Sie kennen sicher den Flughafen von Palma de Mallorca? Ach, was frag ich: Wer kennt den nicht! Der Aeropuerto Internacional de Son Sant Joan wie er mit vollem Namen heißt (Code: PMI), liegt rund acht Kilometer außerhalb von Palma, der Hauptstadt der Insel, und ist der drittgrößte Flughafen Spaniens: Im Schnitt checken hier 23 Millionen Passagiere jährlich ein und aus. Dabei dürfte Ihnen vielleicht auch schon aufgefallen sein, dass es jedes Mal ein ziemlich langer Fußmarsch ist, von der gelandeten Maschine bis hin zu den Rollbändern wo die Koffer anlanden. Auf dem Weg dorthin vergehen locker fünf bis sieben Minuten. Zuerst dachte immer: Was für ein Konstruktionsfehler! Inzwischen denke ich: Wie genial!

Was zu dem Sinneswandel geführt hat? Ein kleiner Artikel in der New York Times. Er trägt die Überschrift: “Warum Warten in der Schlange Folter ist.”

Der Autor beginnt mit einer Geschichte über den Houston Airport in Texas. Früher gab es dort regelmäßig Probleme mit verärgerten Passagieren. Immer wieder beschwerten sich diese über zu lange Wartezeiten an den Kofferbändern. Als Reaktion darauf stellten die Flughafen-Manager mehr Bandarbeiter ein, die in kürzerer Zeit mehr Koffer auf die Rollbänder laden konnten. Der Plan schien zunächst auch zu funktionieren: Die durchschnittliche Wartezeit fiel auf acht Minuten. In der Branche ein echter Top-Wert. Damals. Die Beschwerden hörten aber trotzdem nicht auf.

Dann analysierten die Manager die Situation etwas gründlicher und fanden heraus: Die Passagiere brauchten ungefähr eine Minute, um von ihrem Ankunft-Gate zu der Gepäckausgabe zu wandern. Dort standen sie dann rund sieben Minuten rum, bis die Koffer endlich anrollten. Oder anders ausgedrückt: 88 Prozent ihrer Zeit standen die Kunden dumm rum.

Also entwickelten die Flughafen-Chefs einen anderen Plan: Statt die Wartezeit weiter zu reduzieren (was noch mehr Personalkosten bedeutet hätte), änderten sie den Standort der Gepäckausgabe. Statt zu dem zentralen Terminal wanderten die Koffer nun zu einem weiter außerhalb gelegenen Karussell. Jetzt mussten die Passagier im Schnitt gut sechs Minuten laufen, um vom Gate zur Gepäckausgabe zu gelangen.

Ergebnis: Die Zahl der Beschwerden tendiert seitdem gen Null.

Warten in Reih und Glied

Nun gibt es ein paar Dinge, die uns Menschen vom Tier unterscheiden: Texte schreiben und lesen zu können etwa. In Warteschlangen zu stehen aber auch. Kein Löwe würde sich je in eine Reihe stellen und warten, bis er einen Happen von der saftigen Antilope abbeißen darf. Und keine Amsel würde eine Nacht lang aufgereiht neben anderen Amseln auf einem Ast hocken, um am nächsten Morgen die besten Karten für das Nachtigall-Konzert zu ergattern. Tiere tun das nicht.

Menschen schon. Wir sind eben zivilisiert. Und warten. Hübsch hintereinander aufgereiht sehen wir unseren Füßen beim Anschwellen und etwaigen Schalterbeamten beim Abarbeiten zu. Soziologen nennen diese rühmliche Eigenschaft des Menschen übrigens die Fähigkeit zu kooperativem Verhalten.

Immerhin hat es die Evolution so weit gebracht, dass wir dabei neuerdings auch noch twittern können: „Bin jetzt Nummer 53… #Warteschlange.“ Danke, Darwin!

Im Russland früherer Tage gab es ein hübsches Sprichwort: „Wann immer du eine Schlange siehst, stell dich an – es könnte sich lohnen.“ Der opportune Amerikaner dagegen fragte sich derweil: Wie viel Lebenszeit habe ich schon in Warteschlangen vergeudet?“

Gute Frage. Gefühlt sind es jedenfalls irgendwas zwischen vierkommazweizehnhundert und trölfzillionen Jahren. Richard Larson, der wohl weltweit renommierteste Experte in Sachen Warteschlangen, hat einmal herausgefunden, dass die Wartezeit gefühlt viel schneller vergeht, wenn wir etwas zu tun haben (laufen zum Beispiel), statt wenn wir nur doof rumstehen. Als Probanden der letzteren Art einmal ihre tatsächliche Wartezeit schätzen sollten, überschätzten sie diese um stolze 36 Prozent.

Sind Warteschlangen wirklich sinnlos?

Die Wahrheit ist: Auch wenn uns die Krone der Schöpfung dazu befähigt – wir hassen das Warten. Es ist tatsächlich die reinste Folter. Warten ödet an, es ist unkomfortabel, teils eng, macht aggressiv – und ganz oft ist es: sinnlos.

Doch Halt! Stimmt das?

Zugegeben, es dürfte auf den ersten Blick wenig sinnstiftend wirken, sich über Stunden Schritt für Schritt, Reihe um Reihe in einem Zickzack-Stahlgatter vorwärts zu arbeiten. Andererseits ist es genau das, was Warteschlangen wertvoll macht: In einer Welt, die immer hektischer wird, in der Leistungsdruck und -stress stetig zunehmen und die ihrer coolen Jetztness in Form von Instant-Speisen und gezwitscherten Timelines frönt, bilden Warteschlangen die letzten verbliebenen Ruheinseln.

Wir können dort nicht nur zur Ruhe kommen, wir müssen es sogar. Und das ist gut so, denn in der Monotonie der Gangreihen bekommen unsere Gedanken wieder Auslauf, dürfen sich frei bewegen während die Seele dazu baumelt. Getreu dem Bonmot aus Goethe’s Faust: Hier bin ich (noch) Mensch, hier darf ich’s sein.

Es sei denn, Sie haben einen Drängler hinter sich. Dann wird der Mensch wieder zum Tier.