Dem Mann ging es um nicht weniger als die Gründung des Bistums Bamberg. Heinrich II. liebte die ostfränkische Stadt seit seiner Kindheit. Seit er im Juli 1002 zum König gekrönt worden war, plante er, dort ein eigenes Bistum zu errichten. Doch gab es Widerstände, sogar aus der Kirche selbst: etwa durch den Bischof Heinrich von Würzburg, der dadurch seine eigene Macht bedroht sah. Bei der entscheidenden Kirchsynode im Jahr 1007 wandte Heinrich deshalb einen Trick an: Er erniedrigte sich. Vor den versammelten Mitgliedern warf er sich flach auf den Boden und verharrte dort, bis ihm der Erzbischof aufhalf, um die Versammlung überhaupt eröffnen zu können. Jedes Mal, wenn seine Gegner in der Sache gute Argumente ins Spiel brachten, warf er sich erneut zu ihren Füßen und steigerte so die Wirkung seiner eigenen Gründe. Die Rhetorik der Widersacher verpuffte, die Leute sahen nur noch Heinrichs demütige Geste. Am Ende bekam er sein Bistum.
Manchmal muss man dienen, wenn man führen will. Demut ist ein enorm unterschätztes Machtinstrument. Kaum einer rechnet damit, dass eine vermeintliche Offenbarung von Schwäche einlullen soll. Tatsächlich dienen öffentliche Erniedrigungen von Herrschern oft nur dazu, den eigenen Status zu heben und Machtansprüche durchzusetzen. So erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel noch vor ihrem Amtsantritt: „Ich will Deutschland dienen“ und demonstrierte damit de facto ihre Macht, nicht weniger als einem ganzen Volk dienen zu können. Demut macht unverdächtig, weckt (bei Zuschauern) Sympathien – vor allem aber bricht sie Widerstände: Man tritt nicht den, der am Boden liegt. Schon Jesus wusste um die Wirkung der Unterordnung und prophezeite in seiner Bergpredigt: „Wenn euch einer auf die rechte Wange schlägt, dann haltet ihm auch die linke hin … und ihr werdet glühende Kohlen auf seinem Haupt sammeln.“ Wer sich fügt, führt ganz oft. Nicht nur moralisch.
Auch wenn man sich dazu heute nicht auf den Boden werfen muss – das Kleinmachen beherrschen manche Chefs aus dem Effeff. Sie beklagen übervolle Terminkalender, nächtelange Verhandlungen und die ewige Gefahr, von Managerkrankheiten dahingerafft zu werden. Kurz: Der dienende Boss, er leidet an seiner Macht – und das macht ihn nicht nur achtbar, es taugt sogar als Ansporn. Tatsächlich lassen sich in den Konzepten zur optimalen Mitarbeiterführung zahlreiche Indizien finden, dass ein eifriger und engagierter Vorgesetzter mehr motiviert als ein ausgeprägter Machtmensch. Egal, ob Sie nun viel oder wenig Macht besitzen: Mit dosierter Demut lässt sich diese unauffällig steigern. Gerade am Anfang einer Karriere. Beobachten Sie Ihre Umwelt: Sie werden feststellen, wie viele diese Strategie anwenden.







derherold
Das Konzept der “scheinbaren Unterwerfung” – der Canossa-Gang der Betriebspsychologie.
“Der Zerknirschte” gehört zum Repertoire jedes guten Verkäufers, ach, was sage ich, jedes Menschen. :-)
SaschDaily
Naja, wenn ich einen Vorgesetzten habe, der sich ständig über seinen vollen Kalender oder seine Herzschmerzen beklagt, der kann auch leicht das Gegenteil bewirken, nämlich dass man seine Fähigkeiten und sein Durchhaltevermögen anzweifelt. Demütig zu sein, dass kann ich nur vollends unterstützen und gutheißen, aber es ist ein wahrlich schmaler Grat, auf dem man sich da bewegen muss.
Stefan Böck
Ich denke es kommt da ganz auf die Dosis an. Und noch viel mehr: Auf die Authentizität. Mitarbeiter lassen sich üblicherweise nicht für blöd verkaufen….
derherold
Könnte das das 37. Strategem sein ?
Das Verschleierungs-Srategem “Sich zum Schein ergeben”
Norbert Glaab
Eine normale, durch die Evolution entstandene Eigenschaft: Der Stärkere hilft dem Schwächeren. :)
Roland
Oberfranken, wir sind Oberfranken :P
rainer
Ein sehr gut gemachter Post.
Dennoch denke ich, dass das Jammern der Chefs über Ihre Anforderungen nicht ein sich selber Kleinmachen ist. Ich nehme darin das Fischen für Komplimente wahr, das Bestätigen der eigenen Wichtigkeit, denn nur wirklich wichtige Aufgaben können einen so schaffen und dafür muss man geboren sein, göttlich wie ein Chef eben.
Zum anderen, wer Demut als Technik anwendet sollte sich nicht wundern, wenn es ihm keiner abkauft. Entweder es ist zum Teil des inneren Wesen geworden, dann zieht sich Demut durch den Alltag oder es ist Schauspielerei, für jeden gut erkennbar.
Die griechischen Tragödien, deren man im Verlaufe seines Berufsleben gewahr wird, sind eben durch das übersteigerte Ego verursacht.
Die Komödie beginnt, wenn Führungskräfte mit psychologischer Unterstützung eine erfolgreiches Außenbild basteln. Und dafür sind wir alle dankbar.
Jochen Mai
@Herold, Rainer: Das kann ein Schauspiel sein, kann aber auch ehrlicher Ausdruck sein. In der Regel wirkt beides gleich – vorausgesetzt, bei erstem erkennt man die Komödie nicht.
@Sascha: Wie sagte schon Paracelsus: Die Dosis macht das Gift. Natürlich sollte eine Führungskraft nicht zum Jammerlappen degenerieren und vom leitenden Angestellten zum leidenden. Aber gelegentlich zur Schau gestellter Stress, schützt vor dem Verdacht, auf den Schultern nur Lametta und keine Verantwortung zu tragen.
@Norbert: Hier gehts es natürlich auch darum, Schwäche zu zeigen, um Stärke zu nehmen.
@Roland: Damals Ostfranken.
Simone Janson
Erinnert mich an die Thesen von Herrn Althoff, Spielregeln der Politik im Mittelalter. Demnach wurden Demut und durchaus theatralische Unterwerfungsgesten bewusst und strategisch eingesetzt, um in Konfliktsituationen Gewalteskalationen zu verhindern.
derherold
Wenn wir schon beim Mittelalter sind:
George Duby; Le Chevalier, la Femme et le Prêtre. Le Mariage dans la France féodale, sozusagen mariage + moyen age. :-)
Die Minne als Abbildung gesellschaftl. Verhältnisse ist allerdings seit Anfang der 90iger nicht mehr so up-to-date.
Mein Kommentar wird durch die Strategeme 7 + 29 abgedeckt.
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