Ein Gastbeitrag und Erfahrungsbericht von Matthias Dierkes

Prolog

Ich war auf der Suche nach einem Job. Schnell. Ich brauchte Arbeit und das Geld. Der Weg über die Zeitarbeit schien mir dabei am effektivsten, am einfachsten und erfolgversprechendsten zu sein. Außerdem würde ich so ein paar Erfahrungen sammeln können, um die öffentliche Debatte über Zeitarbeit und ihre Tücken besser beurteilen zu können. Das Ganze hat also auch Elemente eines Selbstversuchs – einen, auf den ich – wie sich im Verlauf herausstellte – lieber verzichtet hätte.

Erster Tag, 22. März 2010

Ich durchforste das Internet nach lokalen Zeitarbeitsfirmen – und finde sofort einen Anbieter. Das Unternehmen ist deutschlandweit tätig, und es gibt auch sofort eine ausgeschriebene Stelle als Produktionshelfer, jedoch ohne nähere Beschreibung der Tätigkeit. Ich rufe und man lädt mich sofort ein, um einen Bewerberbogen auszufüllen. In dem Bogen soll ich Angaben zur Mobilität, Ausbildung und zu meinen bisherigen Berufserfahrungen machen. Was mich wundert: An keiner Stelle wird ein tatsächlicher Nachweis meiner Ausbildung oder der vorherigen Tätigkeiten verlangt.

Kurz bevor ich gehe, höre ich noch durch eine offene Tür, wie die Abteilungsleiterin (vermutlich) mit einer Zeitarbeiterin spricht und ihr mit einem Lachen sagt: „…so können wir Sie aber besser verkaufen.“ Danach revidiert sie das allerdings sofort wieder und sagt: „Sie wissen ja, wie ich das meine!“ Trotzdem habe ich mich in dem Moment gefühlt wie ein Arbeitssklave: Sklaven werden verkauft, Fachkräfte vermittelt. Als ich gehe, verabschiedet man mich mit dem Üblichen „Wir melden uns“.

Donnerstag, 25. März 2010

Ich bekomme einen Anruf von der Zeitarbeitsvermittlung. Sie hätten eine Stelle für mich in einem ortsansässigen Unternehmen. Die Stelle könnte mir noch nicht zu 100 Prozent zugesichert werden, da der Bedarf des Unternehmens nicht vollends geklärt sei. Ich sage, dass ich interessiert bin…

Am späten Nachmittag bekomme ich einen weiteren Anruf – ich kann am Montag in der Spätschicht anfangen und soll bitte noch am Freitag in der Geschäftsstelle vorbeikommen und meinen Personalausweis, Führerschein, Fahrzeugschein (wozu?), Sozialversicherungsausweis, Krankenkassenkarte und natürlich meine Lohnsteuerkarte vorbeibringen.

Freitag, 26. März 2010

Wie vereinbart, erscheine ich mit meinen sieben Sachen in die Geschäftsstelle. Dort erfahre ich zum ersten Mal den Einsatzort, bekomme meinen Arbeitsvertrag, die genauen Arbeitszeiten und muss einen Test zur Arbeitssicherheit machen. Vor dem Test versichert mir die Abteilungsleiterin allerdings, dass ich gar nicht durchfallen kann. Der Test wird anscheinend nur gemacht, damit die Firma später sagen kann, dass der Arbeitnehmer belehrt wurde. Das Ergebnis erfahre ich nie.

Montag, 29. März 2010

Mein erster Arbeitstag. Ich treffe mich eine Viertelstunde vor Schichtbeginn mit der Abteilungsleiterin vor dem Betriebsgelände. Wir gehen gemeinsam hinein und ich fühle mich sprichwörtlich abgeliefert: Sie bringt mich bis in die Produktionshalle und sagt mir, dass ich hier warten solle, ich würde gleich abgeholt. Dann verschwindet sie.

Ich warte 15 Minuten. Dann kommt einer der Verantwortlichen, stellt sich kurz vor und bringt mich zu meinem Arbeitsort. Mir fällt sofort auf: Alle Festangestellten tragen richtige Arbeitskleidung – die Zeitarbeiter (ich bin nicht der einzige) dagegen tragen normale Kleidung und fallen so in der Produktionshalle sofort auf. Dabei hieß es bei meinem Bewerbungsgespräch noch: „In der Halle gibt es keinerlei Unterschiede zwischen Festangestellten und Zeitarbeitern.“

Am Arbeitsplatz angekommen werde ich einem Festangestellten zugeteilt. Er soll mich anlernen und mit mir die ganze Woche zusammenarbeiten. Die Teamarbeit besteht darin, 50 Prozent der Arbeitszeit rumzustehen und zu warten, denn viele Arbeiten dürfen nur von den Festangestellten durchgeführt werden. So geht das bis Schichtende. Insgesamt bin ich 8,5 Stunden im Betrieb, davon sind acht Stunden offizielle Arbeitszeit. Laut meinem Arbeitsvertrag bei der Zeitarbeitsfirma habe ich allerdings eine 35-Stunden-Woche, also nur sieben 7 Stunden pro Tag. Vom ersten Tag an sammle ich so Überstunden an, obwohl ich nur die normale Arbeitszeit vor Ort bin. Seltsam.

Dienstag, 30. März 2010

Zweiter Tag. Heute kann ich natürlich direkt zu meinem Arbeitsplatz gehen und dort auf den Schichtbeginn warten. Vorher rufe ich noch in der Zeitarbeitsfirma an, um die Sache mit der 40-Stunden-Woche zu klären. Ich werde auf den Tarifvertrag verwiesen und abgewimmelt. Eine konkrete Antwort erhalte ich nicht. Also zurück zur Arbeit, sie gefällt mir. Nur die festangestellten Mitarbeiter sind sehr distanziert gegenüber den Zeitarbeitern. Das Klima ist zum Teil eisig.

Mittwoch. 31. März 2010

Dritter Tag. Am Ende der Schicht wird der neue Schichtplan veröffentlicht. Mein Name steht nicht darauf. Ich gehe zum Schichtleiter und frage nach dem Grund. Er sagt mir, dass das Unternehmen in der nächsten Woche keine Arbeit mehr für mich hat. Ich solle mich doch bitte an meine Zeitarbeitsfirma wenden. Natürlich erreiche ich dort jetzt keinen mehr. Ich gehe frustriert nach Hause.

Donnerstag, 1. April 2010

Als Erstes rufe ich früh morgens bei der Zeitarbeitsfirma an, um den Sachverhalt aufzuklären. Dort wissen die Mitarbeiter allerdings von nichts. Stattdessen sagt man mir, dass ich nächste Woche nicht wieder kommen brauche, da es nicht genügend Arbeit gäbe. Nach dem Gespräch bin ich noch frustrierter. Wie soll es jetzt weitergehen? Mein Plan von der schnellen Jobalternative löst sich zusehends auf.

Zwei Stunden später klingelt das Telefon: die Zeitarbeitsfirma, ich soll am Dienstag doch bitte zur Frühschicht kommen. In der Spätschicht stünde ich für die Woche darauf auch wieder auf dem Schichtplan. Immerhin: Es gibt wieder Arbeit! Trotzdem fühle ich mich mehr und mehr wie ein Spielball zwischen der Zeitarbeitsfirma und dem Kunden. Ich habe überhaupt keine Planungssicherheit und weiß nie, ob ich am nächsten Tag oder in der kommenden Woche noch Arbeit habe. Deshalb kann ich auch mit keinem festen Einkommen rechnen.

Das Klima bleibt zudem rau: Im Betrieb gibt es viel offenes Misstrauen gegenüber uns Zeitarbeitern. Trotz Stempeluhr müssen wir zum Beispiel genau aufschreiben, wann wir gearbeitet haben und das muss dann noch der Schichtleiter unterschreiben. Man fühlt sich wie ein Dauerverdächtiger oder potenzieller Betrüger. Der Spaß schwindet. Ich werde mich vielleicht doch besser nach einer anderen Alternative umsehen…

Epilog

Ich habe die Sache mit der Zeitarbeit inzwischen abgebrochen. Alles ist besser als das. Jeder Zeitarbeiter hat mein volles Mitgefühl und meinen vollen Respekt, der in diesem System dauerhaft arbeiten muss und von dem Verdienst vielleicht sogar noch eine Familie ernähren muss. Wie das in meinem Fall mit einem Bruttoverdienst von rund 1000 Euro im Monat möglich sein soll, weiß ich nicht. Und die 1000 Euro hätte ich auch nur erhalten, wenn ich alle vier Wochen voll gearbeitet hätte. Zeitarbeit? Für mich ist das keine Alternative.