Es gibt da diese Untugend: Eitelkeit. Sie gilt gemeinhin als privates Laster und kirchlich sogar als Todsünde. Bei den Katholiken jedenfalls. Trotzdem findet man die Eitelkeit überall. Sie hält sich offenbar hartnäckig, die Vanitas.
Wer eitel ist, der will besser dastehen als er ist. Vor allem schöner aussehen. Aber auch sonst hat der Eitle viel mit dem Narziss gemein. Beiden haftet deshalb der Hautgout des betrügerischen Mehr-Schein-Als-Sein-Antriebs an. Man könnte auch sagen, der Eitle will vor allem von anderen bewundert werden – und zwar wegen Talenten, die er an sich gerne sähe und auf die er besonders stolz ist: körperliche Attraktivität zum Beispiel. Aber auch Durchsetzungsstärke, Redegewandtheit, Bildung, das neue Auto, die schmucke Villa, den Doktortitel.
Der Schweizer Professor für Neue Politische Ökonomie, Guy Kirsch, hat dazu eine interessante These aufgestellt. Er sagt: Der eitle Mensch will, im Gegensatz zum stolzen Menschen, auch für Eigenschaften oder Attribute bewundert werden, die er gar nicht hat. „Der Stolze möchte bewundert werden, etwa weil er ein Buch geschrieben hat; der Eitle erwartet die Bewunderung seiner Mitmenschen, weil ein Buch veröffentlicht worden ist, auf dessen Einband sein Name prangt, das aber in Tat und Wahrheit ein namenloser Skribent produziert hat“, sagt Kirsch. Man könnte auch sagen: Der Eitle scheut auch vor Betrug nicht zurück. Er ist nichts weiter als ein Schaumschläger.
Ich finde diese Unterscheidung bedenkenswert. Stolz, so dachte ich bisher, sei eine der gefährlichsten Untugenden. Einerseits treibt er die Menschen an, das Beste aus sich herauszuholen. Er belohnt sie ebenso, wie er sie beflügelt. Im Ehrgeiz steckt immer auch eine gute Portion Stolz. Ebenso verführt er zu Hochmut, zu Arroganz und Herrschsucht. Zuviel Stolz tut dem Menschen nicht gut. Erst katapultierte er ihn aus dem Paradies, dann zettelte er manche Kriege an.
Man kann aber auch feinsinnig unterscheiden, zwischen dem Stolz auf Erreichtes, gegen den es überhaupt nichts einzuwenden gibt, solange er nicht zur Manie wird – und der zerstörerischen Kraft der Eitelkeit.
Gleichwohl lässt sich nicht verhehlen, dass auch die Eitelkeit ihre positiven Seiten hat – gesellschaftliche und ökonomische insbesondere. Ganze Industriezweige leben von ihr. Angefangen bei der Kosmetikbranche, über die Schönheitschirurgie bishin zur Bekleidungsindustrie oder der Autoindustrie. Ein Porsche, und sei er nur gemietet, mag einen zwar auch nur von A nach B bringen. Die Anziehungskraft seines Fahrers auf das andere Geschlecht aber steigert er zuweilen ungemein.
Das sieht Kirsch etwas anders. Er ist überzeugt, dass die „Techniken der Vor- und Verstellung immer raffinierter werden, und die Testmethoden zur Enttarnung der Eitlen immer ausgefeilter“, sodass ein unheiliger, Ressourcen und Wohlfahrt raubender Rüstungswettlauf entsteht. Mir scheint es jedoch eher das Paradox der Eitelkeit zu sein, individuell zwar eine Unart zu bleiben, gesellschaftlich jedoch durchaus Mehrwert schaffende Triebkräfte zu entwickeln. Applausheischerei hin, Schaumschlägerei her.



M
Auch für diesen Beitrag: Danke :-) Immer wieder schön hier zu lesen.
Nur ist “Stolz” wirklich eine Untugend?
Was wäre wenn die Menschheit keinen Stolz besäße?
Michael (Eifelpfeil) Kieweg
Stolz ist wichtig!!
Aber es muss ein berechtigter Stolz sein und der ist für mich individuell und immer mit eigener Leistung verknüpft.
Mein Negativbeispiel sind immer diese unsäglichen Boulevardschlagzeilen alà “Wir sind Papst” oder halt Weltmeister oder was weiß ich was.
Wir sind garnix! Joseph Kardinal Ratzinger ist Papst und niemand sonst. Die Spieler und vielleicht noch die Betreuer irgendeiner Equipe sind XYmeister geworden und nicht der Couchpotatoe, der mit Bier in der Faust vor der Glotze gehangen hat.
Alles was nicht an die eigene Leistung geknüpft ist, ist für mich Prahlerei.
ich kann auch nicht Stolz darauf sein, daß mein Kind irgendetwas erreicht hat, denn damit habe ich ja nur maximal mittelbar zu tun. Ich bin höchstens stolz darauf, daß ich ihm die Möglichkeiten dazu bieten konnte.
Genutzt hat mein Sohn sie schließlich selber und geackert hat er auch selber. Also kann er stolz auf seine Leistung sein!
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