Jeder Berufstätige arbeitet dann und wann für den Papierkorb. Wenn zwei Mitarbeiter aus Versehen den gleichen Code schreiben. Wenn Ihr Projekt nach mühsamer Kleinarbeit eingestampft wird. Sinnlos-Arbeiten lassen sich nicht immer vermeiden, aber oft schon. Und das sollten Sie nach Möglichkeit auch. Arbeit für den Papierkorb tötet Motivation ab - noch gründlicher, als Sie vermuten...

Arbeit fuer den Papierkorb Demotivation

Arbeiten für den Papierkorb: Frustrierend

Wir leben bekanntlich in einer Wegwerfgesellschaft. 400 Millionen Tonnen Müll produzieren allein die Deutschen jedes Jahr. Und jetzt die Pointe: Das ist im Büro nicht viel anders.

Auch dort produzieren wir fortwährend Müll. Wir erarbeiten Konzepte, bauen Präsentationen, erstellen Tabellen, um sie anschließend umgehend im Papierkorb zu entsorgen.

Das kostet Geld, Zeit, Nerven. Aber das ist noch nicht alles. Eine neue Studie zeigt, dass Arbeit für den Papierkorb Mitarbeitern die Motivation entzieht - dauerhaft.

Forscher des Leibnitz Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) haben ein Phänomen unter die Lupe genommen, das bislang weniger im Fokus stand: Sinnlose Arbeiten, deren Sinnlosigkeit sich erst im Nachhinein herausstellt. Denn dass eine Arbeit, von der man von vornherein weiß, dass sie zu nichts führt, nicht sonderlich motivierend ist, dürfte einleuchtend sein.

Viele Aufgaben aber geht man mit Enthusiasmus an - nur um hinterher zu erfahren, dass alles für die Katz’ war. Ein nachhaltiger Motivations-Killer!

Papierkorb demotiviert: Der Beweis

Das Team um Mikroökonomin Sabrina Jeworrek näherte sich dieser Erkenntnis durch folgendes Experiment: An einer Universität waren über Jahrzehnte Geschäftsberichte aufgelaufen, die nun systematisch erfasst werden sollten. Dafür heuerte man 140 Hilfskräfte für jeweils einen halben Tag an.

Die Sammlung der Geschäftsberichte galt zunächst als einzigartig und umfassend, als wertvolle Ressource für die Wissenschaft. Im Verlauf des Projekts stellte sich aber mehr und mehr heraus, dass die Berichte teils in schlechtem Zustand, die Sammlung fragmentarisch war.

Der Verwaltungsleiter entschloss sich daraufhin, das Archiv aufzulösen. Alle Arbeit umsonst.

Eine Woche später wurden die Hilfskräfte erneut kontaktiert. Sie sollten doch bitte an einer Abschlussbefragung teilnehmen.

Die Teilnehmer wurden in drei Gruppen eingeteilt. Gruppe 1 rief man vor der Befragung in Erinnerung, welch tieferem Sinn ihre vorangegangene Aufgabe diente, nämlich dem Aufbau einer Datenbasis für Forschungszwecke. Eine wichtige Sache! Gruppe 2 wurde noch mal mitgeteilt, dass ihre geleistete Arbeit im Prinzip umsonst gewesen war.

Und Gruppe 3 wurde mit einem ganz neuen Narrativ konfrontiert. Ihnen sagte man, dass ihre Arbeit zwar nicht mehr ihrem ursprünglichen Zweck diente, aber anderweitig Verwendung finden würde. Die Arbeit der Hilfskräfte sei also nicht umsonst gewesen.

Im nächsten Schritt erhielten die Teilnehmer einen zweiteiligen Fragebogen. Der erste Teil wurde monetär entlohnt. Für den zweiten Teil, bei dem die Teilnehmer verschiedene Fragen beantworten sollten, gab es kein Geld.

Resultat laut IWH: "Verlor die vorhergegangene Arbeitsaufgabe ihre Sinnhaftigkeit, so beantworteten die Hilfskräfte wesentlich weniger Fragen, als wenn sie noch an die ursprüngliche Sinngebung ihrer Arbeitsaufgabe glaubten".

Das bedeutet: Wenn Sie für den Papierkorb arbeiten, dann sinkt Ihre Motivation dauerhaft - auch, wenn sich die Sinnlosigkeit erst im Nachhinein herausgestellt haben sollte.

Arbeiten für den Papierkorb: Häufiger, als man denkt

Jeder Arbeitnehmer in Deutschland verbringt im Jahr 74 Tage mit sinnlosen Tätigkeiten. Zu diesem Ergebnis kam die Unternehmensberatung Proudfoot Consulting schon 2010 in einer weltweiten Vergleichsstudie.

Der finanzielle Schaden gehe in die Milliarden. In anderen Ländern sei die Lage sogar noch viel schlimmer.

Und auch, wenn man an den Zahlen zweifeln mag - man muss nur mit offenen Augen durch die Arbeitswelt gehen, um überall prall gefüllte Papierkörbe zu sehen. Wenn zwei Teams im Unternehmen parallel an der gleichen Aufgabe arbeiten. Oder wenn die Entwickler an einem Detail feilen, dass letztlich unberücksichtigt bleibt.

Hier noch ein paar Beispiele für Papierkorb-Arbeiten. Welche sind Ihnen schon mal begegnet?

  • Schüler, die Lektionen für eine Klausur pauken, die aber letztlich nicht abgefragt werden
  • Studenten, die ein Master-Thema gründlichst vorbereiten, das vom Professor ohne Begründung abgelehnt wird
  • Bewerber, die mühsam ihre Bewerbungsunterlagen zusammenstellen, aber keine Antwort auf ihre Bewerbung erhalten
  • PR-Leute, die eine Pressemitteilung ausarbeiten und abstimmen, die niemanden interessiert
  • Polizisten, die Verbrecher nach aufwändiger Ermittlungsarbeit dingfest machen, sie aber umgehend wieder laufen lassen müssen, weil die Justiz die Strafverfahren einstellt
  • Komparsen, die bei den Dreharbeiten alles geben, sich aber nie auf dem Bildschirm sehen, weil der Regisseur die Szene einfach herausschneidet
  • Romanautoren, die Seite über Seite schreiben, um hinterher noch mal von vorne anzufangen
  • Politiker, die umfassende Gesetzesentwürfe erarbeiten, die den parlamentarischen Prozess nicht überstehen
  • Marketingmenschen, die Tag und Nacht einen Pitch vorbereiten, aber vom Kunden sang- und klanglos aussortiert werden.


Manchmal ist man selbst Schuld an der Sinnlosigkeit der Aufgabe, mal die anderen.

Andererseits ist der Papierkorb in vielen Aufgaben schlicht mit eingepreist.
Beispiel Brainstorming: Wenn zehn Leute an einem Tisch sitzen und ihren Gedanken freien Lauf lassen, sind die meisten davon für die Tonne. Das muss jedem von vornherein klar sein.

Hält der Fotograf drauf, wird am Ende von Dutzenden Motiven nur ein einziges ausgewählt. Ganz ohne Ausschuss geht es nicht.

Arbeiten für den Papierkorb: Das können Sie tun

Dennoch: Wir können Müll vermeiden, auch bei der Arbeit. Zum Beispiel durch diesen Dreisatz:

  1. Koordination: Klare Aufgabenverteilung verhindert Dubletten.
  2. Kommunikation: Genaue Briefings sorgen dafür, dass jeder weiß, was er zu tun hat.
  3. Planung: Eine genau Planung des Projekts vermeidet überflüssige Arbeitsschritte.


Aber das ist noch nicht alles. "Arbeitskräfte scheinen dem Unternehmen den Abbruch eines Projekts allerdings zu verzeihen, wenn ein anderer, weiterhin fortbestehender Zweck der Arbeit glaubhaft vermittelt wird", sagt Jeworrek.

Die negativen Leistungseffekte würden vollständig ausgeglichen, wenn die ursprüngliche Aufgabe einen anderen Sinn erhält. Offensichtlich ist es nicht entscheidend, dass die ursprüngliche Sinngebung verlorenging. "Was wirklich zählt ist, dass die Aufgabe überhaupt einen Sinn hatte."

Das hänge aber auch vom Charakter der Beteiligten ab. Sehr skeptische, misstrauische Personen könnten weiterhin unmotiviert sein - weil sie argwöhnen, die neue Sinngebung der Arbeit werde sich am Ende wieder als nutzlos herausstellen. Gutgläubigen Menschen sei ein neuer Sinn leichter zu vermitteln.

Die Moral von der Geschicht': Lassen Sie Ihre Mitarbeiter - und sich selbst - so selten wie möglich für den Papierkorb arbeiten. Und wenn Sie's doch tun, dann schauen Sie sich dringend nach einer gescheiten Zweitverwertung um.

Papierkorb: Mehr ist weniger!

Papierkorb: Mehr ist wenigerDas ist kein Widerspruch: Wer mehr in den Papierkorb wirft, muss weniger für den Papierkorb arbeiten.

Alle Aufgaben, die auf Ihrem Schreibtisch landen, aber erkennbar völlig sinnlos sind, sortieren Sie am besten direkt aus - gemäß des Eisenhower-Prinzips. So kommen Sie erst gar nicht in die Versuchung, Zeit in überflüssige Angelegenheiten zu investieren.

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