Ein Gastbeitrag von Karin Intveen

Es gibt viele Tipps und Tricks gegen einen drohenden Blackout. Es gibt Tipps, die einem verraten wie man vor und während einer Präsentation dieses „Gespenst“ auf Abstand hält und den Tunnelblick verhindert. Dann gibt es Tipps, wie man ein Vorstellungsgespräch möglichst heil übersteht oder in der Prüfung einen klaren Kopf behält. Oder einem brüllenden Chef mit möglichst viel Gelassenheit begegnet. Abends vom sicheren Sofa bei einem leckeren Glas Wein aus betrachtet, sind diese Tipps und Tricks Klasse, durchweg hilfreich und funktionieren prima. Aber…

All die rein kognitiven Tipps und Tricks haben einen kleinen, nicht zu unterschätzenden Haken: das menschliche Gehirn versagt seinem Besitzer unter Stress schnell und vor allem nachhaltig den sonst so gewohnten Dienst. Und so kann es passieren, dass die vorher so fleißig geübten Visualisierungs- oder Ankertechniken einem erst wieder einfallen, wenn man mit der Schamesröte im Gesicht wieder auf dem Flur steht.

Nur dann ist es eben leider zu spät.

Verlassen Sie sich lieber auf Ihre Zehen!

Ich verlasse mich in solchen Momenten lieber auf das, was ich eh dabei habe: meine Zehen.

Die Zehen??? Ja, richtig gelesen. Ihre beiden dicken Zehen können Sie nie vergessen und sie versagen auch bei Stress nicht. Und sie haben noch einen weiteren entscheidenden Vorteil: Sie sind am weitesten von Ihrem Gehirn entfernt.

Das war bestimmt noch zu kryptisch. Lassen Sie mich Ihnen das etwas ausführlicher erklären: Stress lässt alles in uns nach oben schießen, schließlich sitzen die meisten unserer Wahrnehmungskanäle „oben“. Und die sind dank eines körpereignen Chemiecocktails im Krisenfall blitzschnell hellwach und hoch aktiv.

Was damals beim drohenden Angriff eines Säbelzahntigers durchweg Sinn hatte, entpuppt sich während einer Prüfung, bei der Bewerbung oder im Aufzug mit dem Chef jedoch als tückische Falle. Denn dieser Chemiecocktail hilft zwar optimal beim Überleben, für klares Denken ist er aber pures Gift. Endstation Tunnelblick. Vollblockade. Stimmhaft: äh…

Und genau an der Stelle, also wenn der Kopf rauscht, kommen die Zehen ins Spiel.

Um sie bewusst und aktiv bewegen zu können, muss das Gehirn etwas von seiner im Stress geblockten Energie abzweigen. Das funktioniert aber nur, wenn Sie bewusst mit den Zehen wackeln.

Viele Menschen machen instinktiv bei Stress das Richtige: Sie wackeln und wippeln mit den Füßen. Nur leider unbewusst – und daher verpufft die gute Wirkung. Dieses teilweise hektische und zugegebenermaßen nervige, unkoordinierte Gezappel aktiviert die eh schon überaktiven Nerven nur zusätzlich. Machen Sie das aber ganz bewusst, tritt sofort Ruhe in der Oberstube ein.

Glauben Sie nicht? Dann probieren Sie es gleich hier und jetzt einmal aus: Während Sie jetzt weiterlesen, bewegen Sie bitte zwei bis drei Mal bewusst und langsam Ihre Zehen! Beobachten Sie dabei genau, wie Ihr restlicher Körper darauf reagiert. Sie werden zwar nicht schlagartig in die Tiefenentspannung gleiten, aber lassen Sie sich überraschen, wie zum Beispiel Ihr Bauch oder Ihre Atmung darauf reagieren…

Keiner merkt’s: unsichtbar entspannen

Ihr Körper hat allerdings seine bewährten Stressmuster, und die sind durch ein paar Mal bewusstes Zehenwackeln noch nicht automatisch hinfällig. Daher lautet meine Empfehlung: Wann immer Sie merken, dass in Ihrem Kopf die Gedanken routieren; wann immer Sie Stress haben; wann immer Sie das Gefühl von Zuviel haben – atmen Sie tief durch und bewegen Sie bewusst, langsam und kraftvoll Ihre Zehen! Und dann achten Sie die nächsten Atemzüge auf die Wirkung.

Was ich persönlich am Zehenwackeln so schätze, ist, dass ich es immer und überall machen kann. Und es fällt niemandem auf.

Außerdem ist es so wunderbar simpel, dass selbst ein im Stress blockiertes Gehirn hierzu immer einen Zugang findet. Was, wie gesagt bei rein kognitiven Tipps nicht so leicht geht: Hierfür muss das Gehirn nachdenken, sich erinnern, die Technik oder das innere Bild abrufen und damit etwas machen. Fürs Zehenwackeln braucht es nur den Befehl „Zehenwackeln!“, und schon geht Energie nach unten.

Durch die Bewegung löst sich gleichzeitig die – ebenfalls häufig unbewusste – stressbedingte Starre in den Muskeln. Wenn Sie also nach dem Zehenwackeln das Bedürfnis haben, sich anders hinzusetzen, geben Sie diesem Impuls nach. Tun Sie auch das bewusst und langsam und Sie werden merken, wie Ihr Tunnelblick sich wieder weitet und klarer wird und Ihr Gehirn wieder für Sie und nicht mehr gefühlt gegen Sie arbeitet.

Über die Autorin

Karin Intveen lebt und arbeitet im Fünf-Seen-Land bei München. Als Somatic-Coach verbindet sie die eher kognitiven Elemente des NLP und die systemische Arbeit mit den neuesten Erkenntnissen der Neurobiologie. Ihre Herzblutthemen sind Selbstregulierung, Entschleunigung und Burnout-Prophylaxe.