6 von Jochen Mai am 20. Juli 2009 → Artikel in Büro

Vitamin B – Und, wie viel sind Ihre Freunde so wert?

Seilschaft

Jetzt mal ehrlich: Waren Sie in der Schule beliebt? Hatten Sie viele Freunde? Oder waren Sie eher ein Eigenbrödler und saßen beim Auswählen der Völkerballmannschaft immer bis zum Schluss auf der Bank? Besser, Sie waren beliebt und hatten viele Freunde. Denn eine Langzeitstudie zeigt: Wer als Schüler beliebt war, verdient hinterher mehr. Wirklich wahr. Rund 35 Jahre wurden dazu die Lebensläufe von 10.000 US-Studenten verfolgt. Und tatsächlich: Wer in der Schule die meisten Freunde hatte, verdiente später am meisten. Das Forscherteam des Instituts für soziale und ökonomische Forschung der Universität von Essex resümierte im vergangenen Februar dazu: Jeder zusätzliche Freund schlägt sich Jahre später in zwei Prozent mehr Gehalt nieder. Na, rechnen Sie gerade nach?

Also: Wie viel sind Ihre Freunde wert? Zugegeben, die Frage ist provokant und klingt so gar nicht nach guten Freundschaften, die freilich ideeller und nicht materieller Natur sein sollten. Trotzdem ist die Frage legitim, vielleicht sogar geboten – erst recht in diesen Tagen. Denn spätestens mit der Krise erleben die sozialen Netzwerke im Internet enormen Zulauf. Und mit ihnen hat sich auch der Freundschaftsbegriff selbst gewandelt. „Freund“ – so heißt heute doch jeder, mit dem man irgendwie virtuell verbunden ist. Und sei es nur über sechs Ecken.

Mein Kollege Daniel Rettig ist dieser Frage nach dem Wert von (virtuellen) Freundschaften in der aktuellen WirtschaftsWoche nachgegangen und hat dazu einige interessante Studien ausgegraben, wie wir von unseren sozialen Kontakten profitieren (können). Etwa:

  • Durch höhere Jobchancen: Roberto Fernandez und Nancy Weinberg vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) analysierten vor einigen Jahren den Bewerbungsprozess einer Bank für 326 Stellen. Wer vor seiner Bewerbung nicht von einem Angestellten empfohlen wurde, hatte eine Chance von mageren sechs Prozent, die Stelle zu bekommen. Mit Referenz betrug die Erfolgsaussicht dagegen 30 Prozent.
  • Durch bessere Arbeit: Der US-Managementprofessor Emilio Castilla, ebenfalls vom MIT, untersuchte den Einstellungsprozess in einem Callcenter. Sein Fazit: Wer von einem Angestellten empfohlen wurde, hatte nicht nur bessere Chancen, das Einführungstraining zu überstehen – er arbeitete anschließend auch produktiver.
  • Durch höheres Gehalt: Joseph Engelberg, Assistenzprofessor an der Kenan-Flagler Business School der Universität von North Carolina, verglich in einer Studie vom vergangenen Mai die Gehälter von knapp 2700 Vorstandsvorsitzenden in den Jahren 2000 bis 2007. Dafür griff er auf eine Datenbank zu, die alle aktuellen oder vergangenen beruflichen Beziehungen der Top-Manager auflistete – besuchte Universitäten, bevorzugte Wohltätigkeitsorganisationen, besetzte Aufsichtsratposten. Ergebnis: Im Durchschnitt steigerte ein zusätzlicher Kontakt außerhalb der Firma das Gehalt eines CEO um über 17.000 Dollar. Mehr noch: Es besteht sogar ein Zusammenhang zwischen der Anzahl der Online-Kontakte und dem Einkommen. So fand etwa die US-Marktforschung Anderson Analytics im November 2008 heraus: Wer ein Jahresgehalt zwischen 200.000 und 350.000 Dollar bezieht, hat bei Linkedin mit einer sieben Mal höheren Wahrscheinlichkeit über 150 Kontakte.

„What’s A Friend Worth?“, lautete Anfang Juni auch die Titelgeschichte des US-Wirtschaftsmagazins Business Week. Darin ging der Autor Stephen Baker vor allem der Frage nach, wie Unternehmen inzwischen unsere Online-Kontakte finanziell ausschlachten: „Digitale Freundschaften sprechen Bände über unsere Eigenschaften als Konsumenten und Arbeiter“, schrieb Baker, „und die Entschlüsselung dieser Daten verspricht profitable Erkenntnisse.“ Entsprechend wichtig sei es für die Unternehmen, gezielt Personen anzusprechen, die dann in ihrem Freundeskreis für Produkte werben. Auch Personalabteilungen verlassen sich mittlerweile auf die Kraft der Kontakte.

So und jetzt noch mal zur Ausgangsfrage: Wie proftieren Sie von Ihren Kontakten?

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1. Kommentar

Kai Thrun
20.07.09 um 11:38 Uhr

Eine Hand wäscht bekanntlich die Andere. Ein Wettbewerbsvorteil den man in Geld selten aufwiegen kann :-)

2. Kommentar

Daniel Rettig
20.07.09 um 12:13 Uhr

Aber genau darum geht es in dem Text ja – um das “in Geld aufwiegen”. Wie Jochen schon schrieb: Durchaus “provokant”, für manchen vielleicht sogar verstörend – in der Krise aber nicht zu unterschätzen.

3. Kommentar

Marco Ripanti
20.07.09 um 12:40 Uhr

Wird hier das Wort Freund gleichgesetzt mit der Bezeichnung Kontakt ?

Was in der Schule vielleicht noch wirkliche Freunde waren, sind heute die willkürlichen Kontakte die man sammelt und darauf zugreift wenn man sie mal nötig hat.

Mit Freunden gehe ich ins Kino und setze mich an den Grill. Gut das durch den Artikel vielleicht mal deutlich gemacht wird, dass man das Wort Freund nicht einfach so verpauschalisieren sollte.

Marco

4. Kommentar

Sebastian
20.07.09 um 14:27 Uhr

Diesen Eindruck macht der Beitrag für mich auch, so wie es dort steht sind “Freunde” schon die Menschen die man Morgens zufällig beim Bäcker um die Ecke trifft.

Aber wie Marco schreibt sollte man seinen Freunden doch eine andere Bedeutung zumessen als gelegentliche Treffen oder Kontakte auf reiner webbasierten Ebene.

5. Kommentar

Jochen Mai
20.07.09 um 23:05 Uhr

Nein, da gibt es einen Unterschied: Die Leuite, die man morgens beim Bäcker sieht, tauchen nicht im eigenen Online-Profil als “Kontakte” oder “Freunde” auf. Bei Facebook, Xing, Twitter & co. tun sie es aber. Und wie ich schon hier im Blog geschrieben habe, ist es für das Image durchaus relevant, wen man online seinen “Freund” nennt.

Umgekehrt ist es aber so, dass es im Job vor allem die losen Kontakte sind, die das berühmte Vitamin B erzeugen. Also nicht die wahren Freunde, sondern die Freunde der Freunde der Freunde meiner Freunde. Was – nebenbei bemerkt – nicht einmal ausschließt, dass daraus nicht auch noch echte Freundschaften entstehen. Damit entsteht doch erst recht die Frage danach, was solche Online-Bekanntschaften wert sind.

Interessanter finde ich jetzt aber, dass zwar viel über wahre und ideelle Freunde kommentiert wird, sich aber anscheinend keiner traut, der eigentlichen Frage zu stellen. Warum nicht? Weil das moralisch so verwerflich klingt? Aber wäre das nicht Selbstbetrug? Warum sollte man sonst Mitglied in diversen Social Networks sein und dort mehr als 15 Kontakte pflegen, wenn man sich davon nicht doch irgendwelche Vorteile verspricht?!

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