sich zurück. Es ist eine Einladung an die andern: Lasst uns auf Statusspiele verzichten, lasst uns rücksichtsvoll miteinander umgehen.

Unterstatement unter Konkurrenten

Understatement-beweisen-UntertreibungWer im Wettbewerb steht, für den scheint Understatement geradezu eine ruinöse Strategie zu sein. Man muss die eigenen Vorzüge doch zur Geltung bringen und nicht verbergen. Sonst wird man an den Rand gedrängt, unterschätzt und übergangen.

Das stimmt schon, allerdings setzt Understatement darauf, dass die eigentlichen Qualitäten früher oder später an den Tag kommen. Dann entfaltet Understatement seine Wirkung.

Unterschätzt zu werden kann auch ein Vorteil sein. Die andern haben Sie nicht auf der Rechnung. In aller Ruhe können Sie Ihre Kompetenzen aufbauen, Fäden knüpfen, Pläne ausarbeiten. Irgendwann haben Sie Gelegenheit, die Karten auf den Tisch zu legen und zu zeigen, was in Ihnen steckt. Dann kommt Ihre Leistung besonders stark zur Geltung. Weil man es Ihnen nicht zugetraut hat.

Es kommt sogar noch etwas hinzu: Kaum jemand ist besser geeignet, die Schaumschläger und Wichtigtuer schlecht aussehen zu lassen, als jemand, der mit Understatement auftritt.

Er hat die Sympathien auf seiner Seite. Es ist das Prinzip Mehr sein als scheinen, das uns vor Augen führt, wie wenig Substanz hinter den eindrucksvollen Fassaden der Blender steckt.

Drei Tipps für stilvolles Understatement im Beruf

  • Nicht ankündigen, liefern.

    Statt darüber zu reden, was Sie alles vollbringen werden, tun Sie es einfach. Dann lässt sich darüber sprechen. "Die Henne ist das klügste Geschöpf im Tierreich", meinte schon Abraham Lincoln, "sie gackert erst, nachdem das Ei gelegt ist."

  • Schön bescheiden bleiben.

    Erbringen Sie Ihre Bestleistung mit der größtmöglichen Beiläufigkeit. Besonders eindrucksvoll kommt Understatement zur Geltung, wenn Sie selbst keine große Sache daraus machen.

  • Keine falsche Bescheidenheit.

    Manche pflegen ihre Eitelkeit, indem Sie herausstellen, wie großartig Sie sind und wie wenig ihnen das bedeutet. Das wirkt noch abstoßender als reine Angeberei.

Understatement im Chefsessel

Es hat sie schon immer gegeben, die Führungspersönlichkeiten, die sich nicht durch besonderen Glanz ausgezeichnet haben, sondern durch ihre Zurückhaltung, ihre Bescheidenheit.

Es gibt Organisationen und Branchen, da haben unauffällige Naturen von vornherein keine Chance. Auch spielt die Vorgeschichte eine Rolle. Hat ein glamouröser Chef ein Unternehmen an den Rand des Ruins geführt, stößt seine spröde Nachfolgerin auf wesentlich mehr Sympathie, als wenn die Belegschaft einem großzügigen und flamboyanten Sonnenkönig nachtrauert.

Aber auch bei den Chefs, die sich durch Bescheidenheit auszeichnen, müssen wir unterscheiden:

  • Da gibt es diejenigen, die das Vorbild für alle anderen abgeben wollen. Ihre Einstellung, ihr Lebensstil gibt die Richtung vor, der alle anderen folgen sollen.
  • Eine zweite Gruppe versteht ihre Führungsaufgabe ganz anders. Chefs dieser Kategorie nehmen sich selbst zurück, halten sich im Hintergrund, geben anderen eine Bühne.

Da kann es durchaus den einen oder anderen in ihrer Gefolgschaft geben, der völlig anders auftritt, eitel, arrogant und dem Luxus zugetan. Oder schwierig, unzugänglich und abweisend. Doch es ist in Ordnung, dass die Leute ihre Eigenarten pflegen und auch querköpfig sein dürfen. Es kommt auf andere Dinge an. Dass die unterschiedlichsten Menschen zusammenarbeiten, ihre Fähigkeiten sich ergänzen. Solche Führungskräfte stellen nicht die eigene Person in den Vordergrund, sondern die gemeinsame Aufgabe.

Dabei gibt es Understatement von Führungskräften durchaus auch als Showeffekt: Der Chef gefällt sich in seiner vermeintlichen Bescheidenheit und achtet darauf, sie sorgsam zu inszenieren. In der Kantine reiht er sich in die Schlange der Wartenden ein, was sofort dokumentiert wird. Der Vorstand eines Unternehmens fährt in einem Smart vor und stellt den Wagen so ab, dass wirklich jeder ihn sieht.

Echtes Understatement erkennt man genau daran: dass es auf solche Posen verzichtet.

Understatement auf dem Chefsessel – wie finden Sie das?

  • Das passt nicht zusammen. Führungskräfte müssen Stärke zeigen. Dazu gehört dominantes Auftreten. Wer Selbstzweifel äußert, hat schon verloren.
  • Mir gefällt es, wenn sich Vorgesetzte zurücknehmen. Gerade hochqualifizierte Mitarbeiter reagieren allergisch auf selbstherrliches Imponiergehabe.

Schreiben Sie uns gerne unten einen Kommentar dazu.

Die Stärke, nicht perfekt zu sein

Eine Führungskraft, die echtes Understatement zeigt, versucht darüber hinaus nicht den Anschein zu erwecken, perfekt zu sein:

  • Schwächen gibt sie unumwunden zu, Defizite spricht sie offen an.
  • Sie räumt ein, etwas nicht zu wissen oder noch nicht durchdrungen zu haben.

Das macht den Umgang miteinander angenehmer und entspannter. Wenn die Chefin kein Problem damit hat, Fehler zuzugeben, fällt das auch den Mitarbeitern leichter. Es wird weniger vertuscht. Und wenn etwas falsch läuft, findet man leichter die Ursache.

Die "Fehlerkultur", die so gerne beschworen wird, ist nur möglich, wenn die Chefetage mit gutem Beispiel vorangeht.

Allerdings sorgt diese Haltung hin und wieder für Irritationen. Es gibt Mitarbeiter, die finden es zwar sympathisch oder menschlich beeindruckend, wenn jemand unumwunden seine Schwächen und Grenzen einräumt. Doch sie wünschen sich gleichzeitig, dass ihr Chef Führungsstärke zeigt und keine Zweifel sät.

Der Amerikaner Peter Bregman berät Vorstände und Führungsteams. Auf einer TED-Konferenz hielt er eine vielbeachtete Rede mit dem Titel "I don’t know". Er erklärte:

Wenn ich etwas nicht weiß, dann empfinde ich Schwäche und Verwundbarkeit. Doch ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Sie brauchen enormes Selbstvertrauen, enorme Selbstachtung und enorme Stärke, etwas nicht zu wissen. Nicht zu wissen, erfordert die wichtigste Führungsqualität von allen. Nicht zu wissen bedeutet, sich der Wahrheit zu stellen und der Lebenswirklichkeit. Wenn wir etwas Neues wagen, dann nicht, weil wir etwas wissen, sondern weil wir etwas nicht wissen.

Das ist Understatement!

Über den Autor

Matthias Nöllke arbeitet für den Bayerischen Rundfunk und hat als Autor schon einige Bücher geschrieben. Etwa über Machtspiele im Büro oder warum gute Chefs wie Gärtner sein sollten. Gerade ist sein neustes Werk im Herder Verlag erschienen: Understatement: Vom Vergnügen, unterschätzt zu werden. Darin setzt der Autor dem klassischen Schlachtruf "Eigenlob stimmt" entgegen: Wer auf Rücksicht, Taktgefühl und Versöhnlichkeit sich selbst und anderen gegenüber setzt, dem sind nicht nur mehr Sympathien sicher, der kann auch im richtigen Moment punkten. Understatement sei die einzig angemessene Art, entspannt mit Stil und Würde durchs Leben zu gehen - es setze nur voraus, eine hohe Meinung von sich zu haben.

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