„Unpünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige“, lautet ein Bonmot*. Und es laufen derzeit eine Menge Könige herum. Die Leute kommen zu spät zur Arbeit, zu spät zu Meetings, sie sind säumig bei Projektabschlüssen, genauso wie bei Partys oder Rendezvous. Ein Ärgernis, das. Sogar ein großes.
Entschuldigt wird das gerne damit, dass der Deutsche ein Pedant sei. Kein anderer im globalen Dorf nehme die Zeit so ernst wie die teutonische Bürokratenseele. In Lateinamerika zum Beispiel sei immer noch pünktlich, wer zu einer Verabredung eine Stunde später erscheine – more or less. Mag sein. Aber Lateinamerika ist weit weg und hierzulande treibt das Versäumnis die Leute in den Wahnsinn. Nicht einmal nur hierzulande. Eine Umfrage des Personaldienstleisters Randstad etwa hat in den USA ermittelt, dass 54 der Arbeitnehmer vor Wut kochen, wenn sich die Leute notorisch verspäten. Getoppt wird das nur noch durch das Ärgernis Klatsch und Tratsch (60 Prozent).
Die Gründe, warum sich einer verspätet, können allerdings variieren. Bei dem einen ist es Überheblichkeit, beim Chaoten dagegen mangelndes Zeitmanagement oder eine chronische Fehleinschätzung: Seit 20 Jahren fährt er denselben Weg zur Arbeit, früher brauchte er dafür eine halbe Stunde. Dass die Verkehrsdichte seitdem drastisch gestiegen ist, auf der Strecke seit kurzem eine Baustelle liegt, sieht er nicht und plant es auch nicht ein. Seine Entschuldigung: der Stau! Eine wirkliche Entschuldigung ist das nicht, allenfalls eine Erklärung.
Um es klar zu sagen: Unpünktlichkeit ist kein Schicksal, sondern unverschämt, eine – more or less – subtile Form von Arroganz. Sie sagt: Anderes ist mir wichtiger. Ich bin so wichtig, dass ich euch warten lassen kann. Und ich muss mein Verhalten nicht euch anpassen, sondern umgekehrt. Nicht zuletzt wird die Bummelei gar zur Macht- und Dominanzstrategie, wenn man durch sein spätes Erscheinen dokumentiert, dass Meetings ohne einen nicht starten können. Oder indem man nonverbal ausdrückt: Sieh her, ich kanns mir leisten, dich einzufliegen, dich zu bezahlen – und trotzdem warten zu lassen!
Sicher: Pannen passieren. Dafür kann man sich entschuldigen, Besserung geloben und sie auch beweisen. Alles andere aber ist ein Karrierekiller. Der Unpünktliche steht mit dem Überheblichen und dem Unzuverlässigen auf Augenhöhe. Mögen andere Nationen toleranter sein – sie schätzen am Germanen aber exakt auch die Tugend seiner Zuverlässigkeit.
(* “Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige” lautet das andere, bekanntere. Aber es ist nicht logisch, daher verwende ich das obige. Siehe auch Kommentare.)
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Kurosaki
ohja, ich unterschreibe diesen Artikel 1:1. Genau mein Gedankengang. Ist der Verfasser dieses Artikels ein Psychologe?
Jochen Mai
Nein. ;)
Christian
Guter Artikel, full ACK. Auch wenn ich mir ziemlich sicher bin, dass das eingangs erwähnte Bonmot “Pünktlichkeit ist …” lautet, nicht “Un…”.
Jochen Mai
Ja, es gibt auch die Überlieferung mit “Pünktlichkeit” – aber sie hat keinen Sinn: Ein König muss nicht pünktlich sein und kann andere warten lassen – was eben seine Form der Höflichkeit ist. Einen pünktlichen König als höflich zu bezeichnen ist wie der Satz: Macht ist die Eigenschaft der Könige – eine Tautologie eben.
The_Who
Als pedantischer Germane muss ich doch darauf hinweisen, dass das zitierte Sprichwort so nicht richtig wiedergegeben ist. Ergibt ja auch nicht so viel Sinn, warum das ein Zeichen royalen Anstands sein sollte.
http://www.knigge.de/archiv/artikel/die-hoeflichkeit-der-koenige-4702.htm
Sonst aber sehr treffend, hoffentlich lesen das die richtigen Leute :)
Jochen Mai
Das sehe ich anders. Pünktlichkeit ist die Höflichkeit von jedermann. Es ist immer höflich pünktlich zu sein. Warum sollte das also ein Charakteristikum eines Königs sein. Wenn der pünktlich ist, ist er genauso höflich wie alle anderen.
Andersrum wird ein Schuh draus: Ein König kann es sich leisten, unpünktlich zu sein. Der ist nun mal der Chef von allen. Also ist seine Unpünktlichkeit seine Form der Höflichkeit. Denn ein König kann per Definition nicht unhöflich sein!!! Wortstamm: HÖF-lich. Der König ist am Hof zuhause – es ist sein Hof. Wenn also Pünktlichkeit seine Höflichkeit wäre, wäre er unhöflich, wenn er nicht pünktlich wäre. Doch eben das muss er gar nicht sein. Und wer bitte will dem König vorwerfen unhöflich zu sein? Sehr gewagt…
Kurzum: Unpünktlichkeit ist des Königs Höflichkeit.
Eva
Sie beschreiben aber exakt unseren Chef. Rechthaberisch, arrogant, leider ohne Wissens- und Erfahrungshintergrund, viele laute Worte ohne Sinn, Vorwürfe und sogar Beschimpfungen, alles ohne Begründung auch auf der rechtlich gesehenen Ebene – und dazu oben drauf – die Unpünktlichkeit eben, alle müssen auf IHN warten, er telefoniert ununterbrochen, wir warten. Egal, ob es eine Teambesprechung oder ein 4-Augen-Gespräch ist. Er kommt vielleicht gar nicht zum Termin, weil er eben vergessen hat, dass er an einem anderen Standtort auch schon was ausgemacht hat. Wir warten, er kommt, auch mal 5 Stunden später und telefoniert. Wir warten… Zeit haben wir doch alle, schließlich sind wir alle überbezahlt und völlig inkompetent (auch seine Worte)… Nun, einige der Mitarbeiter arbeiten hier teilweise über 30 Jahre und haben diese Abteilung auch sogar geleitet. Er ist bei uns seit diesem Sommer…
fr
Mit dem Vorurteil über Lateinamerika muss ich aufräumen. Ich habe dort ein halbes Jahr lang gelebt. Wenn es ums Geschäft geht, sind auch in Lateinamerika die Leute nicht nur pünktlich, sondern mit deutlichem Vorlauf vor Ort.
Jochen Mai
Danke für den Hinweis.
Roland Kopp-Wichmann
Es gibt verschiedene Arten von Unpünktlichen.
Den Typ, den Sie vor allem beschreiben, hat vor allem ein Statusproblem. Er muss seine Stellung betonen, indem er andere warten lässt.
Pünktlich zu sein, erlebt er als Herabsetzung auf die Stufe, wo all die anderen Normalos sich tummeln. Schrecklich!
Ein anderer Typ kommt immer zwei, drei Minuten zu spät, meist mit einer gut klingenden Erklärung.
So Leute sind nicht wirklich unpünktlich, denn es braucht ein ausgefeiltes Zeitmanagement, um es hinzukriegen, immer genau zwei Minuten zu spät zu kommen.
Diese Menschen haben ein Autonomieproblem. Sie wollen sich nicht vorschreiben lassen, wann sie ihren Laptop zuklappen oder ihr Telefonat beenden müssen, um rechtzeitig zum Meeting zu kommen. Sie kommen – aber zu ihrer Zeit.
Übrigens: beide Zu-Spät-Kommer versäumen übrigens fast nie ihr Flugzeug.
Jochen Mai
Sehr gute Ergänzung. Danke.
Hernandez
mmhh.. wenn man zuhause (also auf dem eigenen hof) königIn ist, ist man schon per se pünktlich. audienzen sind heute ja eher selten :-) – da fällt mir noch der spruch: “gehe nie zu deinem fürst, wenn du nicht gerufen wirst!” ein.
aber im großen und ganzen stimmt es: pünktlichkeit ist eine form der höf-lichkeit.
Silke
Bin auf 180 und dies ist die erste Seite zum Thema Unpünktlichkeit, die mich tröstet! Wie wahr, dass notorisch Zuspätkommende einfach nur arrogante Egomanen sind, die im Glauben leben, das gesamte Universum drehe sich um sie. Gerade zerbricht bei mir eine fast 20-jährige Freundschaft an eben diesem Punkt. Habe mit Engelsgeduld Stunden wartend auf irgendwelchen Barhockern verbracht, gequält gelachelt, wenn Madame dann endlich einschwebte, von ihrem Stress berichtete und noch nicht einmal ein “tut mir leid” über die Lippen brachte. Nach etlichen Jahren bin ich dazu übergegangen, sehr klar und deutlich meine Verärgerung zu äußern, aber Madame ist absolut unwillig und uneinsichtig – jetzt reicht’s! Soviel Arroganz und Dummdreistigkeit braucht kein Mensch und manchmal dauert es einfach etwas länger um einzusehen, dass so ein Verhalten mit Freundschaft recht wenig zu tun hat. Nun geht es mir deutlich besser. Danke!