Kaum ein Unternehmen, das heute nicht irgendwelche Werte oder Leitbilder propagieren würde. Das macht sich immer gut, schmückt bestenfalls und gibt in Krisen zumindest etwas Orientierung. Aber werden diese Leitlinien im Alltag auch umgesetzt und angewendet? Oder anders gefragt: Identifizieren sich die Mitarbeiter damit?
Das hat jetzt die Beratungsgesellschaft ServiceValue untersucht und dazu knapp 2000 Arbeitnehmer in zwölf Wirtschaftszweigen befragt. Und herausgekommen ist etwas, das die Unternehmen so gar nicht schmückt: Jede dritte Führungskraft und nahezu jeder zweite Mitarbeiter kann sich mit den Wertvorstellungen seines Arbeitgebers nicht identifizieren. Am geringsten ist die Akzeptanz in der Finanzwirtschaft, am höchsten noch in der Energiewirtschaft (siehe Grafik).

Zuweilen ist der Unterschied zwischen Mitarbeitern mit und ohne Führungsverantwortung gravierend. So stimmen etwa über 80 Prozent der Führungskräfte im Einzelhandel zu, sich mit den Unternehmenswerten zu identifizieren, dafür aber nur weniger als 50 Prozent der Angestellten. Solche Unterschiede sind in der Energiewirtschaft und im Gastgewerbe kaum auszumachen, in diesen Wirtschaftszweigen ist die allgemeine Identifikation auch am höchsten.
Das Problem ist allerdings – und das muss man ganz deutlich sagen – in der Regel hausgemacht. Oder ganz platt ausgedrückt: Die Manager sind selber schuld an der Misere. Denn die von ihnen propagierten Werte sind oft nur Lippenbekenntnisse. So stimmt gerade einmal nur jeder zweite Arbeitnehmer zu, dass seine Führungskraft auch vorlebt, was von anderen erwartet wird.







Julia Simon
Danke für den Artikel! Es ist schön zu wissen, daß es doch tatsächlich Branchen gibt, wo viele Angestellte sich mit den Leitsätzen ihrer Arbeitgeber identifizieren… ;-)
Zwei Erfahrungen in punkto Firmen-Leitsätze aus meinem eigenen Erfahrungsschatz:
- Angestellte (auch leitende) identifizieren sich nicht mit der “Mission” ihrer Firma, weil diese so verschwurbelt formuliert ist, daß kaum jemand sagen kann, wofür die Firma eigentlich steht. Oder zu stehen glaubt. Man kann die Leitsätze zwar vielleicht auswendig aufsagen, aber erklären können sie die wenigsten. Nicht einmal die Firmenleitung. Aber macht nichts, wenigstens klingen sie schön.
- Das schlimmste Meeting meines Lebens (und da ich schon mehrmals in “Aus finanziellen Gründen müssen wir leider 85% von Ihnen entlassen”-Meetings war, will das etwas heißen): Die Firmenleitung lud uns alle zu einer Pflicht(!)veranstaltung ein, wo uns zwei Stunden lang das neue Firmenmotto erklärt wurde. Und zwar während mehrere Projekte kurz vor Deadlines standen und *niemand* zwei Stunden zu “verschenken” hatte. Ich sagte hinterher zu meinem Abteilungsleiter: “Ich habe in dem Meeting vor allem gelernt, daß das inoffizielle Motto der Firma ist: Ein schönes buntes Image ist uns viel wichtiger als irgendsowelche blöden Kunden oder ihre blöden Projekte.” Er seufzte und sagte: “Ja, ich auch.” Ich glaube nicht, daß sonderlich viele von uns sich hinterher tatsächlich an das vorgestellte Motto erinnern konnte; wir waren alle entweder zu wütend oder geistig vollständig mit unseren dringenden Projekten beschäftigt.