Blondinen erkennt man ja angeblich am Tipp-Ex auf dem Bildschirm. Hrhrhr. Das ist natürlich ein haltloses Vorurteil. Tatsache aber ist: Der moderne Büroarbeiter verbringt erstaunlich viel Zeit vor der Mattscheibe. Im Schnitt bis zu fünf Stunden täglich. Entsprechend stark ist sein Bedürfnis diesen Fokus individuell zu gestalten. Je mehr Zeit wir vor dem Bildschirm verbringen, sagen Psychologen, desto stärker wird dieser Bereich – was auch jenen um den Bildschirm herum einschließt – von uns arrangiert und markiert damit zugleich unser Territorium. Wallpaper, Bildschirmschoner, Icon-Anordnung und Farbgebung – die Oberfläche des Desktop kann allerdings auch eine Menge über die Persönlichkeit und Psyche des Territorialbewohners aussagen – über seine Einstellung zum Job genauso, wie über seine Hobbys oder sexuellen Vorlieben. Je nach Motiv. Hier die Typologien der häufigsten Desktop-Motive:
Der Südseeinsulaner
Sonnenuntergangsidylle, Sandstrände unter Palmen, azurblaues Meer bis zum Horizont – das sind seine Lieblingsmotive. Oder der Spannerschuss aus dem letzten Sommerurlaub von der exotischen Nixe im Stringbikini. Sein Desktop ist für diesen Typ eine Ode an die Oase, ein Fenster in die Ferne, wo er jetzt viel lieber wäre. Nur nicht am Schreibtisch! Dieser Typ ist ein Träumer. Sein Arbeitseifer ist nicht allzu hoch, mittags trinkt er auch schon mal ein Bier. Work-Life-Balance ist für ihn alltäglicher Kampf: Arbeit und Leben bilden Pole, die weiter nicht auseinander liegen könnten. Und natürlich arbeitet er nur, um zu (über)leben.
Der Sexmaschinist
Seine Wallpaper heißen Pamela, Gina oder Roxana, sein Bildschirmschoner ist von Aubade oder Pirelli. Bestenfalls. Projekte packt er energisch an. Einige bringt er auch zu Ende. Belehrt gerne zwischendurch die Kollegen. Und hat natürlich immer Recht. Auch in der Frage dass Raucher willkürlich diskriminiert werden und Frauen 3er BMWs geil finden. Trägt gerne Motivkrawatten und hat eine Affäre mit der Praktikantin aus der Poststelle. SPD-Mitglied.
Der Familienfotofreak
Die Prioritäten sind bei ihm klar verteilt: Zuerst kommt die Familie, dann der Job. Dieser Typ ist gewissenhaft, verantwortungsbewusst, penibel. Was er zusagt, hält er ein. Das erwartet er auch von anderen. Seine übertriebene Sorgfalt und Kontrollwut hält er für eine Tugend. Er neigt zum Altklugen und ist ein Eleve des Immer-hübsch-eins-nach-dem-anderen. Mag gerne Pasta und Sahnesoßen und kennt alle Folgen von TKKG. Feiert nächstes Jahr sein 15-jähriges Betriebsjubiläum.
Der Star-Trekky
Entweder er blickt auf die animierte Computer-Konsole der Enterprise D – oder auf unendliche Weiten und unentdeckte Planeten, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Zu 90 Prozent ist dieser Typ ein Mann. Beziehungsweise das Kind in ihm. Sein Handy trägt er meist lässig am Gürtelclip. Die Kaffeemaschine steuert er über den USB-Port. Technikaffin, bis an die Ohren aufgerüstet mit tragbaren Hochleistungsrechnern und bestens informiert über neuste Computertrends bleibt er ein Getriebener von allem, was blinkt, piept und Knöpfe hat. Ein Geek eben. Aber Single. Kein Wunder: Wer nicht gerade fließend Klingonisch spricht oder über Data’s Gefühlduselei sinnieren kann, wird sich bei der Konversation mit ihm schwer tun. Immerhin: Er engagiert sich bei der Freiwilligen Feuerwehr.
Der Ordner-Ordner
Desktop-Hintergrund? Was ist das? Dieser Typ hat seinen Bildschirm voll gepflastert mit Ordnern, Verknüpfungen und Dokumenten. Der PC ist schließlich eine Arbeitsmaschine – wie er. Das Mittagessen mit den Kollegen wird genauso über Outlook organisiert wie die Geburtstagsmails für die wenigen Freunde. Hört gerne während der Arbeit Radio. Schlagerparade. Feierabend kennt dieser Typ nicht. Nur Stromausfall. Der grenzt allerdings schon an eine Katastrophe. Zum Glück sammelt er Backups. Im Prinzip ein harmloser Kollege. Er klopft gerne Sprüche, isst am liebsten Schnitzel-Pommes und neigt zu Marotten und Mundgeruch.
Der Stillebemann
Pykniker. Gehört zu jenen Menschen, die unverwüstlich den schönen Dingen des Lebens zugetan sind: Füller von Montblanc, Uhren von IWC, Wallpaper von Wolfgang Tillmans. Sein Desktop schmücken entweder klassische Schwarz-Weiß-Fotografien, Stilleben oder Farbimpressionen, die an Blumenkelche erinnern. Distinguierter Genussmensch, der auch mal später kommt und dafür früher geht. Der ideale Kollege: Ist immer hilfsbereit, weiß wo man was bekommt, riecht gut. Lebt aber über seine Verhältnisse. Teetrinker.
Der Urzustandserhalter
Ein Computer ist ein Werkzeug ist ein Werkzeug ist ein Werkzeug. Windows XP sah schick genug aus, Vista ist eine Zumutung. Zu viel Schnickschnack. Entsprechend liebt es dieser Typ puristisch. Startbild, Startmusik, Bildschirmanordnung – alles in Default-Einstellung. Klarer Fall: Ein Territorium sieht anders aus. Der Geschwätzigste von allen: Kollegen versorgt er gerne mit wichtigen Updates. Den Chef mit wichtigen Informationen über Kollegen. Kann weder fremde Desktops leiden, noch Veränderungen. Beherrscht aber den MS-Flugsimulator. Leptosom.
Der Unbeständige
Typ Kreativer. Wechselt alle paar Tage Wallpaper, Bildschirmschoner, Meinungen. Ist meist auch sonst recht sprunghaft. Bei der Wahl des Arbeitgebers zum Beispiel. Oder – falls eine Frau – bei der Wahl der besten Freundin. Typenbestimmung hier schwierig, da von allem was dabei. Mag aber meist Überraschungseier.



Andreas Reisenbauer
Hallo Jochen,
die Kategorisierung hat ja tatsächlich was an sich. Ich selbst sehe mich als Zwitter zwischen den Typen “Südseeinsulaner” und “Ordner-Ordner”. Wobei bei mir als Südsee-Motiv die irische Westküste dient. ;-)
LG
Andreas
Markus HH
He, ich bin kein Sozi ;)
Äußerst interessanter Artikel…
Marnem
Der “Ordner-Ordner”-Typ hat oft Südsee-Bilder, weil sich auf dem blauen Himmel und dem weißen Strand das gelb der Ordner gut abhebt. Zumindest bei mir…
Markus Müller
Das ich eine gespaltene Persönlichkeit habe habe ich schon immer vermutet, aber dass ich gleich 8 habe…
Bei mir trift von Zeit zu Zeit wirklich JEDES dieser Beschreibungen zu. Und es unterscheidet sich auch von Arbeit zu zuhause (wo ich allerings auch arbeite und Geld verdiene).
Der Artikel ist aus meiner Sicht auf jedenfall zu wenig differenziert.
Patrick
Ich kann Ueberraschungseier nicht ausstehen. ;-)
Greetings
Jochen Mai
@Andreas: Mischformen sind immer möglich. Das sind ja auch nur die typischen Vertreter.
@Markus HH: Sicher?
@Marnem: Aber, aber… man kann die Ordnerfarbe doch wechseln. Bei mir sind sie blau.
@Markus Müller: Also wenn von Zeit zu Zeit alles zutrifft, sind Sie vermutlich eher der Unbeständige…
@Patrick: Ich auch nicht. Das gelbe Zeug klemmt immer so zwischen den Zähnen.
Markus Müller
> @Markus Müller: Also wenn von Zeit zu Zeit alles zutrifft, sind Sie vermutlich eher der Unbeständige…
Das mit Sicherheit nicht. Ich hab in einer Werbeagentur meine Ausbildung gemacht, war HTML Sklave von “”Kreativen”", und habe dort gelernt “”"Kreative”"” ordentlich zu verachten.
Nimue
wenn ich als frau ein motiv aus “300″ auf dem desktop habe, bin ich dann sexmaschinistin? ;-)
Jochen Mai
@Markus: Na, na, Kreative sind doch nützlich!
@Nimue: Mehr noch – SMaschinistin!
Nimue
SMaschinistin????
Jochen Mai
Bei einem solch martialischem Motiv…
nimue
nene, da ist ein gruppenbild mit muskeln :-) gaaaaaaaaaaaaanz vielen muskeln. :-)
Nicola
Dann bin ich wohl Südseeinsulanerin. Lustige Liste!
Jochen Mai
@nimue: ach so was…
@nicola: aloha!
derherold
Ich wollte eigentlich nicht sagen aber war es nicht so, daß der Hausherr vor gar nicht allzu langer Zeit Fotos zweier SEHR kurz berockter Damen hier gezeigt hat ?.
So, so, der Herr Mai wählt SPD.
Jochen Mai
@herold: das bild auf das sie anspielen, war eine fotomontage und diente der eigen-pr. mit meinem desktop hat das nichts zu tun. ein klassischer kurzschluss also.
derherold
Die Bilder von *Brücke*, *Tor* und *Pool* haben mir im übrigen gefallen… ich hoffe mal, daß dies keine Fotomonatgen waren. ;)
Jochen Mai
nein, die bilder waren original. die farben allerdings verstärkt.
Hoelli
Kann mich zwar in keinem der Typen wirklich finden, aber trotzdem ein 1A Artikel!
Wo bin ich einzuordnen? Hab schwarzen Marmor als Hintergrund gewählt und die Startsounds abgedreht. Am anderen Rechner ist eine ansicht der ganzen Erde, mit übertrieben großen Pyramiden und der Freiheitsstatue, dem Eiffelturm und eine paar Hochhäusern.
Thinker
Ich find mich auch nicht wieder. Im Grunde genommen darf da aber alles liegen, solange es mich nicht beim Arbeiten stört. *g*
legens
Mein Desktop ist grau (#333333) und außerdem ständig von irgendwas überdeckt. U.a. deswegen habe ich auch keine Icons darauf. Mein Bildschirmschoner schaltet das Display aus. Was sagt das jetzt über mich aus?
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Jochen Mai
Manuelles Trackback von Radio FFH: http://www.ffh.de/home/11601.php
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beza1e1
@legens
Der Purist:
Einfache schlichte Farbe, meistens Grau, kein Bild. Wenige oder gar keine Icons. Bildschirmschoner ist einfach schwarz. Unnötiger Schnickschnack muss wegoptimiert werden entsprechend wenig Utensilien benötigt der Purist. Der Schreibtisch ist nicht unbedingt aufgeräumt, denn verstauen und wieder rausholen wäre ineffizient. Seinem Job macht der Purist gewissenhaft und gerne, solange er ihn selbst für sinnvoll hält. Sinnvoll ist, was die Welt rettet. Bei Routineaufgaben verlegt er sich lieber auf das optimieren willkürlicher Prozesse. Wählte die Grünen, jetzt die Piraten.