Andres Rodriguez/123rfGerade ist das Abi geschafft! Und wenn es jetzt nicht für ein Jahr ins Ausland geht, drängt sich auch Ihnen vielleicht gerade die Frage auf: Was soll ich werden? Immer noch sind junge Leute wenig innovativ bei der Wahl ihrer Ausbildung und des Studiums. Auch dieses Jahr werden ähnliche Lehrberufe und Fächer auf der Wunschliste stehen wie vor zehn Jahren. Wie kommen Menschen in der Berufsfindungsphase auf gute Ideen? Sieben Methoden und deren Vor- und Nachteile...

Wie finde ich den Beruf, der passt?

Den passenden Beruf zu finden, fällt vielen schwer. Mal liegt es an der scheinbar immensen Auswahl, mal an der Sorge, am Ende die falsche Wahl zu treffen. Hier eine Auswahl der klassischen Methoden für die Berufsfindung - die, die gut sind und solche, die Sie besser lassen...

  1. Zufall
  2. Gar keine anzuwenden, dürfte die häufigste Methode bei der Berufsfindung sein: Einfach bewerben und sehen, was erfolgreich ist. Oder das machen, was der beste Kumpel macht, in der Familie so üblich ist oder in der Clique akzeptiert. So landet man oft da, wo der Job gar nicht gut zur Persönlichkeit passt. Hohe Abbruchquoten sowohl in der Lehre als auch im Studium beweisen das. Bei der Berufsfindung ist der Zufall wirklich kein guter Berater. Die schlechteste aller Methoden. Nur anwenden, wenn Sie - oder auch Ihr Junior, falls Sie Eltern sind - alternativ nichts tun würde. Denn: Was man kann und was nicht, merkt man am besten beim Tun.

  3. Bauchgefühl
  4. „Ich weiß einfach, das ist richtig für mich!“ Bauchgefühle haben einiges für sich, aber auch manches spricht dagegen. So wirkt die sogenannte Verfügbarkeitsheuristik, eine kognitive Faustregel, unmittelbar auf das Bauchgefühl. Das bedeutet, dass man etwas in Betracht zieht, weil es vertraut und bekannt erscheint. Da denkt Julia zum Beispiel, Mode sei ihr Ding, weil sie einfach gern damit zu tun hat. Jannis meint, die Banklehre sei passend, weil er schon als Kind oft bei seinem Vater am Schalter war.

    Was einem vertraut vorkommt, beruht oft mit dem familiären Hintergrund und dem soziokulturellen Milieu, in dem Sie aufgewachsen sind. Die Folge davon ist, dass bestimmte Berufe und Ausbildungsmöglichkeiten gar nicht gesehen werden. In einer Juristenfamilie ist der Klempner nicht standesgemäß. Unter Sozialversicherungsfachangestellten fühlt sich alles Kreative fremd und risikoreich an. Bauchgefühl ist die zweitschlechteste aller Methoden. Nur anwenden nach ausführlicher Recherche – je mehr Wissen und je mehr Arbeitserfahrung vorhanden ist, desto richtiger fühlt der Bauch.

  5. Interessen
  6. Es gibt verschiedene Studien, die belegen, dass Interessen für den beruflichen Erfolg nicht entscheidend sind. Darüber habe ich bereits hier geschrieben. Relevanter sind Kompetenzen und Motivationen. Wer sich beispielsweise aufgrund seines Interesses für die Textilbranche entscheidet, stellt vielleicht fest, dass die Unternehmen in diesem Segment unter dem großen Druck der Globalisierung stehen und entsprechend das Arbeiten dort spitze Ellbogen fordert. Deshalb: Interessen immer berücksichtigen, aber nie alleine betrachten. Informieren Sie sich auch gründlich über Kompetenzen, die in bestimmten Berufen und Branchen wichtig sind. Dazu gehören manchmal weniger nahe liegende Eigenschaften wie „Durchsetzungsfähigkeit“.

  7. Bundesagentur für Arbeit
  8. Gute Erfahrungen mit dem Besuch beim Arbeitsamtberater sind meiner Erfahrung nach (leider) noch eher selten. Eine meiner Kundinnen erhielt die Auskunft mit einer 3,0 im Abitur könne sie nicht studieren und solle eine Lehre machen. Das ist natürlich falsch: Nach wie vor gibt es zulassungsfreie Fächer, als Alternative Privathochschulen und Wartesemester sowie individuelle Auswahlverfahren der Hochschulen. Mein Tipp: Vorteil der Arbeitsagenturberater sind oft ihre regionalen Kenntnisse – und der Markt in Herne ist nun mal anders als der in Augsburg. Als Erstauskunft vor allem mit regionalem Fokus in Ordnung, aber nicht darauf verlassen. Die Kompetenz eines Beraters erkennt man an vier Dingen: Erstens wird jemand, der kompetent ist, einen ganzheitlichen Blick auf den Menschen nehmen (also neben Interessen auch persönliche Kompetenzen betrachten), zweitens empathisch sein, drittens den Arbeitsmarkt kennen und viertens immer betonen, dass sein Know-how Grenzen hat. Die besten Berater sind keine Alleswisser - und stehen dazu.

  9. Tests im Internet
  10. Der unter Laien bekannteste Berufsorientierungstest ist der vom Geva-Institut. Als Anhaltspunkt ist dieser hilfreich, aber als Entscheidungsgrundlage nicht ausreichend. Die Empfehlungen werden, so unsere Erfahrung, von den Getesteten teils als unpassend empfunden. Spezielle und spezialisierte Ausbildungs- und Studiengänge kommen hier nicht vor. Keine Rolle spielt auch Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt. Gute Alternativen sind der BIS (Berufsinteressentest) und der RIASEC-Test von John Hollande, den es als Open Source auch bei Teletest.ch gibt.

  11. Test-Assessments beim Spezialisten
  12. Ein Tag lang unterschiedlichste wissenschaftliche Tests durchlaufen und am Ende steht eine konkrete Empfehlung: Dieses teure Verfahren, das einige Experten der Berufsberatung anbieten, hat einiges für sich. So werden auch kognitive Fähigkeiten sowie Eigenschaften und Interessen getestet. Ein Teil der Anbieter sucht auch konkrete Studiengänge aus einer umfassenden Datenbasis hervor. Achten Sie darauf, dass der Anbieter einen psychologischen oder pädagogischen Hintergrund mitbringt und zusätzlich ausreichend Erfahrung hat. Hinterfragen Sie Ergebnisse kritisch. Auch wenn man zum Beispiel durch ein gute räumliches Vorstellungsvermögen und analytische Fähigkeiten perfekt als Architekt wäre, ist es möglicherweise dennoch nicht der Traumjob, wenn man sich die Karriereoptionen näher betrachtet. Einige Berater tun das, andere klammern das aus.

  13. Berufsfindungscoaching
  14. Diese Coachings verzichten meist ganz auf Tests und findet oft in Gruppen statt. Der Vorteil ist der Austausch und das Entdecken von Kompetenzen durch konkretes Tun. Außerdem ist es in der Regel aufbauend und ermutigend, Feedback von anderen zu bekommen. Der Nachteil ist, dass man sich Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten nach so einem Coaching meist selbst suchen muss – und das überfordert in einem Meer der Informationsüberflutung. Weiterhin wird der Aspekt Angebot und Nachfrage meist nicht integriert, da die durchführenden Coachs seltener Fachkenntnisse haben.

Auf den Punkt gebracht: Es gibt nicht die eine, goldene Methode. Ich empfehle deshalb, mehrere Methoden zu kombinieren.

Verlassen Sie sich nicht auf Tests, sondern schärfen Sie Ihre Wahrnehmung für eigene Stärken und lenken Sie den Blick auf Potenziale. Dafür sind Einzelcoachings, Übungen und Workshops gut.

Tests sind einerseits sinnvoll zur Vorsortierung, andrerseits aber auch sinnvoll, um kognitive Kompetenzen zu erfassen, etwa räumliches Vorstellungsvermögen. Um im Meer der Angebote aber letztendlich das richtige zu finden und Alternativen zu sehen, braucht man jemand, der durch viel Erfahrung bei der Auswahl helfen kann. Eine mögliche Anlaufstelle finden Sie beispielsweise im Portal der Karriereexperten, die mit der Karrierebibel kooperieren.