Der Job nimmt für die meisten Menschen einen großen Teil der Zeit und auch der Energie in Anspruch. Die Arbeit als einziger Lebensinhalt ist den meisten Menschen jedoch zu wenig, sie wünschen sich Kinder und ein Familienleben. Doch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist immer noch ein sehr schwieriges Thema. Viele Unternehmen werben zwar damit und arbeiten daran, die passenden Rahmenbedingungen zu schaffen, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen, doch in der Praxis gibt weiterhin Probleme, die insbesondere viele junge Arbeitnehmer zweifeln lassen, ob Job und Familie wirklich vereinbar sind...

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Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Ein wichtiger Faktor

Viele Menschen suchen heute nach einer möglichst perfekten Balance im Leben. Beruflicher Erfolg und eine Karriere sollen ebenso dazu gehören wie ein erfülltes Familienleben. Doch viele bekommen am eigenen Leib zu spüren, wie schwierig eine Koexistenz dieser beiden wichtigen Bereiche sein kann. Das Ergebnis: Es muss eine Wahl getroffen werden. Lieber Karriere oder doch Familie? Oder erst das eine und dann das andere?

Genau diese Entscheidung können und wollen die meisten aber nicht treffen und suchen deshalb nach einen Job, der die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglicht. Dieser Aspekt spielt deshalb bei der Jobsuche und auch für die Zufriedenheit im Berufsleben eine immer größere Rolle.

Wenn die Aussicht auf ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Berufs- und Privatleben besteht, sind viele Arbeitnehmer zu Kompromissen bereit und verzichten lieber auf ein höheres Gehalt, um die Familienfreundlichkeit zu sichern.

Auch Unternehmen profitieren von der Vereinbarkeit

Der Wunsch nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf kommt in erster Linie von Seiten der Arbeitnehmer, doch auch Unternehmen tun gut daran, diesen Schritt zu gehen - tatsächlich profitieren Arbeitgeber gleich mehrfach.

Sich die Familienfreundlichkeit nicht nur auf die Fahnen zu schreiben, sondern diese im Unternehmen zu leben und in der Kultur Tag für Tag zu praktizieren, macht zu einem ungemein attraktiven Arbeitgeber. Die große Relevanz des Themas für Arbeitnehmer macht es zu einem ausschlaggebenden Argument für die Bewerbung bei genau diesem Unternehmen - wodurch ein Vorteil gegenüber der Konkurrenz erzielt werden kann.

Eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf wirkt sich zusätzlich auch auf die Mitarbeiter aus, die bereits im Unternehmen sind. Sie fühlen sich glücklicher und zufriedener bei der Arbeit, arbeiten motivierter und somit auch produktiver und entwickeln eine größere Loyalität zum Arbeitgeber.

Tatsächlich kann sogar dem oft angesprochenen Fachkräftemangel entgegengewirkt werden, wenn Jobs familienfreundlicher gestaltet werden. Wer keine Chance sieht, seine Familie und die Arbeit unter einen Hut zu bringen, geht dem Arbeitsmarkt oftmals für längere Zeit verloren, um sich um die Kinder zu kümmern. Wird die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gewährleistet, müssen Unternehmen nicht auf diese oft gut ausgebildeten Mitarbeiter verzichten.

Warum es mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie oft nicht klappt

Auf der einen Seite gibt es eine durchaus positive Entwicklung. Viele Unternehmen haben den Trend zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf erkannt, treiben die Familienfreundlichkeit voran und bieten verschiedene Unterstützungen an. Allen voran sind dabei flexible Arbeitszeiten von großer Bedeutung, um es Mitarbeitern zu ermöglichen, Ihre Zeiten besser an die eigenen Bedürfnisse anzupassen.

Allerdings gibt es weiterhin mehrere schwerwiegende Probleme, die es vielen Arbeitnehmern schwer machen, beide Lebensbereiche zu kombinieren.

  • Befristete Arbeitsplätze. Leider ist es für viele Arbeitnehmer, gerade am Anfang der Karriere, bittere Realität, dass es von einem befristeten Arbeitsverhältnis ins nächste geht. Dies zieht sich oftmals über mehrere Jahre hin - und fällt genau in die Zeit, in der viele auch über eine Familienplanung nachdenken. Die große Unsicherheit macht jedoch eine wirkliche Planung unmöglich und so sehen viele keine andere Möglichkeit, als erst einmal abzuwarten.

  • Fehlende Kitaplätze. Kitaplätze werden ausgebaut, doch fehlt es oftmals an ausreichend Betreuungsmöglichkeiten für Kinder. Das stellt viele Eltern bei der Vereinbarkeit vor ein großes Problem: Entweder müssen sie selbst zuhause bleiben oder sie müssen sich nach einer Alternative zur Kita umsehen - was gleich zum nächsten Problem führt.

  • Hohe Betreuungskosten. Die Kosten für eine Ganztagsbetreuung sind hoch, weshalb sich viele Eltern für eine Teilzeitregelung entscheiden. Oftmals wäre es deshalb angebrachter nicht von einer Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sondern von einem Kompromiss zu sprechen.

Ist es also unmöglich Familie und Beruf zu vereinbaren? Ganz so drastisch ist es dann zum Glück doch nicht, auch wenn die Probleme nicht von der Hand zu weisen sind. Um Eltern zu unterstützen, geben sich viele Arbeitgeber Mühe und bieten verschiedene Maßnahmen und Hilfsmöglichkeiten an:

  • Anpassung der Arbeit

    Um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf voranzutreiben, werden nicht nur flexible Arbeitszeiten angeboten, sondern inzwischen immer häufiger auch unterschiedliche Arbeitsmodelle für Mitarbeiter ermöglicht. Die vielleicht bekannteste Variante ist dabei das Home Office, doch gibt es auch andere Möglichkeiten - teilweise sogar die Chance, Kinder mit ins Büro zu bringen.


  • Angebote zur Kinderbetreuung

    Auch Arbeitgeber wissen darüber Bescheid, wie schwierig es sein kann, einen Kitaplatz für den Nachwuchs zu bekommen. Einige Unternehmen bieten deshalb für Ihre Mitarbeiter spezielle Betriebskindergärten oder Betriebskitas an, in denen Mitarbeiter ihre Kinder während der eigenen Arbeitszeit gut versorgt wissen.


  • Hilfe in und nach der Elternzeit

    Die Elternzeit ist ganz dem Kind gewidmet, doch ist es für Mitarbeiter gut zu wissen, wenn sie in und nach dieser Zeit den Rückhalt des Arbeitgebers haben. Das vermittelt das Gefühl, nicht außen vor zu sein, weiterhin als Teil des Teams gesehen zu werden. Gerade für die Rückkehr ist die Hilfe durch den Arbeitgeber ein wichtiger Punkt, um schnell wieder in den Arbeitsalltag zu finden.

Unmöglich ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf also nicht - und wo ein Wille ist, ist bekanntlich auch ein Weg. Dennoch ist es sinnvoll, sich im Vorfeld der möglichen Probleme bewusst zu sein, die eigene Situation zu analysieren und rechtzeitig Lösungen parat zu haben.

Probleme durch die Doppelbelastung

Vereinbarkeit von Familie und Beruf Work Life Balance Job und KinderDie Familie und die Berufstätigkeit unter einen Hut zu kriegen, ist für viele keine leichte Aufgabe. Die Anzahl der Herausforderungen wächst, die Verantwortung nimmt zu und die Erwartungen des Arbeitgebers bleiben weiterhin hoch. Das die Doppelbelastung da an einigen Stellen Probleme mit bringt, ist nur verständlich. Die drei größten Schwierigkeiten, denen sich berufstätige Eltern stellen müssen, sind...

  • ...Zeitmanagement. Ein Arbeitstag ist lang, aber auch für die Kinder muss genügend Zeit eingeplant werden, um zu spielen, gemeinsam etwas zu unternehmen, die Hausaufgaben zu besprechen oder einfach nur zusammen zu sein. Da kann die Zeit schon einmal knapp werden.
  • ...Organisation. Täglich steht ein regelrechter Organisationsmarathon an. Die Kinder müssen rechtzeitig in die Schule oder Kita, man selbst muss zeitig am Arbeitsplatz ankommen und nach Feierabend beginnt das Ganze noch einmal von vorn. Ohne eine ausgeklügelte Struktur ist das kaum zu schaffen.
  • ...Stress. Bei einem solchen Tagesablauf mit unzähligen Aufgaben und kaum einer ruhigen Minute, um einmal durchzuatmen, ist Stress programmiert. Gerade die Kombination aus beruflichem und privatem Stress macht berufstätigen Eltern zu schaffen.

7 Tipps für berufstätige Eltern

Jeder Arbeitnehmer kennt den alltäglichen Stress, den Kunden, Vorgesetzte oder auch Kollegen mitbringen können. Doch für viele lässt sich nur erahnen, wie sich die Doppelbelastung von Job und Familie auf den Alltag auswirkt. Es müssen sowohl privat als auch beruflich Ansprüche erfüllt werden, der Organisationsaufwand nimmt deutlich zu und es entsteht schnell der Wunsch, es allen Recht zu machen. Es gibt leider kein Patentrezept, dass der Doppelbelastung entgegenwirkt, doch die folgenden 7 Tipps können berufstätigen Eltern helfen...

  1. Haben Sie immer einen Plan B

    Die Nerven von Eltern werden ohnehin ständig durch unvorhersehbare Ereignisse auf die Probe gestellt. Wenn dann noch der alltägliche Bürostress hinzu kommt, sind Alternativen gefragt. Um auch nicht den Kopf zu verlieren, wenn es mal kritisch wird, ist es empfehlenswert, immer einen Plan B zu haben. Fragen Sie beispielsweise Ihren Chef, ob Sie im Home Office arbeiten können, wenn Ihr Kind krank wird oder haben Sie eine Bekannte im Hinterkopf, die auf Ihre Kinder aufpassen kann, wenn der Babysitter kurzfristig absagt.


  2. Führen Sie einen genauen Kalender

    Berufstätige Eltern müssen wahre Meister der Organisation sein. Doch damit auch wirklich kein Termin vergessen wird, ist ein Kalender genau das richtige Hilfsmittel. Hier können Sie alle wichtigen Termine, berufliche wie auch privat, festhalten und verlieren nie mehr den Überblick. Dabei ist es aber natürlich unerlässlich, dass der Kalender auch wirklich genau geführt wird. Machen Sie es sich beispielsweise zum Ritual, Ihre Notizen jeden Morgen zu aktualisieren und sich einen Plan für die anstehenden Termine zu machen.


  3. Übertreiben Sie es nicht mit der Balance

    Ihr Wunsch nach einem Gleichgewicht zwischen Job und Familie ist mehr als löblich, doch sollten Sie sich damit nicht selbst unter Druck setzen. Die perfekte Balance zwischen Privat- und Berufsleben ist quasi nicht zu erreichen. Es kommen immer mal Zeiten, in denen der Beruf mehr Energie fordert und Sie die ein oder andere Überstunde machen. In ruhigeren Zeiten oder am Wochenende gleicht sich dies dann wieder aus. Balance bedeutet auch zu wissen, welcher Teil gerade mehr Aufmerksamkeit benötigt und die Zeit dementsprechend zu nutzen.


  4. Machen Sie tatsächlich Feierabend

    Viele Berufstätige kennen es doch gerade für Eltern ist es besonders kompliziert: Arbeit mit nach Hause nehmen. Wenn es irgendwie möglich ist, sollten Sie diesen Schritt verhindern. Feierabend bedeutet Zeit mit der Familie und Ihren Kindern. Schalten Sie das Firmentelefon aus, lesen Sie keine beruflichen E-Mails mehr und lassen Sie die Projekte bis zum nächsten Tag ruhen. Die Doppelbelastung ist ohnehin sehr anstrengend und die Situation wird sich nicht verbessern, wenn Sie die beiden Bereiche durcheinander bringen und vermischen.


  5. Fühlen Sie sich nicht schuldig

    Bei all den Anforderungen die an Sie gestellt werden, sollten Sie eine Sache nicht vergessen: Sie sind auch nur ein Mensch! Sie geben jeden Tag Ihr Bestes, doch natürlich können Sie nicht garantieren, dass immer alles gelingt. Doch fühlen Sie sich nicht direkt schuldig, wenn mal etwas schief läuft. Es kann vorkommen, dass Sie mal das Fußballtraining Ihres Sohnes verpassen oder Ihre Aufgabe erst einen Tag nach der Deadline fertig wird. Doch das passiert anderen Arbeitnehmern genauso sehr wie Ihnen. Reden Sie sich also kein schlechtes Gewissen ein und setzen Sie für sich keine zu hohen Maßstäbe an.


  6. Nutzen Sie Ihre Stärken in beiden Bereichen

    Im Büro tragen Sie Verantwortung für mehrere Mitarbeiter und delegieren Aufgaben - zuhause organisieren und planen Sie die Tagesabläufe der gesamten Familie und erledigen durch Multitasking auch noch den Haushalt und alle weiteren anfallenden Aufgaben. Übertragen Sie Ihre Stärken auch in den jeweils anderen Bereich. Teilen Sie beispielsweise auch privat die Aufgaben besser auf und finden so vielleicht am Ende mehr Zeit. Oder überzeugen Sie im Büro mit Ihrem Organisationstalent und stellen einen genauen Ablaufplan für die nächste Woche zusammen.


  7. Gönnen Sie sich auch mal Ruhe

    Berufstätigen Eltern fällt es oft schwer, sich auch einmal Zeit für sich selbst zu nehmen. Doch auch Sie brauchen die Erholung, um die Energiereserven wieder aufzuladen und weiterhin genügend Kraft für alle Aufgaben zu haben. Das soll selbstverständlich nicht heißen, dass Sie die Kinder übers Wochenende aus dem Haus verbannen sollen. Doch wenn die Kinder beispielsweise bei den Großeltern übernachten oder Zeit bei einem Freund verbringen, dann nutzen Sie diese Zeit, um sich etwas Gutes zu tun. Gehen Sie in die Sauna oder lassen Sie sich ein Bad ein. Auch mit Doppelbelastung haben Sie sich Mal eine Pause verdient.

Interview über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Die Karrierebibel veröffentlicht einen exklusiven Auszug aus dem Buch "Kinder + Karriere = Konflikt?" mit einem Interview zwischen Autorin Tina Groll und Väter-Aktivist Völker Baisch:

Die junge Generation viele Ideale der Arbeitswelt so nicht leben können

Groll: Sie setzen sich für die Belange von Vätern bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein. Wie sind Sie dazu gekommen, Herr Baisch?

Volker-BaischBaisch: Durch eigene Betroffenheit. Ich bin 2001 das erste Mal Vater geworden. Für mich und meine Frau stand fest: Jeder von uns macht ein Jahr Elternzeit. Doch damals unter Gerhard Schröders Regierung herrschte sozusagen Steinzeit für Väter. Ich war zu der Zeit angestellte Führungskraft, mir wurde nahegelegt, dass ich bei einer längeren Elternzeit doch gleich ganz zu Hause bleiben könne. Ich habe trotzdem Elternzeit genommen und überlegt, mich selbstständig zu machen.

Groll: Es war also die Suche nach einer Alternative?

Baisch: Ich habe das erlebt, was auch viele Mütter kennen. Man engagiert sich einige Jahre sehr stark für sein Unternehmen. Und in dem Moment, in dem man die Prioritäten verschiebt, ist der Job auf einmal weg. Für mich stellte sich insofern die Herausforderung, etwas zu finden, das mich beruflich erfüllt und Geld bringt. Also gründete ich aus dem Wohnzimmer Vaeter.de - eine Initiative, die sich für die Rechte der Väter und für bessere Strukturen bei der Vereinbarkeit einsetzt. Ich fand auch bald Sponsoren - und so wagte ich den Sprung in die Selbstständigkeit.

Groll: Was haben Sie genau gemacht?

Baisch: Ich habe einen Coachingansatz entwickelt, spezialisiert auf Väter, die entweder eine längere Familienphase planten oder aus der Elternzeit die Rückkehr in den Job. Damals gab es hier einen enormen Bedarf, und er ist noch immer groß. In den Unternehmen dominiert bis heute ein eher traditionelles Rollenverständnis. Der Erwartungsdruck an die Männer, nur eine kurze Auszeit für die Familie zu nehmen, ist immer noch sehr groß. Anfang der nuller Jahre war es ja noch üblich, dass Frauen bei einer Schwangerschaft herausgekauft wurden. Und damals wollten viele Unternehmen Auszeiten für Väter nicht etablieren.

Groll: Wie ist es heute?

Baisch: Es findet ein gesellschaftlicher Wandel statt, definitiv. Vieles weicht sich auf, aber der Prozess verläuft langsam. Bis heute haben Männer es schwerer. Es gibt immer noch viele Arbeitgeber, die für längere Elternzeitabwesenheiten von Männern kein Verständnis haben. Auch bei den Kollegen fehlt Verständnis. Die Strukturen in den Unternehmen müssten sich ganz grundsätzlich verändern.

Groll: Viele Studien zeigen, dass Väter gar nicht alle Arbeiten im Haushalt und bei der Kindererziehung übernehmen wollen.

Baisch: Das deckt sich nicht mit den Studien, die wir gemacht haben. Die Bereitschaft ist sehr viel größer als vielleicht gedacht. Nur können viele Paare eine gleichberechtigte Verteilung nicht leben, weil ihnen dazu die politischen Rahmenbedingungen wie auch die strukturellen Möglichkeiten in den Unternehmen fehlen. Sobald sich hier etwas verändert, steigt der Anteil der Väter, die etwa Elternzeit nehmen, drastisch an.

Groll: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Baisch: Als die Elternzeit eingeführt wurde, hat Airbus als eines der ersten großen Unternehmen ein Modellprojekt gestartet, das Vätern eine Familienauszeit ermöglicht. Selbst ich war geplättet von den Ergebnissen und der hohen Bereitschaft der Männer, für die Familie Teilzeit zu arbeiten oder auch längere Elternzeitabwesenheiten zu nehmen.

Groll: Nun ist der Rückkehranspruch eine Herausforderung für Unternehmen. Es ist schon schwer genug, den Müttern ihren Arbeitsplatz freizuhalten.

Baisch: Das fehlende Rückkehrrecht auf Vollzeit ist immer noch das größte Manko. Bei den Frauen zeigt sich übrigens, dass viele gar nicht wieder in Vollzeit arbeiten möchten, sondern freiwillig in Teilzeit bleiben, auch wenn die Kinder größer sind. Bei den Männern spielt ein Rückkehrrecht auf Vollzeit eine immens wichtige Rolle. Viele wollen eine Weile ihre Stundenanzahl reduzieren - aber nur, wenn sie auch wieder aufstocken können. Für Männer ist nämlich Teilzeit von größerem Nachteil als für Frauen. Da herrscht auch ein normativer Druck in den Unternehmen.

Groll: Wie meinen Sie das?

Baisch: Nach wie vor wird der Wunsch von Männern, für die Familie eine Weile im Job zu reduzieren oder in Elternzeit zu gehen, als Ausdruck für wenig Interesse an Karriere verstanden. Und nicht selten wird die Arbeit für eine zweimonatige Elternzeit einfach nur unter den Kollegen umverteilt. Da kommen dann schon Sprüche: Frei nach dem Motto, der war jetzt acht Wochen raus und hatte Urlaub, um sich zu erholen. Jetzt soll er erst einmal nacharbeiten, was wir zwischenzeitlich für ihn übernehmen mussten. Nicht umsonst zeigen verschiedene Untersuchungen, dass viele Väter nach der Elternzeit vermehrt Überstunden machen.

Groll: Viele brauchen doch das Geld, sofern die Überstunden bezahlt werden.

Baisch: Das kommt sicherlich noch dazu. Aber solange der Erwartungsdruck an einen jungen Vater so ist, wird sich auch nicht viel ändern. Dann macht er zwar die Erfahrung, kurz etwas mehr Zeit mit der Familie verbringen zu können - doch spätestens mit der Rückkehr in den Job erfolgt dann der Rollenrückgriff.

Groll: Hätte das Elternzeitgesetz politisch anders gestaltet werden sollen?

Baisch: Ich denke, dass bei der Einführung im Jahr 2006/2007 einige Fehler unterlaufen sind. Wir haben uns mit dem Modell stark an Schweden orientiert, was ein gutes Modell ist. Allerdings gibt es in Schweden zum einen ein höheres Elterngeld, zum anderen wurden dort nach der Einführung systematisch die Väterwochen erhöht, sodass sukzessive eine Steigerung hin zu einer gleicheren Verteilung der Verantwortung zwischen den Eltern entstand. Wir hingegen haben einmal etwas gemacht und dann auch noch eine traditionelle Aufteilung beworben: Sie macht ein Jahr, er nimmt zwei Monate. Dadurch hat sich das Bild, dass der Mann den kleineren Anteil der Elternzeit nimmt, auch gesellschaftlich verfestigt.

Groll: Nun gibt es ja das neue ElterngeldPlus. Ändert das nicht einiges?

Baisch: Es fördert zumindest Doppelkarrierepaare. Allerdings ist es dermaßen komplex, dass ich befürchte, dass sich die meisten jungen Eltern für das klassische Elterngeldmodell entscheiden werden. Ich finde es bedauerlich, dass über den Vorschlag einer Familienzeit nicht stärker nachgedacht wurde. Es ist meiner Ansicht nach der nächste konsequente Schritt auf dem Weg zu einer familienfreundlicheren Gesellschaft und Arbeitswelt, die Wochenarbeitszeit zu reduzieren. Der Vorschlag einer 32-Stunden-Woche für junge Eltern wäre es wert gewesen, länger diskutiert zu werden.

Groll: Aber warum sollte so eine Wochenarbeitszeitreduzierung nur für junge Eltern gelten? Was ist mit Personen, die pflegebedürftige Angehörige haben? Oder Menschen, die einfach weniger arbeiten möchten?

Baisch: Da stimme ich Ihnen zu. Es lohnt sich, über neue Arbeitszeitmodelle nachzudenken. Wir werden immer älter und bleiben auch lange gesund. Damit haben wir mehr Lebenszeit zur Verfügung, in der wir auch arbeiten können. Das gibt Spielraum, die Zeiträume, in denen man eine Familie gründet und die Kinder großzieht und in denen man sich im Job entfaltet, mehr zu entzerren.

Der Erfolgsdruck auf Männer in Führungspositionen ist zu groß

Familie-Kind-Karriere-KonfliktGroll: Der britische Soziologe Richard Sennett hat vorgeschlagen, europaweit die Arbeit einfach umzuverteilen. So könnten Mütter mehr und Väter etwas weniger arbeiten, außerdem könnte Arbeitslosigkeit abgebaut werden und die Berufstätigen wären weniger gestresst.

Baisch: Ich glaube nicht, dass diese Theorie in der Praxis so einfach umzusetzen ist. Wo ich hingegen zustimmen würde, ist die Umverteilung innerhalb eines Unternehmens. Es gibt viele Frauen, die in einer klassischen 50-Prozent-Teilzeitstelle arbeiten und sich eine höhere Wochenarbeitszeit wünschen, die aber nicht Vollzeit arbeiten möchten. Ebenso gibt es viele in Vollzeit arbeitende Väter, die gerne etwas reduzieren möchten. Im Schnitt wünschen sich die Männer eine 34-Stunden-Woche, Frauen eine 26-Stunden-Woche. Da, wo es möglich ist, sollten Unternehmen mehr Mut für neue Konzepte haben.

Groll: Kritiker sagen, Job-Sharing und Doppelspitzen führen zu starken Reibungsverlusten.

Baisch: Das ist oft nur ein vorgeschobenes Argument. Probleme sind bei der Umsetzung natürlich programmiert, wenn geteilte Führungspositionen eigentlich nicht erwünscht sind. Es gibt viele Beispiele, wo es gut klappt. Bei der Firma Bosch etwa hat man sich im Top-Management zur Familienfreundlichkeit bekannt und unter anderem auch Führungspositionen in Teilzeit angeboten. Und wissen Sie was? Besonders die Männer sind auf den Geschmack gekommen: 70 Prozent der Führungskräfte haben ihre reduzierte Arbeitszeit beibehalten. Generell sollte man Eltern jedoch nicht Teilzeit oder Vollzeit vorschreiben. Wir haben noch keine Leitbilder, sodass Paare frei sind, selbst zu bestimmen, wie sie leben möchten.

Groll: Es gibt aber Studien, in denen sich eine deutliche Mehrheit für ein eher traditionelles Rollenbild ausspricht.

Baisch: Es stimmt, dass weniger als zehn Prozent der Eltern eine Aufteilung wollen, in der beide Vollzeit arbeiten, solange die Kinder klein sind. Die meisten favorisieren ein Modell, in dem einer - meistens der Mann - Vollzeit arbeitet und der andere in Teilzeit. Die Politik müsste die Leitbilder in einer entsprechenden Kommunikationskampagne verändern. Zum Beispiel einer Kampagne speziell für Führungskräfte.

Groll: Glauben Sie, dass Werbung wirklich etwas ändert?

Baisch: Hierdurch werden in den Köpfen der Menschen neue Rollenbilder kreiert. Das ist ein erster Schritt, um substanziell die Struktur zu verändern. Ich weiß aus vielen vertraulichen Gesprächen, dass nicht viele Männer sich insgeheim vorstellen können, zu Hause zu bleiben, während die Frau das Geld verdient. Doch der Erfolgsdruck, insbesondere auf Männer in Führungspositionen, ist zu groß. Da können sich die Familien einen Rollentausch auch oft nicht leisten. Solange Frauen die schlechter bezahlten Berufe anwählen und solange sie auch schlechter bezahlt werden, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sich die Rollenaufteilung ändern wird.

Groll: Unzählige Programme sollen seit Jahren Frauen bei der Karriere fördern. Hat das nichts verändert?

Baisch: Ein wenig, ja. Allerdings sind dabei die Männer vergessen worden. Sobald man die Themen Frauenquote und Frauenkarriere, aber auch Familienzeit für Väter miteinander verbindet, und zwar politisch gesehen von höchster Stelle, könnte sich unsere Gesellschaft wirklich verändern. Werden nur die Frauen gefördert, gibt es einen Rollback der Männer. Der Widerstand gegen die Frauenquote ist auch deshalb so groß, weil sich viele Männer diskriminiert fühlen. Rein faktisch betrachtet, entstehen den Männern keine realen Nachteile. Aber eine Gruppe auszuschließen programmiert deren Widerstand vor. Will man die Verhältnisse politisch ändern, ist das kein kluges Vorgehen.

Groll: Glauben Sie, dass es mit der jungen Generation anders wird?

Baisch: Die Jüngeren setzen zumindest andere Prioritäten. Sie scheinen andere Visionen zu haben als die Älteren. Dennoch ist die Arbeitswelt geprägt durch patriarchale Strukturen. Ich denke, dass auch die junge Generation feststellen wird, dass viele Ideale in dieser Arbeitswelt so nicht zu leben sind. Bisher haben etwa ein Prozent der Generation Y eine Führungsposition übernommen, es wird sehr lange dauern, bis sich etwas ändert. Und dann muss man auch berücksichtigen, dass in der Regel diejenigen ganz nach oben aufsteigen, die sich dem System und seinen Regeln anpassen können. Das spricht nicht unbedingt dafür, dass es einen schnellen Wandel geben wird.

Groll: Aber es heißt doch immer, Unternehmen stellen sich auf die Wünsche der Jüngeren ein und bauen Familienfreundlichkeit aus.

Baisch: Im Moment scheinen viele Unternehmen eher eine Art Greenwashing mit den angeblichen Werten der jungen Generation zu betreiben, um sich auf diese Weise ein attraktives Arbeitgeberimage zu schaffen. In der Wirtschaft dominiert ja keine echte Vertrauenskultur, sondern nach wie vor Top-Down-Hierarchien mit viel Kontrolle. In den Chefetagen sitzt die Generation der heute 50- und 60-Jährigen, die ihre Väter in der traditionellen Männerrolle erlebt haben. Viele von ihnen haben in der Kindheit in Schule, Erziehung und Ausbildung vor allem Misstrauen, Kontrolle und Hierarchie erlebt. Entsprechend hat dies ihren Führungsstil geprägt. Und man darf nicht vergessen, dass diese Entscheider vor allem ihresgleichen fördern. Das erklärt auch, warum es Frauen so schwer beim Aufstieg haben. Menschen in Machtpositionen sorgen dafür, dass das System der Macht so bleibt, wie sie es kennen.

Groll: In den skandinavischen Ländern geht es anders.

Baisch: Ich bin davon überzeugt, dass das auch bei uns klappen könnte. Auch in Finnland hat sich der Wandel erst langsam vollzogen. Ich glaube, am wirkungsvollsten für den Wandel in Unternehmen sind Beispiele im Mittelmanagement, aber natürlich muss der Wille dazu auch von ganz oben kommen. Wenn der Personalvorstand die männlichen Mitarbeiter auffordert, doch Elternzeit zu nehmen, dann ist das ein sehr wichtiges Signal. Führungskräfte müssen andere Führungskräfte unterstützen.

Groll: Klingt nach einem umfangreichen Personalprogramm. Wie sollen Unternehmen das leisten?

Baisch: Es braucht keine großen Programme. Es reicht, wenn es für Väter in der Firma beispielsweise Vorträge von anderen Vätern gibt, die von ihren Erfahrungen aus der Elternzeit berichten. Unternehmen können Multiplikatoren identifizieren, die Lust haben, sich an so einem Projekt zu beteiligen.

Groll: Wie könnte ein neues Väter-Leitbild aussehen?

Baisch: Unsere Studien zeigen, dass die Ernährerrolle für die modernen Väter immer noch wichtig ist, aber das Bild vielfältiger und komplexer wird. Sie wollen fürsorgliche, liebevolle Väter sein, die nicht allein der Partnerin die Erziehung überlassen, die aktiv Zeit mit ihren Kindern verbringen und diese gestalten wollen. Darum lassen sie sich stärker von inneren Bedürfnissen leiten als noch ihre Vätergeneration. Die Väter von heute wollen selbstbestimmt Vater sein. Viele fühlen sich aber fremdbestimmt.

Groll: Was raten Sie Männern, die gerne mehr Verantwortung in der Familie übernehmen wollen?

Baisch: Sich einen Plan zu machen. Dazu zählen Antworten auf Fragen wie diese: Was will ich, was will meine Frau - und was ist gut für unser Kind oder unsere Kinder?

Groll: Was wünschen Sie sich für Ihre Töchter?

Baisch: Dass sie eine gleichberechtigte Partnerschaft führen können und dass sie dann Partner haben, die das auch so wollen und sie unterstützen. Wichtig ist schon heute, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als ein Thema von Männern und Frauen begriffen wird.

Groll: Herr Baisch, Danke für das Gespräch.

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