Ungerechte Noten  mündliche Frau blau bluse
Noten - ob in der Schule oder im Studium - sind enorm wichtig. Vor allem am Anfang einer Karriere sind sie für viele ein entscheidendes Indiz für Intelligenz, Talent, Fleiß, Lern- und Leistungsfähigkeit. Aber sind sie auch objektiv richtig? Eben nicht immer - und entsprechend schlimm ist für die Betroffenen, wenn ungerechte Noten vergeben werden. Sei es aus Willkür oder durch einen dummen Fehler. Aber kann man sich dagegen wehren? Ja, kann man. Wie und wann es sich lohnt, gegen ungerechte Noten vorzugehen...

Ungerechte Noten: Hier lohnt sich der Widerspruch

Es gibt immer wieder Situationen in der Schule oder im Studium, in denen sich Schüler oder Studenten ungerecht behandelt fühlen. Nicht immer hat das mit einer ungerechten Note zu tun. Falls aber doch, trauen sich nur wenige, dagegen vorzugehen. Sie haben Angst vor den Folgen - oder wissen einfach nicht, wie sie sich wehren können.

Das Wichtigste zuerst: Sie müssen ungerechte Noten nicht akzeptieren und sich damit abfinden, weil Sie glauben, sich nicht durchsetzen zu können. Einen solchen Verdacht müssen Sie aber begründen können - und da kommen gleich ein paar Optionen in Betracht.

Bei folgenden Fehlern in der Benotung und im Verfahren ist ein Einspruch gerechtfertigt:

  • Es wurde gegen die Chancengleichheit verstoßen.
  • Die Prüfungsfragen wurden fehlerhaft dargestellt.
  • Sachfremde Erwägungen wurden berücksichtigt.
  • Der Antwortspielraum des Prüflings wurde nicht beachtet.
  • Es wurden keine Folgefehler berücksichtigt.
  • Es wurde gegen das Zweiprüferprinzip verstoßen.
  • Der Prüfer war befangen.
  • Die Prüfungsbedingungen waren unzumutbar.
  • Die Prüfungszeit wurde nicht eingehalten oder nicht ausgeschöpft.
  • Es wurde gegen konkrete Prüfungsvorschriften verstoßen.

Wenn Sie sich ungerecht benotet fühlen, sollten zum Beispiel Studenten nach Erhalt der Prüfungsergebnisse so schnell wie möglich zur Studienvertretung oder zum Vertrauensdozenten gehen. Machen Sie allerdings nicht den Fehler, sich auf gut Glück gegen eine Note zu wehren – nach dem Motto: Vielleicht klappt es ja.

Ein Widerspruch kostet enormen personellen und zeitlichen Aufwand. Scheitern Sie, kann es sein, dass Sie die Verwaltungskosten übernehmen müssen - je nach Universität und Bundesstaat kann die Höhe der Kosten variieren. Sie sollten sich daher im Vorfeld beim Prüfungsamt erkundigen.

Das Noten-Paradoxon

Eine Studie des Wissenschaftsrates (PDF) von 2012 hat ergeben, dass es große Unterschiede in der Benotung zwischen den Fächern und den Unis in Deutschland gibt. Während der Notendurchschnitt der Bachelorstudenten in der Betriebswirtschaftslehre 2,3 beträgt, schließen Psychologiestudenten das Studium mit einem Einserschnitt ab. Die Ursache: Die Maßstäbe der Notenvergabe können sich von Fach zu Fach unterscheiden, ein gut bedeutet nicht in jedem Fach dasselbe. In Hamburg hat ein Sportstudent bessere Chancen eine "sehr gute" Note zu bekommen, als in Bochum, wo der Notendurchschnitt bei 2,3 liegt. Das liegt nicht an den Studenten, in Bochum sind sie nicht unsportlicher als in Hamburg - es liegt am unterschiedlichen Niveau der Anforderungen und an anderen Maßstäben. Dies kann man als unfaire Benotung deuten, auf jeden Fall sind die Noten nicht immer unter Universitäten und Bundesländern vergleichbar.

Auch der allgemeine Durchschnitt der Noten an deutschen Universitäten steigt an. So haben im Jahre 2011 rund 80 Prozent der Absolventen einen Abschluss mit "gut" oder "sehr gut" bekommen, vor elf Jahren waren es nur 70 Prozent.

Aus dieser Noteninflation entsteht das Paradoxon: Während die Benotung immer weniger Aussagekraft hat - eben weil die Noten durchschnittlich besser werden und nur zum Teil vergleichbar sind - entscheidet sie immer noch stark über die Vergabe von Masterstudienplätzen, Stipendien, Wissenschaftsförderungen und auf lange Sicht auch über die Jobchancen. Die zukunftsweisende Rolle der Note hat sich also nicht verändert, ihr Wert hängt aber stark von dem Studienort und -fach ab.

Ungerechte Noten: Möglichkeiten zu Gegenmaßnahmen

Fühlen Sie sich ungerecht behandelt und benotet, sollten Sie nach einer umfassenden Beratung Gegenmaßnahmen einleiten. Bleiben Sie zuversichtlich und lassen Sie sich nicht abwimmeln – Sie betteln nicht um eine bessere Note, sondern weisen auf einen Fehler des Dozenten hin. Falls Sie sich für einen Widerspruch entschieden haben, dann sollte er so schnell wie möglich eingelegt werden – meist verfällt der Rechtsanspruch einen Monat nach der Prüfung. Es gibt drei Instanzen, die Sie durchlaufen können:

  1. Gespräch mit dem Dozenten suchen

    Dies sollte immer der erste Schritt sein. Dabei kann es von Vorteil sein, wenn der Dozent Sie bereits persönlich kennt, zum Beispiel, wenn Sie vor der Prüfung in seiner Sprechstunde waren. Dies kann Ihre Chancen steigern, dass der Dozent sich zu einer erneuten Einsicht der Arbeit oder der Klausur überreden lässt.

    Auch wenn der Dozent Sie nicht kennt, was bei Studiengängen mit über hundert Studenten keine Seltenheit ist, sollten Sie sich vor dem Gespräch einen genauen Plan überlegen, wie Sie Ihren Standpunkt deutlich machen. Klare Verweise auf den Lernstoff, Literaturausschnitte, die Ihre Ansicht stützen, und weitere Beweise sollten Sie bereit halten und zum Gespräch mitbringen. Sie sollten erst den Kontakt suchen, wenn Sie sich eine klare Argumentation zurecht gelegt haben. Vermeiden Sie auch offene Anklagen und Vorwürfe, das bringt Sie nicht weiter. Sprechen Sie stattdessen sachlich und freundlich Ihr Problem an.

  2. Widerspruch beim Prüfungsausschuss einlegen

    Hat der erste Schritt nichts gebracht und Sie konnten mit dem Dozenten keine Einigung erzielen, sollten Sie sich an das Prüfungsamt wenden. Dort geben Sie einen schriftlichen Widerspruch gegen die Benotung ab. Legen Sie Ihre Argumente in einem Schreiben verständlich und klar dar und beschreiben Sie gegebenenfalls auch das bereits erfolglose Gespräch mit dem Dozenten.

    Falls der Prüfungsausschuss Ihren Einspruch als berechtig bewertet, wird die Prüfung oder die Klausur wiederholt. Eine Hausarbeit oder Ihre Abschlussarbeit kann dann durch einen anderen Dozenten neu bewertet werden. Wurde Ihr Einspruch jedoch abgewiesen, dann bleibt Ihnen nur doch der dritte Schritt...

  3. Rechtsbeistand holen

    Der letzte Schritt ist die Unterstützung durch einen Rechtsanwalt. Diesen Schritt wagen nur die wenigsten – schon eine unverbindliche Rechtsbelehrung kostet immerhin bis zu 250 Euro, falls es tatsächlich zu einem Verfahren kommt, können die Kosten schnell einen vierstelligen Betrag erreichen. Es lohnt sich also nur, wenn Ihre gesamte Studienlaufbahn auf dem Spiel steht – zum Beispiel bei einer drohenden Exmatrikulation - oder wenn Sie sich absolut sicher sind.

    Auch wenn Sie durch ein gerichtliches Verfahren gute Chancen auf erneute Benotung haben, sollten Sie dennoch die Risiken beachten: Jeder Dozent hat den sogenannten Beurteilungsspielraum: Er alleine bestimmt den Schwierigkeitsgrad der Aufgaben und die einzelne Gewichtung untereinander – eine Klage aufgrund von prüfungsspezifischen Wertungen ist schwerer durchzusetzen. Hingegen sind Klagen aufgrund von formellen oder faktischen Fehlern häufig von Erfolg gekrönt.

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