rache„Die Rache ist mein“, spricht der Gott der Bibel. Aus gutem Grund: Würden wir unseren Rachegelüsten nachgeben, wäre der Schaden weitaus größer – sogar für uns selbst. Denn: Rache rächt sich.

Zugegeben, das Gefühl selbst ist so alt wie die Menschheit und lieferte bereits zahlreiche Vorlagen und Plots für gesellschaftliche Untergänge und Shakespeare’sche Tragödien. Sei es Hamlet, der den Tod seines Vaters zu sühnen versucht; Krimhild im Niebelungenlied, die die Rache an den Mördern ihres Gatten Siegfried gleich über mehrere Jahre plant. Oder Alexandre Dumas’ Graf von Monte Christo, der sich die Vergeltung seines Unrechts zur kostspieligen Lebensaufgabe macht, nachdem ihn das Glück aus dem Gefängnis rettete. „Menschen sind im selben Maß dankbar, wie sie rachsüchtig sind“, erkannte schon der englische Dichter Alexander Pope. Oder kürzer: Die Rache – sie ist nicht nur göttlich, sie ist auch dein und mein.

Kein Wunder, dass sie längst auch die Skripte zahlreicher Unternehmenstragödien füllt. In den vielen Bürofluren, in denen sich die Spirale exekutiver Übernahmen und geschasster Favoriten immer schneller dreht, ist Rache der Subtext, der in unzähligen dramatischen Erfolgsgeschichten mitschwingt.

Immer wieder berichten Medien über Mitarbeiter, die ihren Betrieb sabotieren oder – noch schlimmer – Amok laufen. Und selbst wenn einer die Jagd um den begehrten Posten am Ende vielleicht doch nicht gewinnt, so genießt er wenigstens seine ungerechtfertigt hohe Abfindung, die er hintersinniger Weise vorher verabredete. Sie wird aus der unterdrückten Rache immerhin noch ein monetärer Triumph.

Rache ist tatsächlich süß

Und wer – wenn er ehrlich ist – kennt nicht die Rachephantasien, wenn man sich von einem anderen ungerecht behandelt, betrogen oder hintergangen fühlt: Dann dem intriganten Kollegen heimlich ein ultrastarkes Abführmittel in den Kaffee kippen – das wär’s doch! Oder den tyrannischen Chef einfach mal bei der Presse verpfeifen, für seine Spesenbetrügereien und Bilanzierungstricks – herrlich! Die meisten von uns haben nicht nur vergleichbare Rachegelüste – sie sind auch davon überzeugt, dass es ihnen hernach deutlich besser geht, wenn sie es dem Fiesling so richtig heimgezahlt haben. Sühne ist eben eine Mischung aus Selbsthilfe und Schadenausgleich. Und so unethisch das auch klingt: Neurologisch neigen wir alle dazu.

Tatsächlich haben schon 2004 Wissenschaftler um den Verhaltensökonomen Ernst Fehr von der Universität Zürich herausgefunden, dass bei derlei Rachephantasien unser Belohnungszentrum im Gehirn anspringt – so als würden wir ein gutes Essen essen oder den Lotto-Jackpot knacken. In dem zugrunde liegenden Experiment sollten 14 Probanden Geld durch Kooperation verdienen. Unter ihnen befand sich allerdings auch ein 15. eingeweihter Schmarotzer, der sich heimlich ein Extrastück vom Kuchen abzweigte. Natürlich flog er auf – und so hatten die anderen Teilnehmer die Gelegenheit, sich an ihm zu rächen. Allerdings mussten sie dafür einen Gutteil ihres sauer verdienten Geldes investieren. Und was soll ich sagen: Alle Probanden waren sofort zur Rache bereit, für den Fall, dass es sie gar nichts kosten würde. Zwölf der 14 wollten sich sogar unbedingt rächen – egal, was es kostet.

Während die Wissenschaftler nun also diese hypothetischen Alternativen durchspielten, maßen sie gleichzeitig die Hirnaktivitäten ihrer Teilnehmer – Resultat: Bei jeder altruistischen Bestrafung wurde das Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert. Oder kurz gesagt: Rache ist tatsächlich süß.

Und das ist ein Problem. Denn leider wohnt der Rache die kurzweilige Befriedigung inne, die einer bezieht, sobald sein Kontrahent Schaden erleidet – durch unmittelbare Strafe oder eben das Leben. Es verleiht uns tiefe Genugtuung, wenn es einen übel erwischt, der uns vorher verletzt hat.

Robert Bies, ein Verhaltenspsychologe an der Georgetown Universität in Washington, beschäftigt sich seit nunmehr 16 Jahren mit Rache im Job. Dabei hat er in zahllosen Interviews immer wieder festgestellt, was derlei Gelüste zum kochen bringt: faule Trittbrettfahrer unter Kollegen; Chefs, die sich mit den Ideen der Mitarbeiter schmücken; Günstlingswirtschaft und inkompetente Schleimer, die es damit bis nach oben schaffen. In allen Fällen waren seine Befragten verbittert darüber, ein Drittel unternahm jedoch nichts dagegen. Zwei Drittel allerdings wählten mindestens indirekt-aggressive Methoden wie etwa üble Nachrede oder soziale Isolation des Übeltäters.

Was lange gährt, wird schließlich Wut: Den Balsam der Vergeltung genießen wir auch dann, wenn wir nach erlittener Ungerechtigkeit wieder auf die Beine kommen und besser dastehen als zuvor. “Die beste Rache ist massiver Erfolg”, sinnierte einst Frank Sinatra. Denn in der Vorstellung ist der Plan, uns eins auszuwischen, damit nachträglich gescheitert. Aus der ersten Niederlage wird ein später Sieg – jedoch nur, wenn wir sicher sind, dass der Missetäter auch mitbekommt, wie gut es uns geht. Nicht zuletzt deswegen steckt in dem Wort Rache auch etymologisch schon der Wunsch nach Recht und Gerechtigkeit.

Rachegelüste verraten eine narzisstische Kränkung

Doch die Rache ist auch gefährlich. Sie ist nicht nur eine Reaktion auf bemerkte Ungerechtigkeit, sondern oft nichts weiter als eine narzisstische Beschädigung und damit ein sicheres Indiz für verletzte Eitelkeit und ein geschwollenes Ego.

Manche Betroffene neigen nicht selten zu wutschnaubenden Vendettas. Wesentlich häufiger aber bedient sich die Rache im Job passiver Formen. Das sprichwörtliche Messer im Rücken ist (zum Glück) eine seltene Ausnahme. Dafür sterben Racheopfer umso häufiger den Tod von Tausend Nadelstichen. Sie werden ignoriert, übergangen, desinformiert und ihr Ruf Stück um Stück dekonstruiert. Sicher, in der externen Wirkung ist diese Taktik für die Selbstjustiziare besser, denn direkte Rache wirkt immer kleinlich und schwach. Letztlich will keiner den Eindruck erwecken, ihn würde wirklich tangieren, was der andere ihm angetan hat. Mit der Helden-Attitüde wäre es dann vorbei. Wer will, dass andere ihm folgen, braucht stets eine Aura der Stärke und der Unverwundbarkeit. Auch wenn jeder halbwegs Vernunftbegabte insgeheim weiß, dass es eben nur das ist: eine Aura.

Rache schadet – vor allem uns selbst

„Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird“, lautet ein berühmtes Bonmot, das ursprünglich aus Mario Puzos Roman „Der Pate“ stammt. Und es stimmt auch – aber anders als viele es verstehen.

Verletzte Eitelkeit ist nie ein guter Ratgeber. Und Rache auf lange Sicht sogar schädlich. Der Psychologe Kevin Carlsmith von der Colgate Universität in Hamilton zum Beispiel wiederholte 2008 das Züricher Experiment in einigen Variationen. Doch obwohl die Probanden versicherten, sie würden sich nach der Sühne am Schmarotzer besser fühlen, passierte das genaue Gegenteil.

Diesmal untersuchten die Wissenschaftler die Gefühlslage der rachsüchtigen Teilnehmer auf einer Skala von 1 (unbefriedigt) bis 7 (extrem befriedigt). Dabei zeigte sich: Die Rächer waren hinterher im Schnitt 1,5 Punkte unzufriedener als jene Kontrollgruppe, der nie eine Chance zur Vendetta gegeben wurde. Der Grund: Selbst nachdem sich die Rächer vermeintlich Genugtuung verschafft hatten, dachten sie noch immer über ihren Peiniger nach, ärgerten sich über ihn und zweifelten daran, ob sie ihre Rechnung mit ihm auch wirklich beglichen hatten.

Bestätigt wird das auch durch ein anderes, ungewöhliches Experiment, an dem 600 College-Studenten an der Ohio State Universität in Columbus teilnahmen. Sie schrieben zunächst Essays, die dann allerdings besonders abfällig, unfair und uncharmant benotet wurden, Motto: “Das ist der mieseste Text, den ich jemals gelesen habe!” Derart provoziert, konnten sich die Teilnehmer danach abreagieren: Die einen durften auf einen Boxsack eindreschen, während sie auf ein übergroßes Foto ihres Notengebers blickten; eine zweite Gruppe sah das Bild von irgendjemandem; die Kontrollgruppe indes durfte gar nichts machen. Anschließend sollten alle einen Fragebogen ausfüllen, um ihre Wut zu messen.

Auch hier dasselbe Bild: Wer den Boxsack verprügelte und dabei seinen Peiniger erblickte, war hinterher noch viel verärgerter, stellte Studienleiter und Psychologe Brad Bushman fest. Echte Befriedigung sieht anders aus. Man könnte auch sagen: So süß die Rache zunächst auch schmeckt, so bitter und lange wirkt noch ihr Nachgeschmack.

Klüger ist indes die Haltung, die schon der englische Staatsmann und Philosoph Francis Bacon auf den Nenner brachte: „Wer Rache nimmt, ist nicht besser als sein Feind; verzichtet er aber darauf, dann ist er ihm überlegen.“ Verzeihen ist eben doch die beste Rache.