Ismagilov / shutterstock.com Kaum eine Branche wird so ambivalent betrachtet und löst so starke Emotionen aus wie die Arbeitnehmerüberlassung, umgangssprachlich Zeitarbeit genannt. Viele Vorurteile, Horror-, aber auch Erfolgsgeschichten sind mit diesem Begriff verbunden. Selten gelingt es, eine rein sachliche Diskussion zu diesem Thema zu führen. Die Risiken sind grundsätzlich vorhanden, doch Zeitarbeit bietet eben auch Chancen. Deshalb lohnt sich ein differenzierter Blick auf die Branche.

Zeitarbeit: Gibt es den Sprungbretteffekt?

Ollyy/Shutterstock.comImmer wieder hört man das: Arbeitslose haben eine größere Chance auf einen Vollzeitjob, wenn sie zunächst in Zeitarbeit arbeiten.

Aber stimmt das?

Die Bertelsmann-Stiftung hat dazu einmal eine Studie veröffentlicht, Ergebnis: Ja, diese sogenannten Klebe- und Sprungbretteffekte gibt es – sie werden aber regelmäßig überschätzt und sind auch nur langfristig wirksam.

So werden von Zeitarbeitnehmern durchschnittlich sieben Prozent in ein festes Anstellungsverhältnis übernommen. Der Übernahmeeffekt ist allerdings bei kleinen Betrieben ausgeprägter als bei großen. Und er bleibt in allen Branchen deutlich unter 30 Prozent, die dem Klebeeffekt sonst zugeschrieben werden.

So weist die Studie auch nach, dass die Aufnahme von Zeitarbeit kurzfristig keinen substanziellen Vorteil oder eine deutliche Chance auf ein Normalarbeitsverhältnis verschafft. In den ersten Monaten einer Arbeitslosigkeit verharren die Zeitarbeitskräfte vielmehr zunächst in der Zeitarbeitsbranche, während die vergleichbaren Arbeitslosen schneller eine andere Beschäftigung auf dem regulären Arbeitsmarkt finden.

Bei der Vergleichsgruppenanalyse zeigte sich, dass diese eher langfristig wirken. Heißt: Die Wahrscheinlichkeit, einen Vollzeitjob zu bekommen, steigt mit der Dauer der Zeitarbeit. Die Hoffnung auf einen raschen Übergang in ein Arbeitsverhältnis außerhalb der Zeitarbeit gehe dagegen nur selten in Erfüllung.

Zeitarbeit und Karriere: Die Besonderheiten

Das schlechte Image der Zeitarbeit stammt noch aus den Anfangsjahren: 1972 wurde das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz – kurz AÜG – verabschiedet. Das bot leider viele Ausnahmen, die von unseriösen und rein auf den Profit ausgerichteten Unternehmern ausgenutzt wurden. Begriffe wie “Ausbeutung” und “moderne Sklaverei” trafen zu diesem Zeitpunkt eindeutig zu.

Heute ist die Situation jedoch eine andere. Das AÜG wurde in den vergangenen Jahren mehrfach geändert um einen Missbrauch auszuschließen. In der Praxis gibt es diese Missbrauchsfälle jedoch nach wie vor, ihre Zahl sinkt aber kontinuierlich.

Die Kritik an den Zeitarbeitsfirmen reißt dennoch nicht ab. Das liegt vor allem an einigen Besonderheiten der Zeitarbeit zu klassischen Arbeitsverhältnissen:

Was Sozialversicherung, Arbeits- und Kündigungsschutz angeht, sind Zeitarbeitnehmer den normalen Arbeitnehmern gleichgestellt. Unterschiede gibt es aber hier:

  • Die Einsatzorte können häufig und in kurzen Abständen wechseln.
  • Die Bezahlung liegt – zumindest bei geringer qualifizierten Arbeitskräften – unter dem Niveau der festangestellten Mitarbeiter.
  • Die Beschäftigungsverhältnisse sind in der Regel on kurzer Dauer. Der Bundesagentur für Arbeit zu Folge endet ungefähr die Hälfte aller Zeitarbeitsverträge nach nur drei Monaten.
  • Das Gehalt besteht in der Regel aus verschiedenen Leistungen.
  • Feste Teams sind – bedingt durch den schnellen Wechsel der Einsatzorte und Unternehmen – die Ausnahme.

In der Praxis bedeutet das für Sie als Arbeitnehmer: Wenn Sie sich schnell langweilen, Abwechslung brauchen, vielfältige Erfahrungen sammeln wollen und hoch qualifiziert sind, bietet Zeitarbeit eine gute Einstiegsoption in den Beruf.

Für einige Arbeitnehmer ist Zeitarbeit sogar dauerhaft die Wunscharbeitsform.

Zeitarbeit – top oder Flop? Das hängt primär von Ihrer Qualifikation ab

Eines der Hauptargumente gegen Zeitarbeit ist die Bezahlung. Fantasiebeträge von fünf Euro oder weniger pro Stunde sind – glücklicherweise – nicht die Regel.

Zwar gab und gibt es einzelne Unternehmen, die Arbeitnehmer mit solchen Hungerlöhnen abspeisen. Doch diese unseriösen Anbieter sind die Ausnahme und werden nach und nach aus dem Verkehr gezogen.

Fakt ist, dass im Bereich der Arbeitnehmerüberlassung inzwischen eine Lohnuntergrenze von 8,50 Euro gilt. Hierbei handelt es sich wohlgemerkt jeweils um den brutto Stundenlohn.

Um die eigenen Gehaltserwartungen in einem realistischen Rahmen zu halten, empfehlen wir Ihnen einen Blick in den aktuell größten Tarifvertrag (PDF) von iGZ und DGB. Wie in jedem anderen Unternehmen steigt auch hier der Stundenlohn parallel zur Qualifikation, hoch qualifizierte Mitarbeiter werden oft – im Vergleich zu festangestellten Mitarbeitern – wirklich gut bezahlt.

So gelingt der Einstieg

Wenn Sie sich für den Einstieg in die Zeitarbeit interessieren, haben Sie die Qual der Wahl. Wie Sie der Grafik der Bundesagentur für Arbeit unten entnehmen können, gab es 2011 mehr als 17.000 Zeitarbeitsunternehmen:

Von Anbietern wie Randstad, Manpower, Adecco oder GIS haben Sie bestimmt schon gehört, die Bewerbung läuft bei fast allen Unternehmen im ersten Schritt über Online-Formulare auf der Homepage des jeweiligen Anbieters. Es gibt auch spezielle Jobbörsen für Zeitarbeitsplätze wie beispielsweise den Marktplatz Zeitarbeit.

Gefragt sind – im hoch qualifizierten Bereich – vor allem technische und kaufmännische Berufe. Auch im Pflegesektor nimmt der Einsatz an Zeitarbeitern spürbar zu, doch in den angestammten Elektro- und Metallbranchen sinkt der Bedarf an – gering qualifizierten – Zeitarbeitskräften.

Ob und wie eine Übernahme durch ein Unternehmen möglich ist, hängt von dem Vertrag zwischen Zeitarbeitsfirma und Unternehmen ab. Meist gibt es hier gewisse Einschränkungen – beispielsweise das Sie erst nach sechs Monaten Beschäftigung bei der Zeitarbeitsfirma übernommen werden können oder das eine Ablösesumme zu zahlen ist.

Zeitarbeit: Darauf sollten Sie achten!

Vor Ihrem ersten Zeitarbeitsvertrag sollten Sie sich ausführlich informieren. Weiterführende Informationen finden Sie auf der Seite des iGZ – Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen e.V. – und im Merkblatt der Bundesagentur für Arbeit. Und natürlich hilft Ihnen auch unsere Checkliste, die gängigsten Fallstricke zu umgehen.

Checkliste: Das sollten Sie bei der Zeitarbeit beachten

  • Informieren Sie sich im Vorfeld explizit über Erfahrung mit dem für Sie zuständigen Standort des gewählten Zeitarbeitsunternehmens. Gerade bei großen Anbietern ist ein pauschaler Rückschluss nicht möglich, es kommt immer auf das Personal in den einzelnen Standorten und Filialen an.
  • Achten Sie auf die Laufzeit des Arbeitsvertrages. In manchen Fällen kann die Einstellung auch projektbezogen, also für einen bestimmten Auftrag oder Kunden stattfinden. In diesem Fall ist das Ende des Auftrags automatisch auch das Ende Ihres Arbeitsvertrages.
  • Ihr Gehalt setzt sich bei Zeitarbeitsverträgen aus einem Grundgehalt, Zuschlägen und – in vielen Fällen – einer Fahrtkosten oder Versorgungspauschale zusammen. Letztere wird meist nur gezahlt, solange Sie bei einem Kunden der Zeitarbeitsfirma im Einsatz sind. Warten Sie jedoch auf den nächsten Einsatz, fällt diese Pauschale weg.
  • Bestehen Sie möglichst darauf, dass die möglichen Einsatzbereiche im Arbeitsvertrag so exakt wie möglich festgeschrieben werden. So schützen Sie sich vor bösen Überraschungen.
  • Legen Sie im Arbeitsvertrag auch den maximalen Radius fest, in dem Ihre Einsatzorte liegen dürfen.
  • Ist Ihr Vertrag zeitlich befristet, sind Sie – wie bei einem regulären Arbeitsverhältnis – dazu verpflichtet, sich sechs Monate vor Ende des Arbeitsverhältnisses bei der Bundesagentur für Arbeit arbeitslos zu melden.
  • Bei einer möglichen Übernahme in eine Festanstellung müssen Sie sich unbedingt im Vorfeld mit Ihrem Zeitarbeitsunternehmen in Verbindung setzen, bevor Sie dem anfragenden Unternehmen Zusagen machen.
  • Kontrollieren Sie Ihre monatlichen Gehaltsabrechnungen genau. Bei der Vielzahl an Arbeitnehmern, die Zeitarbeitsunternehmen teilweise beschäftigen, kann es ab und an zu Buchungsfehlern kommen. Diese werden in der Regel umgehend korrigiert, Sie müssen sich jedoch bemerkbar machen.
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