Ein Gastbeitrag von Michael Moesslang
Neulich verriet mir ein Zahnarzt, dass er vor schwierigen Weisheitszahn-Operationen immer Lampenfieber hat. Lampenfieber gibt es in den verschiedensten Situationen und Formen. Vermutlich hat jeder Mensch in der ein oder anderen Situation diese quälenden Momente. Bei Präsentationen, Reden, Bewerbungsgesprächen, Interviews, Medienauftritten, Gesprächen mit dem Chef oder eben Operationen. Dazu kommen künstlerische Auftritte als Schauspieler, Comedian, Tänzer oder Musiker oder auch private Momente, sei es die Ansprache auf der Hochzeit oder ganz einfach das Flirten.
Ich fasse darunter all das zusammen, was die Menschen so unterschiedlich als Aufregung, Nervosität, Lampenfieber oder Bühnenangst bezeichnen. Manche Menschen sind auch richtig stolz auf ihr Lampenfieber. Sie sagen, sie brauchen es, um wirklich leistungsfähig zu sein. Dann ist das auch gut so. Doch die meisten Menschen leiden darunter. Oft sogar so stark, dass sie ihre Karriere dadurch gefährden.
Spätestens der, der wichtige Situationen vermeidet, um diesem unangenehmen Zustand aus dem Weg zu gehen, sollte etwas dagegen tun. Ein bisschen Nervosität beim Präsentieren ist ja legitim, doch die Präsentation deswegen aus Angst ausfallen zu lassen, oder jemand anderen vorzuschicken, gefährdet die Karriere.
Bei manchen geht das so weit, dass sie ihre eigenen Bewerbungen einstellen, andere vermeiden es jahrelang, ihren Chef nach einer Beförderung oder Gehaltserhöhung zu fragen, Selbständige und sogar Vertriebler stürzen sich auf Schreibtischarbeit, um möglichst nicht aktiv auf Kunden zugehen zu müssen. So kann Lampenfieber zum wahren Karrierekiller werden.
Was steckt hinter dieser Angst?
Versagensängste, Angst vor peinlichen Situationen und Angst vor Zurückweisung sind die häufigsten Ursachen. Aber auch schlechte Erfahrungen sowie Urängste spielen eine große Rolle. Denn wir betrachten automatisch, meist unbewusst, diese Situationen als potentielle Gefahr.
Die Folge ist eine typische Stressreaktion: Adrenalin sorgt für Bewegungsdrang, aber auch für Einschränkung bei geistigen Leistungen. Wir machen uns dadurch körperlich klein und vermitteln in der Folge einen unsicheren Gesamteindruck.
Würden Sie jemanden beauftragen, wenn Sie das Gefühl haben, er ist nicht sicher in dem, was er da sagt und womöglich auch tut?
Das Gefühl von Kompetenz und Vertrauen haben wir nur bei jemanden, der selbstsicher wirkt. Auf jemand, der kleine Gesten macht, dessen Stimme dünner klingt oder der nervös hin und her tippelt, reagiert unser Unterbewusstsein mit Zurückhaltung.
Ich habe in einem Vortrag einen Unternehmensberater erlebt, dem der Schweiß so stark herunter lief, dass er ihm ständig in die Augen tropfte. Sein dummerweise dunkelrotes Hemd – da sieht man Flecken sehr deutlich – war nur noch an vereinzelten Stellen trocken. Die Reaktion des Publikums liess nicht lange auf sich warten: Heftige Gegenargumente und Attacken waren nun ein leichtes Spiel für die Alpha-Tiere im Publikum. Der Experte hatte Schwäche gezeigt, das Publikum nutzte es – wahrscheinlich unbewusst – sofort aus.
Übrigens habe ich ihn später im Alltag erlebt: Er macht dort einen souveränen und kompetenten Eindruck. Es war also definitiv das Lampenfieber, das ihm zum Fallstrick wurde.
Fieber senken – aber wie?
Viele der häufig genannten Tipps gegen das Lampenfieber sind nutzlos oder wenig praktikabel. Wie oft kann man schon direkt vor der Präsentation an der frischen Luft spazieren gehen? Es gibt jedoch zahlreiche Möglichkeiten, sich dieses lästigen oder störenden Gefühls zu entledigen oder es zumindest deutlich zu reduzieren.
Für mich selbst habe ich im Laufe der Jahre 16 Methoden erarbeitet und zusammengefasst, die das Lampenfieber senken können. Manche davon setzen körperlich an. Mit einer Atmung in den Bauchraum können Sie beispielsweise grundsätzlich Stress reduzieren. Denn Stress verursacht das Gegenteil: Anspannung verhindert, dass das Zwerchfell die gute Bauchatmung ungehindert ausführen kann und sorgt so für eine Atmung im oberen Bereich. Diese ist jedoch kurz und wenig sauerstoffreich.
Doch letztlich sind auch körperliche Techniken nur ein Herumdoktern an Symptomen. Die wirkungsvolleren Methoden setzen da an, wo Lampenfieber entsteht: bei Ihrem Unterbewusstsein und Ihren Gefühlen.
Gefühle und Unterbewusstsein
Wenn bestimmte, aber auch unbestimmte Ängste die Ursache von Lampenfieber sind, ist es nur folgerichtig, dort anzusetzen. Dazu braucht es keine Therapie. Die meisten Ängste sind ganz normal und haben lediglich das Ziel, uns vor Unangenehmem oder vermeintlicher Gefahr zu schützen.
Das bedeutet zwar einerseits, schon frühzeitig zu beginnen. Denken Sie erst fünf Minuten vor Ihrer Präsentation oder dem wichtigen Gespräch daran, sind viele dieser Techniken nicht mehr geeignet. Andererseits können Sie grundlegende Verbesserung schaffen, wenn Sie sich frühzeitig damit beschäftigen.
In jeder Situation selbstsicher und souverän aufzutreten ist für jeden Unternehmer, für jeden Menschen nicht nur angenehmer, sondern hilfreich um zu überzeugen. In der zweiten Folge dieser Mini-Serie stelle ich Ihnen daher eine der wirkungsvollsten Techniken vor. Seien Sie also gespannt auf Morgen!
Achso, der Zahnarzt hat übrigens Routinen genutzt, um ruhiger zu werden: nochmals die (längst sauberen) Hände waschen und desinfizieren, Gummihandschuhe anziehen und dergleichen. Von missglückten Operationen keine Spur. Gott sei Dank!
Hier geht es weiter zu Teil 2
Über den Autor
Michael Moesslang ist Dozent an der Hochschule München, Coach, Autor und Erfolgsautor – vor allem in Sachen spannend und überzeugend präsentieren. In seine Vorträge und Seminare zu den Themen Präsentation und Rhetorik bezieht er regelmäßig aktuelle Erkenntnisse aus Psychologie und Verhaltenswissenschaften ein. Seine Überzeugung ist, dass jeder einzelne durch seine persönliche Wirkung zum positiven Botschafter für sein Unternehmen werden und sein Lampenfieber besiegen kann.
Zu diesem Zweck gibt es seit kurzem auch eine eigene App (1,59 Euro im Appstore sowie Google Play Market). Das Appinar soll einen Einblick geben, wie Sie bei Auftritten Ihre Sicherheit und innere Ruhe zurückgewinnen oder gar noch steigern können. Denn nicht nur die Wirkung auf andere ist wichtig, sondern eben auch wie wohl wir uns bei einer Rede oder einem Auftritt selber fühlen und wie sicher wir sind, den Auftritt zu meistern.
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Tanja
Da bin ich doch schon auf den Folgebericht inkl. Techniken gespannt… denn jeder von uns gerät wohl doch mal in eine Situation, die unangenehm ist bzw. die einen nervös macht.
Jochen Mai
Kommt morgen.