Der Psychologe Richard Nisbet untersuchte die Sprache in Kinderbüchern, genau genommen die Bücher für Leseanfänger. Insbesondere die Abenteuer von zwei langweiligen Kindern namens „Dick“ und „Jane“ und ihrem Hund machten ihn nachdenklich. Das Trio war ungemein aktiv, aber ihre Welt war voller Substantive: „Look, Dick – a truck!“ „Look, Dick. See Sally and Tim. Funny, funny Sally.”

In chinesischen Büchern war das völlig anders. In einer der Lektüren trug etwa ein Jungen einen anderen auf seinen Schultern, darunter stand: „Big brother takes care of little brother. Big brother loves little brother. Little brother loves big brother.” Diese Sprachwelt war voller Verben, die Substantive vorrangig in Beziehung zu einander stellten. Mehr noch: Im Chinesischen, Japanischen oder Koreanischen stehen die Verben meist am Anfang oder am Ende eines Satzes. Sie haben dadurch eine exponierte Position. In westlichen Sprachen, wie dem Englischen oder Deutschen, stehen sie dagegen meist in der Mitte. Hier dominieren Subjekt und Objekt den Satz.

Nisbet entwickelte daraus seine Theorie des kulturellen Denkens. Weil Menschen in der westlichen Welt vor allem mit Substantiven aufwachsen, neigen sie dazu, alles schematisch und in Kategorien zu erfassen – einschließlich sich selbst: „Ich bin, was ich bin.“ Sie legen größeren Wert auf Individualismus und größere Auswahl. Allein in den USA kann man zwischen 40 verschiedenen Frühstücks-Cerealien wählen.

Asiaten dagegen förderten dank der verbenreicheren Sprache ein wesentlich stärkeres Beziehungsbewusstsein: „Ich bin der Sohn meines Vaters, der Freund von Lee, Die Freundin von…“ Sie orientieren sich stärker an Gruppen, Gemeinsamkeiten und gegenseitigen Verpflichtungen. Japanische Mütter beispielsweise leiten ihre Kinder vor allem mit gefühls-orientierten Worten an: „Das Spielzeug weint, weil du es geworfen hast. Die Wand sagt: autsch!“ So lernen die Sprösslinge schon frühzeitig sich auf Gefühle sowie mögliche Reaktionen zu konzentrieren und können diese deshalb später im Geschäftsleben besser antizipieren. Man könnte auch sagen: Sie entwickeln früher ihre Emotionale Intelligenz.

Die beiden Psychologen Anne Fernald and Hiromi Morikawa bestätigen Nisbets These. Sie haben japanische und amerikanische Familien besucht und vor allem die Eltern beobachtet, wie sie mit ihren Kindern spielen und sprechen. Dabei wählten die amerikanischen Mütter einen deutlich sachlicheren Zugang: „Das ist ein Auto. Siehst du das Auto? Magst du es? Es hat schöne Reifen.“ Die Japaner dagegen sagten: „Hier, mein Kind! Es ist ein Brumm-brumm. Ich gebe es dir. Nun gib es mir. Ja, genau so. Dankeschön.“ Die amerikanischen Kinder lernten so ihre Welt als einen Ort von Objekten kennen, die Welt der japanischen Kinder dagegen bestand in erster Linie aus Beziehungen.

Mich hat das nachdenklich gemacht. Schließlich verrät Sprache Bewusstsein. Jeder Journalist lernt, mit Adjektiven sparsam zu sein, Substantive dosiert einzusetzen und vor allem starke Verben zu verwenden, weil es die Sprache lebendiger macht und den Text lesbarer. Womöglich steckt mehr dahinter. Substantive sind bloß Dinge, Verben sind die Dinge, die wir damit machen. Sie verbinden – Aktionen und Menschen. Wir sollten uns häufiger auf Verben konzentrieren.