Kürzlich erhielt die Karrierebibel-Redaktion diesen Hilferuf einer Leserin: Sie wünscht sich Tipps, wie Absolventen ohne große Berufserfahrung Ihre Kompetenzen überzeugend darstellen können, ohne zu dick aufzutragen oder gar zu lügen. Unsicher sei sie besonders, wie Sie Ihre Soft Skills am besten rüberbringen könne. Dieser Bitte um Unterstützung kommen wir gerne nach …

Ich bin nichts, ich kann nichts – diesen Eindruck haben viele Absolventen angesichts dessen, was Unternehmern von Berufsanfängern erwarten. Als größtes Manko sehen sie ihre fehlende Berufserfahrung. Und, richtig, die kommt im Studium leider immer noch zu kurz. Das wissen die Unternehmen aber auch – und verwenden diese Schwäche gern, um Neulingen mehr Dankbarkeit für einen Job abzuringen.

Sie können mehr, als Sie denken!

Oft ist das Problem aber, dass Studenten gar nicht wissen, was sie eigentlich alles auf dem Kasten haben. Welche Kompetenzen sie bei diversen Aktivitäten erworben haben – einfach, weil Sie noch nie darüber nachgedacht haben. Beispiel gefällig?

Ein Informatik-Student ist vielleicht seiner alten Jugendgruppe treu geblieben. Nur ist es für ihn längst nicht mehr der Ort, an dem er seine Freunde trifft. Heute leitet er dort die Internet-AG. Er schließt zwei Mal in der Woche den Rechnerraum auf, beaufsichtigt eine Horde Pubertierender, erklärt mit Engelsgeduld gegen die kurze Aufmerksamkeitsspanne der Jugendlichen an, löscht dauernd Musik-Downloads und Bilder halbnackter Damen von der Festplatte, installiert alle zwei Wochen das Betriebssystem oder den Virenscanner neu und hält obendrein die Hardware in Schuss.

Dass er damit nicht nur Besonderes tut, sondern auch Kompetenzen erworben hat, war ihm nicht klar. Dabei ist er sozial, verantwortungsbewusst, geduldig, belastbar und frustrationstolerant. Und er besitzt technisches Verständnis, handwerkliche Fähigkeiten, pädagogisches Geschick und Durchsetzungsstärke. Das macht ihn aus, und das hat er anderen voraus.

Bevor Sie anderen erklären können, was Sie drauf haben, müssen Sie sich dessen erst Mal selbst bewusst werden. Und zwar gründlich: Kein Ehrenamt, keine Nebentätigkeit, kein studentisches oder außeruniversitäres Engagement ist zu unbedeutend für den Kompetenzerwerb. Deswegen tragen Sie bitte zusammen,

  • was Sie in Ihrem Leben bereits alles gemacht haben,
  • was alles zu der jeweiligen Arbeit gehörte,
  • welche Fähigkeiten Sie dabei gelernt haben oder einsetzen konnten,
  • welche Eigenschaften Ihnen bei der Tätigkeit halfen.
  • Und zwar ohne faule Ausreden wie “Berufsübliche Tätigkeiten”: Im Zweifelsfall kennt die der Adressat Ihrer Bewerbung nicht. Machen Sie außerdem vollständige Angaben, egal, ob Ihnen das für die aktuell angestrebte Stelle von Bedeutung erscheint oder nicht. Das Sortieren, welche Erfahrung relevant ist, kommt erst zum Schluss.

    Rücken Sie Ihre Kompetenzen ins rechte Licht!

    Dann kleiden sie das Ganze in die richtigen Worte: Indem Sie schildern, was die wesentlichen Inhalte oder Erfolge Ihrer bisherigen Tätigkeiten waren, unterstreichen Sie Ihre Kompetenz am Besten.

    Beispiel Praktikum: Ein Praktikum ist eine gute Gelegenheit, Erfahrungen zu sammeln. Natürlich sollten Sie die entsprechend selbstbewusst präsentieren.

    In meinen sechsmonatigen Praktikum bei Chaos Inc. dokumentierte ich die Entwicklung der betrieblichen Gruppenarbeit im Unternehmen. Dafür trug ich die unternehmensweit verteilten Dokumentationen zusammen, systematisierte und archivierte sie. Aus der Auswertung und einer von mir konzipierten und durchgeführten Mitarbeiter-Befragung entstand eine Dokumentation, die den Erfolg dieses Organisationsmodells zeigt. Die Unternehmensleitung entschied daraufhin, die Gruppenarbeit unternehmensweit einzuführen.

    Wow! Das ist nicht nur ein toller Praktikumserfolg, sondern zeigt auch diverse Kompetenzen dieses jungen Bewerbers: Gründlichkeit, Übersicht, Eigeninitiative, Kommunikationstalent, Präsentationsgeschick, Erfolgsorientierung und die Fähigkeit zu systematischem Arbeiten.

    Beispiel Ferienjob: Erfahrungen kann man auch in Ferienjobs sammeln – insbesondere dann, wenn sie einen Bezug zum Studium haben:

    Seit drei Jahren arbeite ich in den Semesterferien in der Sozietät Dünnbrettbohrer & Partner, einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in Geldern. Nach und nach durfte ich dort immer verantwortungsvollere Aufgaben übernehmen. Zuletzt organisierte ich ein Intranet-Projekt, um wichtiges Firmenwissen für die Mitarbeiter in einem Wiki zu sammeln und allen zugänglich zu machen.

    Na, bitte. Geht doch! Hier stecken neben Zielstrebigkeit und Zuverlässigkeit auch noch eine erste Karriere, Eigeninitiative und Projektmanagement drin. Chapeau!

    Beispiel Trainer: Aber auch mit Engagement im Freizeitbereich kann man punkten:

    Ich bin Jugendtrainer des FC Ballstadt. Neben der Anleitung, Betreuung und Förderung der Jugendlichen gehört dazu auch die Koordination der anderen Trainer und die Organisation des Spielbetriebs.

    Dieser junge Mann belegt neben Organisationsgeschick auch soziale und pädagogische Kompetent und ein hohes Maß an Engagement. Und das ist auch im Beruf hoch angesehen.

    Beispiel Tutor: Als wissenschaftliche Hilfskraft kann man auch dann punkten, wenn man keine Karriere in Forschung und Lehre anstrebt:

    Seit vier Semestern bin ich Tutor am Lehrstuhl für Angewandte Informatik. Ich betreue Bachelor- und Masterstudenten der Kurse “Datenbankmanagement” und “Integrierte Informationsstrukturen”. Außerdem bin ich für die Pflege des E-Learning-Portals des Lehrstuhls und die redaktionelle Bearbeitung der Lerninhalte zuständig.

    Mit so viel Engagement überzeugt man jedes Unternehmen – und öffnet sich außerdem weitere Berufswege, etwa in einem E-Learning-Anbieter oder einer technischen Redaktion.

    Mit Beispielen lassen sich Ihre Fähigkeiten am besten unter Beweis stellen. Sie demonstrieren, wo eine bloße Nennung der Kompetenzen inhaltsleer bleibt. Nur eins sollten Sie sich sparen: Darunter schreiben, welche Fähigkeiten sie damit belegen. Das kann der Personaler selber erkennen.

    Bleiben Sie unbedingt bei der Wahrheit!

    Und wenn Sie nichts derartiges vorzeigen können? Stehen Sie dazu! Punkten Sie mit dem Fachwissen, das Sie im Studium erworben haben. Sie stehen damit nicht schlechter da als ein Großteil Ihrer Kommilitonen. Für einen Einstiegsjob ist das in der Regel auch ausreichend.

    Übertreiben Sie nie bei Ihrer wahren Bedeutung für das Unternehmen. Dass Sie als Praktikant nicht gleich einen Turnaround stemmen, erwartet auch keiner. Es geht lediglich darum, zu zeigen, dass und wie Sie Ihre zahlreichen Kompetenzen gewinnbringend nutzen. Und jeder hat Talente!

    Versuchen Sie bitte nie, sich Kompetenzen anzudichten. Sagen Sie nicht, Sie waren für das Projekt verantwortlich, wenn Sie nur zugearbeitet haben. Ein kurzer Anruf des Personalers bei Ihrem Praktikumsbetrieb entlarvt diese Schummelei. Dass Ihre Sprachkenntnisse nicht so fließend sind wie Sie behauptet haben, fällt spätestens im Vorstellungsgespräch auf – und wirft Sie aus dem Rennen.

    Und nie, nie, nie sollten Sie der wahnwitzigen Idee verfallen, Zeugnisse oder Titel zu fälschen. Auch wenn es noch so verlockend ist, um die eigenen Chancen zu verbessern: Irgendwann fällt es auf – und auf Sie zurück. Sie riskieren nicht nur eine fristlose Kündigung: Urkundenfälschung ist eine Straftat und kann bestraft werden.