Mit ihr rechnet im Vorstellungsgespräch wirklich jeder: Die Frage nach den persönlichen Stärken und Schwächen. Die Folge: Jeder Bewerbungsratgeber hat die perfekte Antwort parat – für Bewerber eine tolle Sache. Doch leider sieht das in der Praxis anders aus. Denn die oft empfohlenen Antworten wie: “Ich bin Perfektionist” oder “Ich mache zu viele Überstunden” kennt jeder Personaler auswendig. Das gilt auch für die Strategie, diese vermeintlichen Schwächen als Stärken hinzustellen. Das ist nicht nur vorhersehbar, es wirkt auch nicht überzeugend oder authentisch.
Klar, die eigenen Stärken und Kompetenzen zu betonen, ist auf jeden Fall Ihr beste Wahl. Doch wenn Sie direkt nach Ihren Schwächen gefragt werden, müssen Sie darauf eine überzeugende Antwort haben. Logisch, dass Sie es dann nicht dabei belassen, Ihre Schwächen zu beschreiben, sondern auch darstellen, wie Sie diese ausgleichen. Verlieren Sie sich hier bitte nicht in langatmigen Erklärungen und weit ausschweifenden Vorträgen. Eine kurze, prägnante Beschreibung der Schwächen und Gegenmaßnahmen ist völlig ausreichend. Schließlich wollen Sie danach möglichst schnell zu Ihren Stärken zurückkehren.
Schwächen und was Sie dagegen tun können
Die folgenden Schwächen und Gegenmaßnahmen sind nicht zur exakten Übernahme gedacht, sondern sollen Denkanstöße und Inspirationsquelle für Sie sein. Selbst wenn eine der genannten Schwächen zu 100 Prozent auf Sie zutrifft, sollten Sie die Gegenmaßnahmen nicht exakt übernehmen. Analysieren Sie statt dessen bitte realistisch, was Sie bisher getan haben, um Ihre Schwäche zu überwinden. Diese Maßnahmen bilden dann die Grundlage für Ihre Antwort. Wenn dabei wenig zusammen kommt, sollten Sie diese Schwäche eher nicht nennen. Auch hier gilt: Ehrlichkeit ist das oberste Gebot im Vorstellungsgespräch und authentisch können Sie nur wirken, wenn Sie wirklich hinter Ihren Antworten stehen.
- “Vorträge vor großen Gruppen fallen mir schwer. Ich bin dann immer sehr nervös und fühle mich unwohl.”
Wirklich problematisch ist diese Schwäche nur dann, wenn Sie in Ihrem neuen Job viel vor Gruppen referieren müssen. Tritt diese Situation nur alle paar Monate – möglicherweise nur bei internen Meetings – ein, halten sich die Auswirkungen auf jeden Fall in Grenzen. Wenn Sie dann noch berichten können, dass Sie bereits Rhetorik-Kurse besuchen oder Seminare zur Präsentationstechnik absolvieren, dürfte die Schwäche kein Problem darstellen. - “Es fällt mir schwer, meine Meinung in einer großen Runde überzeugend zu vertreten und mich alleine gegen andere durchzusetzen.”
Zugegeben, dass ist nicht optimal und kann in fast jeder Position zu einem echten Problem werden. Doch wozu haben Sie Kollegen und ein Team? Wenn Sie Ihre nächsten Kollegen oder Ihr direktes Team bereits im Vorfeld überzeugen können, stehen Sie in der großen Runde nicht allein da. Sie müssen dann gar nicht alleine gegen viel argumentieren, denn Ihre Kollegen werden Ihnen zur Seite stehen. Und wenn sich Ihre Kollegen nicht überzeugen lassen? Dann haben diese wahrscheinlich die besseren Argumente und Sie können die Haltung des Teams vertreten. - “Planungsprozesse und strategische Arbeiten gehe ich am besten im Team an, doch um kreativ zu werden oder neue Ideen zu entwickeln, brauche ich meine Ruhe. In diesen Bereichen bin ich leider kein Team-Player.”
Gut, das kann eine Schwäche sein und kommt bei den Kollegen vielleicht nicht immer gut an, doch dagegen können Sie etwas tun. Modelle wie ein Home-Office-Tag pro Woche oder feste Zeiten, in denen Sie nur für sich arbeiten und das Ihren Kollegen auch mitteilen, können hier die Lösung sein. Wahrscheinlich haben Sie eine dieser Optionen bereits in Ihrem alten Job umgesetzt. Dann berichten Sie doch einfach von Ihren Erfahrungen und stellen Sie unbedingt dar, dass Sie dennoch gerne und gut im Team arbeiten. - “An manchen Tagen kann es ziemlich lange dauern, bis ich kreativ werden oder neue Ideen entwickeln kann.”
Das ist nur dann ein echtes Problem, wenn Sie alleine arbeiten und keine Kollegen haben. In einem Team können Ihre Kollegen solche Tage abfangen. Das funktioniert jedoch nur, wenn Sie im Gespräch deutlich machen, dass diese Tage erstens die Ausnahme sind und Sie zweitens auch in solchen Situationen produktiv arbeiten können. Entweder arbeiten Sie dann – wenn das Ihr Job erlaubt – Aufgaben ab, die wenig Kreativität erfordern, oder Sie gehen mit einem Kollegen ins Gespräch und nutzen die Diskussion als kreativen Impuls.
Zurück zu den Stärken
Auch wenn Sie nach gründlicher Vorbereitung vielleicht zwei, drei oder gar vier Schwächen finden, die Sie im Vorstellungsgespräch gut präsentieren können, ist eine Schwäche – es sei denn, der Personaler fragt explizit nach mehreren – völlig ausreichend. Ihr Ziel muss sein, Ihre Schwächen authentisch und zügig darzustellen und dann zu Ihren Stärken zurückzukehren. Mit diesen können Sie nach wie vor besser punkten als mit jeder noch so kompetent präsentierten Schwäche. Garantiert.
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Hans
Robert Cialdini, Autor der “Psychologie des Überzeugens”, rät Verkäufern, Nachteile eines Produktes möglichst früh oder gleich zum Gesprächseinstieg zu nennen. Anschließend soll der Verkäufer diesen Nachteil durch einen passenden Vorteil ausgleichen.
Das klassische Beispiel sind höhere Anschaffungskosten im Vergleich zum Mitbewerber, die durch geringere Betriebskosten oder kostenlosen Service ausgeglichen werden.
Überlegen Sie sich also vorher, ob Sie eine vermeintliche Schwäche gut mit einer Ihrer Stärken ausgleichen können. Vielleicht wirkt sich Ihre Schwäche nicht nachteilig auf Ihre zukünftige Aufgabe aus oder Sie können schnell lernen, sie abzustellen.
Bewerben Sie sich bitte trotzdem nicht auf einen Job als Übersetzer für französisch mit der Begründung, Sie seien ein Sprachen-Genie, weil Sie fließend griechisch und Latein sprechen, und würden Ihre mangelnden Französisch-Kenntnisse flugs im Sommerurlaub in Paris auffrischen.
Das hat Robert Cialdini nicht gemeint :)
- Hans Steup, Berlin