Der Unfall passierte im Jahre 1903. Der französische Chemiker Edouard Benedictus stieß in seinem Labor an ein Regal und eine Glasflasche zu Boden. Er hörte das Glas springen, aber es zerbrach nicht. Alle Scherben klebten aneinander. Da fiel ihm ein, dass er Nitrocellulose, eine Art flüssiges Plastik, in der Flasche gelagert hatte. Es war längst verdunstet, hatte aber einen eingetrockneten Film auf der Flaschenwand hinterlassen, der die Scherben zusammenhielt. Voilà, das Sicherheitsglas war erfunden. Klebt man mehrere solche Glas-Folien-Scheiben übereinander, entsteht sogar schusssicheres Panzerglas.
Jahre später, in den frühen Vierzigern, ging der Schweizer Ingenieur George de Mestral mit seinem Hund spazieren. Als er zurückkehrte, bemerkte er an seinen Hosen und im Fell des Hundes zahlreiche Früchte der Arctium lappa, der Großen Klette. Die Kugeln waren extrem nervig, da sie sich aus dem Fell nur durch Reißen entfernen ließen. Auch danach ließen die anhänglichen Dinger Mestral nicht los: Er legte sie unter sein Mikroskop und entdeckte winzige, elastische Häkchen, die selbst beim gewaltsamen Entfernen nicht abrissen. Rund acht Jahre forschte er an einer textilen Kopie des Prinzips, dann war der Klettverschluss fertig. 1951 meldete er ihn zum Patent an.
Eigentlich wollte Harry Cover einen synthetischen Spinnwebenersatz entwickeln, eine nicht-tödliche Waffe. Dummerweise pappte seine Erfindung an allen Apparaten, die damit arbeiten sollten. Das Cyanoacrylat verklebte Gewehre, Rohre, Schalter. Irgendwann dämmerte ihm, dass er etwas viel Besseres entdeckt hatte: einen Superkleber. 1958 wurde er zum Patent angemeldet. Da Cyanoacrylat im Nebeneffekt massive Blutungen stoppen kann, wurde der Superkitt bald von Notärzten eingesetzt, um offene Wunden zu verkleben. Im Vietnamkrieg rettete der Stoff vielen Soldaten das Leben.
Das alles ist zwar Jahre her, aber man kann die drei Entdecker immer noch „Scheiße!“ rufen hören (ich glaube nicht, dass sie eine vornehmere Ausdrucksweise wählten). Ihre Erfolgsgeschichten begannen allesamt mit Pleiten, Pech und Pannen. Der Zufall spielte ihnen übel mit. So wie uns allen irgendwann. Der Unterschied zwischen Pechvögeln und Siegern ist nur: Letztere machen was aus dem Mist. Dumme Zufälle sind ein Happening der Möglichkeiten. Wer die Biografien der Erfolgreichen und der angeblich vom Glück Verfolgten studiert, stellt fest, dass viele zig Störfälle überwanden. Sie wählten nur jedes Mal einen anderen Zugang als die meisten: Sie waren aufmerksamer, neugieriger, analysierten die Umstände des Schadens gewissenhafter und nutzten ihn so zum Vorteil. Vor allem aber jammern solche Geister nicht. Allenfalls ein „Scheiße!“ kommt über ihre Lippen. Na und?!



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