Was für ein phantastisches Zeitalter! Dank des Internets sind wir immer globaler verdrahtet, teilen Kontakte und Wissen und werden dabei auch noch immer schlauer... Denkste! Zumindest was das Schlauerwerden anbelangt. Leider gibt es auch einen gegenteiligen Effekt, den erst kürzlich Forscher um Dan M. Kahan von der Yale Universität untersucht haben. Man könnte auch sagen: Während die Zahlen, Daten und Fakten, die wir tagtäglich konsumieren, zunehmen, sinkt unsere Bereitschaft diese sorgsam zu prüfen. Oder anders formuliert: Wir gehen immer laxer damit um und neigen zu Kurzschlüssen, von denen wir auch noch überzeugt sind, dass sie stimmen. Noch zu kryptisch? Dann machen Sie doch einen kleinen Selbstversuch...

Zahlensalat Statistik Null Eins Binaerzahlen

Selbsttest: Wie würden Sie entscheiden?

In den Experimenten zur Studie fragten die Wissenschaftler ihre Probanden wie die etwa die Wirkung eine Heilcreme bewerten würden. Dazu zeigten ihnen die Forscher ein paar Untersuchungsergebnisse in Form von Zahlen, diese:

Ausschlag
wurde besser
Ausschlag
wurde schlechter
Creme-Nutzer 223 75
Creme-Alternativen 107 21

(Einer weiteren Gruppe zeigten die Forscher ein ähnliches Chart nur mit vertauschten Spalten.)

Natürlich fragten Kahan und seine Kollegen die Studienteilnehmer auch ein paar weitere Dinge ab, um festzustellen, wie gut diese mit Zahlen umgehen konnten. Und die Teilnehmer waren eigentlich ganz gut in Mathe...

An der Stelle wollen Sie sich vielleicht noch mal die obige Tabelle ansehen: Nur zu. Wie hätten Sie geurteilt? Sieht so aus, als sollte man die Creme kaufen, oder?

Traue keiner Statistik!

Klar, Sie sind durch die Vorgeschichte schon alarmiert und sagen sich: Das Offensichtliche kann es wohl nicht sein... Stimmt.

Aber genau das ist ja das Problem: Wir gehen mit der Vielzahl der Zahlen, die auf uns einprasseln, so lax um, dass wir meist nur noch das Offensichtliche wahrnehmen, aber das muss eben nicht die Wahrheit sein.

Hier also der zweite Blick, der ein bisschen mehr Anstrengung erfordert:

Setzen Sie die Zahlen ins Verhältnis!

  • In der ersten Zeile nutzten insgesamt 298 Probanden die Creme. Doch bei 25 Prozent (75 von 298) verschlechterte sich der Ausschlag dadurch sogar.
  • Im zweiten Fall nutzen 128 Probanden Alternativen. Aber bei nur 16 Prozent wurde es dadurch schlimmer. Oder positiv formuliert: Die Alternativen heilten den Ausschlag durchschnittlich besser.

Das sind natürlich nur beispielhafte Zahlen. Sicher könnte man jetzt darüber streiten, ob 298 oder 128 Probanden ausreichen, um die Qualität einer Hautcreme oder sonstwas belastbar zu prüfen. Aber darum geht es ja nicht.

Es geht darum, wie wir Forschungsergebnisse wahrnehmen und uns von ihnen einlullen lassen oder tatsächlich noch mal nachrechnen (Wir nehmen uns da übrigens nicht aus).

Gefährliche Mischung: Zahlenwust und Ideologien

Vielleicht sagen Sie aber auch: "Bei Hautcreme ist das ja auch irgendwie egal". Möglich.

Aber nehmen Sie dieselbe Tabelle, dieselben Zahlen, nur mit einem anderen Zusammenhang: Etwa eine Stadt, die über ein Schusswaffengesetz abstimmen möchte...

Kriminalitätsrate
gesunken
Kriminalitätsrate
gestiegen
Waffentragen erlaubt 223 75
Generelles Waffenverbot 107 21

(Auch das ist natürlich nur ein Beispiel!)

Eine solche Entscheidung hätte wohl eine andere Tragweite als der obige Hautcreme-Quiz, zumal bei der Frage (gerade in den USA) auch noch Ideologien aufeinander prallen. Und genau an diesem Punkt vertrauen die Menschen erst recht jenen offensichtlichen Zahlen, die in ihr Weltbild passen. Fatal!

Wie die Wissenschaftler um Dan M. Kahan feststellen konnten, ist es eben jene gefährliche Kombination aus vielen Zahlen, die man irgendwo herbekommt, und Ideologien (Klimawandel, Religion, Gen-Food, usw.), die uns regelmäßig auf beiden Augen erblinden lässt. Gut, wer da ab und an noch mal zum Taschenrechner greift...

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