Twitter, Frazr, Faybl, Wamadu, und und und – explosionsartig steigt die Zahl der Kommunikationskanäle im Internet und analog dazu der Mitteilungsdrang. Wie ein Virus breiten sich Belanglosigkeiten, flüchtige Notizen und peinliche Eingeständnisse aus und beseelen das Web mit Meinungskakophonie und Blabla. Das Ergebnis: Rauschen statt Relevanz. Was für Kritiker jedoch bloß Ausdruck kollektiver Langeweile und Publicity für Profilneurotiker ist, stellt für Psychologen und Kommunikationswissenschaftler den Beginn einer neuen Ära dar: Was da entsteht, sei eine neue Form des Miteinanders – mit deutlich weniger Privatsphäre, neuen Statussymbolen und bedenklichen Auswirkungen auf unser Denken…
E-Mail, Mobiltelefon, Blackberry, Instant Messenger, Weblogs, Podcasts, Videoclips, virtuelle Clubs und Netzwerke, Chatrooms, Online-Fotoalben, Foren… – wir kommunizieren mittlerweile rund um die Uhr und rund um den Globus. Es piept, es klingelt und vibriert überall und gleichzeitig, und viele machen das alles begeistert mit. Mit bedenklichen Folgen.
Erst kürzlich ergab eine Studie unter amerikanischen Internet-Nutzern, dass die Zahl der Medien, die sie parallel einsetzen, stärker steigt als die Zeit, die sie online verbringen. Es ist nur eine Frage von Monaten, bis die Preise für die mobile Internet-Nutzung purzeln. Dann werden auch die letzten Winkel unseres Lebens mit der Cyberwelt verdrahtet sein – das Warten an der Bushaltestelle genauso wie der Flug nach London oder der Familiennachmittag am Baggersee. Damit aber sinkt zugleich unsere Konzentrationsfähigkeit. Schon heute werden Büroarbeiter im Schnitt alle elf Minuten unterbrochen, weil das Telefon klingelt oder Outlook Alarm schlägt. Ein ungeheurer Produktivitätsverlust: Statistisch dauert es über 25 Minuten, um gedanklich ohne Abstriche zur ursprünglichen Tätigkeit zurückzufinden. Die „permanente Halbaufmerksamkeit“, die laut der amerikanischen Autorin und Ex-Microsoft-Managerin Linda Stone dadurch ausgelöst wird, hat gravierende Folgen für Lernfähigkeit, Ausdrucksvermögen und Kreativität. Zwar amüsieren wir uns nicht zu Tode, wie es einst der Medienkritiker Neil Postman befürchtete. Dafür aber kommunizieren wir bis zur geistigen Flatrate.
So ergab eine Studie des Londoner King’s College, dass Menschen, die neben ihrer Arbeit fortwährend E-Mails lesen und schreiben, so arbeiten, als hätten sie einen um bis zu zehn Punkte geringeren Intelligenzquotienten (IQ). Zum Vergleich: Das Rauchen eines Joints verringert das geistige Potenzial allenfalls um vier IQ-Punkte.
Die permanenten Impulse aus Plattformen wie Twitter, aus E-Postfächern oder Cybernetzen entwickeln eine ungeheure Anziehungskraft. Sie befriedigen die menschliche Neugier genauso wie die Lust am Voyeurismus und der Selbstdarstellung. Noch nie konnten Menschen so schnell auf Informationen zu allen erdenklichen Themen zugreifen, Kontakte knüpfen und bekamen ebenso schnell eine Reaktion darauf. Selbst von Menschen, die sie gar nicht kennen. Das alles hat bereits die Arbeitswelt revolutioniert. Jetzt ist die Privatsphäre dran – und damit der letzte persönliche Schutzraum. Immer öfter erhalten Fremde dabei Einblicke in bisher intime Lebensbereiche.
Die Situation könnte grotesker kaum sein. Noch während Innenminister Wolfgang Schäuble mit Datenschützern und Parlamentskollegen streitet, ob die Polizei künftig Online-Durchsuchungen an privaten Rechnern durchführen darf, lässt die Internet-Gemeinde schonungslos die Hüllen fallen: Hobbys, Wohnort, Job, der Streit mit dem Chef, die Affäre mit der Kollegin, die eigenen sexuellen Vorlieben, verhuschte Nacktfotos auf dem Kunstledersofa – alles lässt sich problemlos mit ein paar Suchmaschinen-Klicks zusammenrecherchieren. Eine gigantische Fundgrube für Datenbanker und ein einziges Grubenunglück für Datenschützer.
Keine Frage: Für viele Einsame und Schüchterne senkt der virtuelle Großraum die Eintrittsbarrieren. Ob im Business-Club Xing, beim Studentenverein StudiVZ, auf dem elektronischen Pausenhof SchülerVZ oder in der Flirtbörse Myspace – nie war es leichter, neue Bekannte zu finden und sich in Gruppen über Fach- und Fun-Themen auszutauschen.
Der Mechanismus ist immer derselbe: Ich verrate dir intime Details, dafür schenkst du mir Beachtung. Denn Aufmerksamkeit suggeriert Anerkennung, und die wiederum aktiviert das Belohnungssystem unseres Gehirns, sagen Psychologen. Aber auch der andere hat etwas davon: „Unser Gehirn hat den Drang, alles aufzusaugen, was uns betreffen könnte“, sagt Gerald Hüther, Neurobiologie an der Universität Göttingen. Menschen wollen sich vergleichen. Stärken anderer werden beneidet, deren Schwächen machen uns stark. Das ist auch ein Grund für den neuen Online-Voyeurismus. „Die Verlockung, im Internet sämtliche Schamschranken zu überspringen, ist gerade für jene groß, deren Alternative ist, ein Niemand zu sein“, sagt der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz und greift damit auf, was der irische Theologe und Philosoph der Aufklärung, George Berkeley, bereits vor rund 250 Jahren mit seinem subjektiven Idealismus „esse est percipi“ (Sein heißt Wahrgenommenwerden) auf den Punkt brachte.
Wieso aber fällt den Menschen der Seelenstriptease vor der Welt so viel leichter als unter vier Augen?
Für den Medienpsychologen Bernad Batinic von der Johannes-Kepler-Universität in Linz liegt das an der „Illusion von Intimität“. Daheim auf der Couch, den Laptop auf dem Schoß, kondensiert die Welt zu einer Seite von 1280 mal 1024 Pixeln. In echten Gesprächen halten einen Freunde davon ab, zu weit zu gehen. Deren direkte oder nonverbale Rückmeldung bewahrt uns davor, uns um Kopf und Kragen zu reden. Meistens. Im Internet aber fehlt diese soziale Kontrolle.
Fatal! Geschriebenes lässt sich kaum zurücknehmen. Blogartikel etwa bleiben dauerhaft im Netz gespeichert. Ebenso die Kommentare oder verlinkte Freunde. Das Google-Cache vergisst eben nichts. Viele vergessen das.
Das ist die Kehrseite der grenzenlosen Offenheit: Art und Größe des virtuellen Freundeskreises werden gläsern und entwickeln sich zum Statusbarometer: Wie viele Freunde habe ich? Wie einflussreich sind die? Und welche Freunde haben eigentlich meine Freunde? Studien zeigen, dass sich die Zahl unserer Freunde und Bekannten in den vergangenen zehn Jahren – dank Internet – verdoppelt hat. Dabei geht es immer öfter auch darum, diese Sozialnetze zu ökonomisieren: Ein paar gute Freunde sind wertvoll; viele Freunde machen wertvoller. War die Attraktivität eines Menschen bisher durch körperliche Attribute und beruflichen Erfolg geprägt, so kommen künftig drei weitere Merkmale hinzu: die Fähigkeit im Netz zu kommunizieren, der Verlinkungsgrad sowie dessen Qualität. Aus „Mein Haus, mein Auto, meine Frau“ wird „Mein Space, mein Video, meine Freunde“.
Es ist ein schmaler Grat zwischen Selbstentblößung und Selbstvermarktung, auf dem die Menschen virtuell balancieren. Mit dem Mitmach-Internet verschmelzen zusehends Online- und Offline-Welt und damit auch die Identitäten der Nutzer. Wo sich einst der „Lilalaunebär“ oder „SuesseMaus15“ hinter einem Pseudonym verschanzten, tauchen heute Klarnamen auf: Der Anteil der fiktiven Charaktere auf den Plattformen für Social Networking nimmt kontinuierlich ab. Entscheidend für den beruflichen Erfolg ist künftig daher weniger, wie wir unsere Zeit managen, als vielmehr, wie wir den Grad unserer Aufmerksamkeit und unser Image im Web koordinieren, um aus der Masse hervorzustechen.
1. Kommentar
Armin
10.08.07 um 09:09 Uhr
Wenn Du Recht hast, hat den Artikel keiner vollständig gelesen. Was schade wäre…
2. Kommentar
Silke
10.08.07 um 09:14 Uhr
Wenn man im Schnitt alle 11 Minuten aus der Arbeit herausgerissen wird und 25 Minuten benötigt um wieder zurückzufinden, ist man ja praktisch nie wirklich im Arbeitsfluss.
Wieviel Arbeitskraft den Arbeitgebern wohl allein verloren geht durch die Bloggerei der Arbeitnehmer vom Arbeitplatz aus? Dann die privaten SMS die andauernd verschickt werden, heimlich und diskret, damit es nicht so auffällt.
Ich glaube die wenigsten schaffen es, sich auf die wesentlichen, wichtigen Nachrichten zu beschränken – das erfordert viel Disziplin.
Ein sehr guter Beitrag, er enthält viel Diskussionsstoff.
3. Kommentar
Nicola
10.08.07 um 09:26 Uhr
Ein in den einschlägigen sozialen Netzwerken nachschaut, traut seinen Augen nicht wie viele dort peinliche Bilder von sich oder privates präsentieren. Andererseits bekommen sie so viel Aufmerksamkeit oder prüfen ihren Beliebtheitsgrad. Es ist wirklich ein schmaler Grat. Aber auch eine Chance bekannter zu werden.
4. Kommentar
Norbert Glaab
10.08.07 um 11:36 Uhr
Danke für diesen Artikel!
Neugierde ist eine wesentliche Eigenschaft für Weiterentwicklung. Recht wenige haben bisher verstanden, dass damit eigentlich Lernen, Beobachten was geschieht, Erfahren was jeden einzelnen weiterbringt, gemeint ist. Nicht jedoch was im Kochtopf des Nachbarn gebraut wird.
Da ein großer Teil unserer Mitmenschen nicht wirklich weis, was für jeden einzelnen wichtig ist, begibt er sich auf die Suche. Die Verlockungen der Suche werden immer größer.
Es wäre an der Zeit sich auf das Finden zu konzentrieren, denn dann wüsste man was man sucht. (siehe Artikel Schlüsseldienst)
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, im Lexikon stehen die Er-Finder und nicht die Er-Sucher.
Die Aufmerksamkeit gilt heute dem Konsum. Wir sind Konsumenten und Verbraucher, doch wer spricht von Kunden und Bedarf.
Die Folgen finden wir am Arbeitsmarkt. Der volkswirtschaftliche Schaden konnte bisher nur geschätzt werden. Er liegt laut Recherchen bei über 20 Milliarden €. In Wirklichkeit bestimmt weitaus höher. Wir produzieren die Kosten, die wir dann bezahlen, selber.
5. Kommentar
derherold
10.08.07 um 14:14 Uhr
Da wird sich mancher Ex-Stasi-Major in den Popo beißen.
Wofür die noch ein Heer von Abhörexperten, Spitzeln, eine Menge von technischen Hilfsmitteln und ausgeklügelten Vernehmungs- und Überredungsmethoden benötigten, bekommen sie via *community* frei Haus.
Die Ungnade der frühen Geburt. ;)
6. Kommentar
Jochen Mai
10.08.07 um 14:26 Uhr
Es ist sicher auch die Folge der medialen Gesellschaft: Präsent zu sein, bekannt zu sein – und sei es nur im Web – heißt zu existieren. Für viele andere hieße die Alternative, ein Niemand zu sein.
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