Ein Gastbeitrag von Michael Moesslang
Wohl jeder kennt sie: Präsentationen, die zum Gähnen langweilig sind, weil der Versuch reiner Informationsmitteilung misslingt. Die Folge: Die Teilnehmer hören nicht zu, lesen Mails oder unterhalten sich untereinander. Kurzum: Dem Vortrag fehlt die Dramaturgie. Michael Moesslang, Vortragsredner und Präsentations-Coach hat sich auf die Suche gemacht, wie Präsentationen spannender werden – und ist bei Altmeister Alfred Hitchcock fündig geworden. Die nämlich leben nicht von aufwändigen Special Effets, sondern von echter Dramaturgie. Hier Auszüge aus Moesslangs neuem Buch: So würde Hitchcock präsentieren.
Die Kunst, einen Spannungsbogen zu erzeugen
In einigen Quellen wird die Dramaturgie einer Präsentation mit Struktur oder Gliederung gleichgesetzt. Legt man die ursprüngliche Bedeutung des griechischen Wortes δςαμα [dráma] zugrunde, mag dies nachvollziehbar sein, denn es bedeutet schlicht Handlung.
Aber bedeutet deshalb schon eine chronologische Auflistung oder die Tatsache, dass ein Vortrag aus Einleitung, Hauptteil und Schluss besteht, dass der Vortrag zur Handlung oder gar dramatisch wird?
Nein. Eine Handlung erzählt eine Geschichte. Dramaturgie meint tatsächlich mehr als nur Handlung. Es wird entweder als Kompositionsprinzip verstanden. Oder weit häufiger als das Erzeugen eines Spannungsbogens. Ob Musik, Film, Theater oder ein (Computer-) Spiel – ohne Dramaturgie kein Erfolg. Und bei einer Präsentation? Es mag sie geben, die erfolgreichen Präsentationen ohne Dramaturgie, ohne Handlung, ohne Spannung. Die Regel aber sind sie nicht. Sobald ein gewisser Handlungsstrang, der Ansatz eines Spannungsbogens oder kleinste Spannungsmomente zu erkennen sind, wirkt sich das positiv aus. Die Teilnehmer bleiben aufmerksam und aktiv.
Ein Spannungsbogen ist eine der wichtigsten Zutaten für eine gute Handlung oder eine erfolgreiche Präsentation. Idealerweise wird er vom ersten Moment an kontinuierlich aufgebaut und findet seinen Höhepunkt mit den letzten Worten.
Ein Schluss darf auch nicht unnötig in die Länge gezogen werden, wenn schon alles gesagt ist. Halten Sie Ihre Präsentation stets klar und straff, achten Sie auf die jeweils angemessene Spannung, und die Aufmerksamkeit Ihrer Zuhörer ist Ihnen sicher – bis zum Schluss!
Doch wie bekommen Sie Spannung in eine Präsentation, bei der es um langweilige Zahlen oder um den Projektstatus geht?
Hitchcock gibt uns da eine Menge Anregungen, die vom Spannungsbogen der gesamten Präsentation bis zu Spannungsmomenten im Sekundenbereich reichen. Und das Praktische daran ist: All seine Methoden sind auf Vorträge anwendbar. Natürlich brauchen Sie dazu ein wenig Kreativität und Geschick. Und…
Die Plot-Point-Methode
Die Basis jeder Dramaturgie ist die Plot-Point-Methode. Diese basiert darauf, dass eine Geschichte zunächst gut anfängt, nach etwa einem Viertel der Geschichte folgt ein erster Wendepunkt – auch Plot Point genannt. Durch diese Wendung entsteht ein Konflikt, der einen guten Ausgang zunächst unmöglich macht.
Nach rund drei Viertel der Story folgt nun der zweite Plot Point und markiert eine Wendung, die es dem Protagonisten ermöglicht, die Handlung doch noch zum Guten hin zu wenden. Meist ist das ein Impuls von außen, der dem Helden entweder eine fehlende Information oder Fähigkeit gibt.
Danach steuert die Geschichte auf den Höhepunkt kurz vor Schluss zu. Nur wenn noch Punkte offen sind, beispielsweise dazugehörige Nebenhandlungsstränge, werden diese nach dem Höhepunkt noch gelöst. Danach ist die Geschichte (oder der Film) zu Ende.
In sieben Schritten zur Dramaturgie
Jede Liebesgeschichte, jeder Krimi, jedes Fantasy Abenteuer ist nach dieser Plot-Point-Methode aufgebaut, die meisten sogar sehr genau nach diesem Plan. Wenn es in Geschichten und bei Filmen funktioniert, warum also nicht auch bei Präsentationen? Falls Sie es selbst ausprobieren wollen, gehen Sie dabei idealerweise nach diesem einfachen 7-Schritte-Schema vor:
- Wecken Sie Neugier. Was ist Ihr Highlight der Präsentation, die spannendste Aussage? Die Lösung des Problems? Das Produkt? Auf was wollen Sie hinarbeiten? Wenn Sie im Vorfeld mit dem Kunden bereits über Ihr neue Technologie, nennen wir sie „Exatio 11x“, gesprochen haben, erwähnen Sie den Namen in der Präsentation trotzdem nicht, bis zum Höhepunkt. Sprechen Sie so lange wie möglich anonym über die „neue Technologie“ oder die „Lösung“. Das ist wie bei einer Anmoderation: Wenn beispielsweise Thomas Gottschalk die Skorpions anmoderiert, spricht er nur von „der Band, die Sie nun gleich sehen werden“ oder von „sie“. Der Name fällt als allerletztes, in dem Moment, in dem die Kamera umschwenkt und die Skorpions zu spielen beginnen.
- Definieren Sie den Konflikt. Dieser wird durch den ersten Wendepunkt eingeführt beziehungsweise entsteht dadurch erst. Der Konflikt ist das Problem, das Anlass für Ihre Präsentation war: Warum hat der Kunde Sie beauftragt? Was fehlt dem Kunden? Definieren Sie den Konflikt genau, egal, ob dieser dem Kunden schon bewusst ist oder Sie ihn ihm erst so richtig klar machen müssen. Durch den Konflikt wird auch klar, wer oder was der Gegner ist. Gegner kann auch eine Gesetzesänderung oder ein Konkurrenzprodukt sein.
- Setzen Sie den Rahmen. Beim sogenannten Setting legen Sie fest, was die Teilnehmer alles wissen müssen, um die Handlung und den Konflikt zu verstehen. Bei einem Film ist das die Einführung der relevanten Personen, des Umfeldes und der Vorgeschichte. Das geschieht manchmal durch Kleinigkeiten. So hat Hitchcock beispielsweise in Bei Anruf Mord, der weitgehend in einem Wohnzimmer spielt, in der ersten Einstellung das Haus nur kurz von außen gezeigt. Auf dem Gehweg geht ein Bobby vorbei. So war klar, dass die Geschichte in London spielt.
- Machen Sie es spannend. Der Mittelteil zwischen den beiden Plot Points zeichnet sich dadurch aus, dass der Protagonist immer wieder versucht, die Handlung zum Guten zu wenden, was ihm meist misslingt. Der Protagonist oder Held kann dabei „Exation 11x“ sein, der Kunde, Sie oder Ihr Team. Die Handlung scheint sich also immer wieder auf die Lösung hin zu bewegen, doch entweder scheitert der Held kurz vorher oder es tritt unmittelbar nach einer scheinbaren Lösung eine neue Herausforderung auf. Doch letztlich ist alles, was in dieser Zeit passiert, für die Lösung wichtig.
- Entwickeln Sie eine plötzliche Lösung. Ein Held, insbesondere wenn Sie selbst oder Ihr Team der Held sind, würde wie ein Angeber wirken, wenn er plötzlich einfach so die Wende schafft. Oder wie ein Trottel, wenn sich der Zuhörer fragt, warum er die Lösung nicht schon früher herbeigeführt hat. Deshalb ist es in der Regel ein Impuls von außen, der ihm die Heldentat erst ermöglicht. Jemand oder etwas ermöglicht es ihm, die Wendung herbeizuführen. Das kann durch ein neues Wissen, durch eine neue Fähigkeit oder irgendetwas anderes sein.
- Geben Sie dem Kind einen Namen. Ab dem zweiten Plot Point steuert nun die Handlung direkt auf den Höhepunkt zu. „Exatio 11x“ wird nun endlich präsentiert. Der Konflikt damit gelöst.
- Klären Sie noch Details. Was kostet das? Was muss der Kunde tun, um es zu erwerben? Wer erhält nun welche Aufgaben? Kurzum: Beantworten Sie nun noch alle Fragen, die geklärt werden müssen, nachdem Ihr Publikum begeistert wurde.
Präsentationen ohne Löcher und Flecken
Der unsichtbare Dritte, nominiert für fünf Oscars, gilt bei Filmschaffenden und Kritikern als der perfekteste Hitchcock-Film. Es gibt mehrere ineinander verwobene Handlungsstränge und die jeweils dazugehörigen Plot Points. Unter anderem die Liebesgeschichte, die zunächst erotisch knisternd beginnt und deren erster Wendepunkt die Erkenntnis ist, dass Eve Kendall offensichtlich die Geliebte des Anführers der Kidnapper ist und Thornhill in einen Hinterhalt lockt. Beim zweiten Plot Point stellt sich aber heraus, dass Eve zur CIA gehört und den Anführer bespitzelt. Damit sind wieder alle Wege für die Liebe offen und das Happy End ist gesichert.
Hitchcock war ein Meister darin, einzelne Handlungsstränge so ineinander zu verflechten, dass sie alle miteinander zu tun hatten und kein Detail für die Lösung der Haupthandlung überflüssig war. Überflüssiges war dem Regisseur vollkommen zuwider.
Spannungsbögen wurden von Hitchcock bis ins letzte Detail ausgearbeitet. Neben seinem berühmten Titel »Master of Suspense« besaß er einen weiteren, nämlich den des »besten Technikers der Welt«, bezogen auf das Kreieren von Filmen. Denn Hitchcock überließ nichts dem Zufall, achtete auf das kleinste Detail – auch im Hintergrund oder beim Licht. Wo andere Filme durch besondere Augenblicke, besondere Suspense-Szenen im Gedächtnis bleiben, stellte Hitchcock an sich selbst den Anspruch, dass jede einzelne Szene seiner Filme diesen Wert und diese Qualität besitzen müsse. Er sagte von sich selbst, dass er Filme »ohne Löcher und Flecken« drehen wollte.
Was für ein Anspruch!
Aber der Erfolg gab ihm Recht. Wie also wäre es, wenn auch Präsentationen ohne Löcher und Flecken wären? Wenn das kleinste Detail den Ansprüchen Hitchcocks genügte? Sicher, der Aufwand eines Kinofilms wird bei einer Präsentation nicht betrieben werden können. Die Ansprüche dürfen ruhig etwas niedriger liegen. Die Richtung ist aber dennoch dieselbe: Setzen Sie auf Details und Dramaturgie! Sie bestimmen die Qualität Ihrer Präsentation.
Michael Moesslang ist Dozent an der BAW und Hochschule München, Coach und Autor. In seine Vorträge und Seminare zu den Themen Präsentation und Rhetorik bezieht er regelmäßig aktuelle Erkenntnisse aus Psychologie und Verhaltenswissenschaften ein. Seine Überzeugung ist, dass jeder einzelne durch seine persönliche Wirkung zum positiven Botschafter für sein Unternehmen werden kann.






Lars Hahn
Dramaturgie und Spannungsbogen à la Hitchcock. Vielen Dank für die Inspiration! Werde ich grad in mein aktuelles Projekt einfließen lassen. Auf dass die Leute nicht auf den Stühlen erstarren…
Lars Hahn
Tanja Handl
Köstlich. :) Solange die Präsentation ohne Mord abläuft, kann ich dieser Methode sehr viel abgewinnen.
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