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10 von Jochen Mai am 9. Januar 2009 → Artikel in Psychologie
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Wahl der Qual – Das Abilene-Paradox

neinsagenEs ist schon seltsam: Regelmäßig lässt sich in Meetings beobachten, dass Menschen sich schwer damit tun, ihre Meinung zu äußern, wenn sie glauben in der Minderheit zu sein. Irgendwie sieht es so aus, als wären sich alle einig, also hält man (besser) die Klappe. Bloß nicht anecken! Bloß nicht negativ auffallen, als Abweichler und Querulant! Daran ist natürlich einiges Wahres. Minderheiten werden tatsächlich schon mal für ihre abweichende Meinung bestraft, mindestens mit bösen Blicken oder Kopfschütteln.

Darin liegt allerdings auch – und zwar gar nicht mal so selten – ein gewaltiger Denkfehler. Denn tatsächlich wissen wir ja erst, dass andere nicht zustimmen, wenn diese öffentlich nicht zustimmen. Oder in anderen Worten: Schweigen interpretieren wir als Zustimmung, mit dem Effekt, dass im Extrem alle schweigen und alle glauben jeder sei dafür, in Wahrheit aber alle das Gegenteil wollen. In Fachkreisen ist diese Phänomen auch als Abilene-Paradox bekannt. Es besagt, dass manche Entscheidungen nur so aussehen, als würden sie auf einem Konsens basieren. Tatsächlich aber sind sie auf falsche Wahrnehmungen zurückzuführen und führen deshalb zu einem Abstimmungsverhalten, das der ursprünglichen Absicht zuwiderläuft.

Entdeckt hat das Paradox Jerry Harvey, ein Professor an der George Washington Universität, im Jahre 1974 nach einer Reise mit seiner Frau und den Eltern in seine Heimatstadt Abilene (USA). Angetreten hatte er die Fahrt, weil jemand in der Familie diese vorschlug, in der Annahme, dass die anderen etwas Abwechslung bräuchten. Jeder willigte ein, weil alle glaubten, die jeweils anderen seien ebenfalls für die Reise. Nach der Rückkehr aber stellte sich heraus: Eigentlich wären alle lieber zu Hause geblieben:

“Here we were, four reasonably sensible people who, of our own volition, had just taken a 106-mile trip across a godforsaken desert in a furnace-like temperature through a cloud-like dust storm to eat unpalatable food at a hole-in-the-wall cafeteria in Abilene, when none of us had really wanted to go.”

Harvey übertrug diese Erkenntnis später auf typisches Missmanagement und Abstimmungsverhalten in Organisationen, insbesondere in Meetings. Jim Westphal, ein Kollege von Harvey an der Universität von Michigan konnte nachweisen, dass dieses Paradox durchaus auch auf höchster Management-Ebene, etwa in einem Direktoren-Board, vorherrscht. Dazu sammelte er Daten aus mehr als 228 Boards, Ergebnis: Ganz oft widersprechen die Manager einander und der einmal gewählten Strategie nicht, obwohl sie starke Zweifel an deren Richtigkeit haben. Die Folge ist klar: Die Unternehmen fallen im Wettbewerb zurück, machen Murks oder scheitern gar. Trotzdem halten die Manager selbst dann noch an ihrer Strategie fest, weil sie das von den anderen auch annehmen. dem Abilene-Paradox sei Dank. Beängstigend, nicht wahr?!



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1. Kommentar

Menachem
10.01.09 um 06:32 Uhr

Auch wenn ich das garnicht glauben will, aber bei mehr Nachdenken scheint da was dran zu sein. Die letzten politischen Diktaturen sind an den Ja-Sagern im höchsten Führungszirkel gescheitert, vielleicht war dieses Paradoxon auch Geburtshelfer bei der Bankenkrise, bei Merckle?

2. Kommentar

Robert
10.01.09 um 10:57 Uhr

Aber was ist der Ausweg. Wie schon richtig geschrieben wurde, wenn man den Mund aufmacht ist man oft der Bu-Mann. Ich hätte zwar prinzipiell nichts dagegen jedesmal zu widersprechen, aber auf dauer wird man so nur als Querulant wahr genommen. Ob das eine Kariere förderlich ist?

3. Kommentar

Jochen Mai
10.01.09 um 11:20 Uhr

@Menachem: Dass da was dran ist, zeigen ja schon die eigene Empirie und die Kommentare hier. Das heißt aber nicht, dass es immer so sein muss. Und ich tue mich schwer, über einzelne Fälle wie Merckle & Co. derart pauschal zu urteilen. Dazu kenne ich die Details zu wenig.

@Robert: Gute Frage. Die Alternative ist ja nur, seinen Mund aufzumachen. Ich denke, dabei sind dann zwei Dinge entscheidend: Erstens, dass man seine Bedenken gut begründet; zweitens, dass man den anderen eine Chance lässt, beim Zurückrudern das Gesicht zu wahren. Sprich: Wenn man die anderen bei aller Kritik aussehen lässt wie Idioten, werden Sie Bedenkenträger eher als Querulanten brandmarken. Das ist dann reiner Selbstschutz – auch wenn der nicht wirklich produktiv wirkt.

4. Kommentar

meistermochi
10.01.09 um 17:14 Uhr

und manchmal ist egal, was man macht. im marketing: ob hoch ober quer, ob blau ob grün: hauptsache es passiert was!

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